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    <title>Ariermythos in Iran: Autoritäre Nostalgie </title>
    <created>Wednesday, September 2, 2026 - 18:00</created>
    <location>Iran, Afghanistan</location>
    <name>jagemast</name>
    <path>https://www.disorient.de/magazin/pahlavi-ariermythos-iran-afghanistan</path>
    <body>Großmachtfantasien vergangener Zeiten: Aus der ideologischen Grundlage der Monarchist:innen und Anhänger:innen des iranischen Kronprinzen Reza Pahlavi kann keine gerechte Zukunft erwachsen, meint unsere Autorin.  
Aktuell erfährt der Ariermythos eine Wiederbelebung – ein Phänomen nationalistischer und faschistischer Ideologien in Iran und der iranischen Diaspora. Was als akademische Diskussion über kulturelle Wurzeln beginnt, entpuppt sich als gefährliches Werkzeug der politischen Instrumentalisierung, das tief in die Geschichte des europäischen Faschismus verstrickt ist.
Bis ins 20. Jahrhundert erstreckte sich von Bengalen bis zum Balkan die Persophonie – das Netzwerk persischsprachiger Regionen, zusammengehalten durch Farsi als Lingua Franca für Administration und Kultur. Doch der europäische Imperialismus machte auch vor der Sprache keinen Halt. Nachdem das Englische Farsi zunehmend vertrieben und die zuvor gebauten Brücken der Persophonie zum Einsturz gebracht hatte, sorgte die Nationalstaatsbewegung für ihren endgültigen Zusammenbruch.
Afghanistan: Urheimat der „Arier“?
Die Entstehung des jungen Afghanistans als postkolonialer Nationalstaat im 19. Jahrhundert erforderte von der Wissenschaft, ein neues Gesellschaftsmodell zu kreieren. Als Grundlage eignete sich der Ariermythos: Er suggerierte eine gemeinsame Abstammung und Herkunft, durch die eine kollektive Identität geschaffen und Afghanistan als die Urheimat eines sogenannten „arischen“ Volkes dargestellt wurde. Der Ariermythos diente als Grundlage homogener nationaler Identitäten und wurde zur rassistischen Ausgrenzung instrumentalisiert.
Einen großen Beitrag zur Etablierung dieses Mythos leisteten die Jungafghanen (Dschavanan-e Afghan) seit den 1930er Jahren. Als meist bürgerliche Tadschiken und Paschtunen, die aus dem Exil zurückkehrten, zählten sie zur Elite und waren vom Nationalismus, Rassismus und Positivismus des Westens sowie der gleichzeitig aktiven jungtürkischen Bewegung im Osmanischen Reich beeinflusst.
Das Ziel der Jungafghanen war es, mit dem Nationalstaat ein neues Gesellschaftsmodell zu erschaffen. Dafür mussten alle Menschen vor dem Gesetz gleichgesetzt werden. Jedoch führte der Wunsch nach Gleichberechtigung zur Polarisierung über die Frage, wer zur „arischen“ oder „nicht-arischen“ Ethnie gehöre, während die Hazara von vornherein ausgeschlossen wurden.
In Afghanistan scheiterte die Etablierung einer islamo-nationalen Identitätsbildung im Gegensatz zu Iran. Dort setzte sich der zwölfer-schiitische Islam als maßgebliche Nationalidentität durch. Iran erreichte der Ariermythos durch iranische Gelehrte, die in den 1920er Jahren in Deutschland lebten, sowie durch Übersetzungen französischer Bücher aus dem annektierten Teil des Kaukasus. Mit Sehnsucht blickten sie auf die angeblich besseren Zeiten vor der Islamisierung zurück und besannen sich auf die einstige imperiale Größe.
Die iranischen „Arierwiederbeleber:innen“ vertreten dabei einen Widerspruch. Sie kritisieren nicht nur den muslimischen Glauben, sondern hegen auch eine ausgeprägte Abneigung gegenüber dem Islam als Religion, die bis zum Hass reicht und projizieren diese auf muslimische Araber:innen. Das ist keine objektive Religionskritik aus emanzipatorischer Perspektive, sondern ein rassistischer Kampf gegen vermeintliche Vertreter:innen der Religion.
Kontinuitäten von Reza Khan bis Reza Pahlavi
Zu den bekanntesten und mächtigsten Anhängern zählt Reza Khan (1878 – 1944), Shah und Gründer der Pahlavi-Dynastie, die Iran von 1925 bis zur islamischen Revolution 1979 beherrschte. In seiner Person werden die Parallelen zwischen dem europäischen Faschismus und dem Ariermythos deutlich: Er ließ tausende Familien aus den kurdischen Gebieten vertreiben und hat den Tod zahlreicher Menschen zu verantworten, als er die Aufstände in Chuzestan gewaltvoll unterdrückte und die sozialdemokratische Regierung in Täbris sowie die demokratische kurdische Republik Mahabad zerschlug. Rücksichtslos setzte er seine Ziele mit faschistischen Methoden durch. Dennoch wird bis heute von einigen als der Modernisierer Irans verehrt.
Sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi (1919 – 1980) gab sich 1965 während seiner Amtszeit als Shah Irans den Namen Aryamehr, um die angeblich „arische“ Erbschaft der Nation zu betonen und die präislamische Geschichte zu idealisieren. Die Universität Teherans und das Nationalstadion erhielten denselben Titel. In Iran wird Nationalismus seit jeher von reaktionären Kräften genutzt, um Demokratiebewegungen und soziale Gerechtigkeit zu verhindern. Auch Mohammad Reza Pahlavis Sohn, der vermeintliche „Kronprinz“ Reza Pahlavi, steht seinen Vorvätern diesbezüglich in nichts nach.
Eklatant ist der Widerspruch heutiger „Arierwiederbeleber:innen“: Sie präsentieren sich als Säkulare und loben den „Modernisierungsschub“ von Reza Khan (Reza Shah), dem Begründer der Pahlavi-Dynastie, der dem Hitlerfaschismus nahestand und Deutschland in den Jahren 1933 – 1939 zum wichtigsten Handelspartner Irans machte. Gleichzeitig berufen sie sich auf Tradition und vorislamische Reiche, die durch militärische Eroberungen von Königen mit selbsterklärter göttlicher Unterstützung von Ahura Mazda, dem zoroastrischen Schöpfergott, entstanden. Sie wünschen sich einen säkularen Iran und berufen sich dabei auf Könige, die eines der größten Imperien der Welt errichteten.
Die Liste der Paradoxien dieses Geschichtsrevisionismus ist lang: Könige, die in ihren Schriften nicht verhehlten, wie viele Völker sie in ihrem imperialen Bestreben in etlichen Schlachten unterworfen oder wie viele Rivalen sie getötet hatten, werden nun als Vorbilder eines neuen Herrschertypus mystifiziert – und ihre Anhänger:innen erkranken an vorislamischer Großreichs-Nostalgie.
Imperialistische Nostalgie ohne Zukunft
Im Kern zeigt sich eine Kontinuität unterschiedlicher autoritärer Machthaber, mal im Gewand des „arisch“-zoroastrischen Königs, mal im Gewand eines vorgeblich muslimischen Regenten. Den Kyros-Zylinder zu nennen, ohne die Verbrechen der Achämeniden wenigstens ansatzweise kennen zu wollen, wird den Iraner:innen sicherlich keine bessere Zukunft und keine Sicherheit vor weiteren Gewaltherrscher:innen bescheren.

Anstatt in Nostalgie zu verfallen, sollten die Menschen ihre Geschichte anhand wissenschaftlich fundierter Quellen beleuchten. Ob sich vor 2500 Jahren jemand aus der Region als „Arier:in“ bezeichnet hat, wird sicherlich nicht die heutigen Probleme lösen – so groß der Begriff auch als Rettungsanker für die eigene Identität scheinen mag.
Anstatt sich in Mythen zu verlieren, wäre es wichtiger zu fragen, warum die Keilschrift erst 1823 durch westliche Philologen entschlüsselt wurde. Und warum sich davor kein iranischer Gelehrter für sie interessierte, wenn sie als so essenzielle Quelle für die angebliche „arische“ Abstammung und kulturelle Identität der Iraner:innen angesehen wird. Am Ende erwächst eine freie und gerechte Zukunft nicht aus der Verklärung vergangener Imperien, sondern aus dem Mut, die eigene Geschichte ungeschönt zu hinterfragen. Sind wir Iraner:innen bereit, die Geister der Vergangenheit loszulassen, um das Heute selbst zu gestalten?  
 
Dieser Artikel ist auf Persisch bei Kanun-e Zanan-e Irani erschienen. 
 

 
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    <title>Rückkehr: Eine rassistische Idee in Zeiten wirtschaftlicher Krise</title>
    <created>Wednesday, August 5, 2026 - 09:40</created>
    <location>Syrien</location>
    <name>Domi</name>
    <path>https://www.disorient.de/magazin/rueckkehr-nach-syrien-joseph-daher-rassistische-idee-wirtschaft-krise</path>
    <body>Rückkehrende Syrer:innen finden eine dramatische wirtschaftliche Lage vor. Erzwungene Rückführungen würden bestehende Konflikte um Arbeit und Wohnraum vor Ort weiter verschärfen.
Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: Returning to Syria - Racist narratives meet economic reality
Während des ersten offiziellen Besuchs des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Deutschland Ende März 2026 erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass etwa 80 Prozent der derzeit in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer innerhalb der kommenden drei Jahre in ihre Heimat zurückkehren sollten, das entspräche mehr als 720.000 Menschen.
Nach umfassender Kritik stellte Merz klar, bei der Aussage handle es sich um den Wunsch des syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa. Zugleich betonte er, diejenigen, die in Deutschland bleiben möchten und gut integriert sind, könnten durchaus bleiben. Al-Scharaa wies die Darstellung von Merz zurück und bezeichnete sie als übertrieben. Er betonte, dass die Rückkehr vom wirtschaftlichen Wiederaufbau und der Verbesserung der Lebensbedingungen in Syrien abhänge. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul stellte sich wiederum hinter die Aussage des Bundeskanzlers.
Unabhängig von diesen „Klarstellungen“ und der fehlenden Umsetzbarkeit eines solchen Vorhabens spiegeln die Äußerungen einen politischen Trend wider, der auf die Rückkehr beziehungsweise Abschiebung syrischer Geflüchteter zielt. Die Zustimmung des Europäischen Parlaments zur Rückführungsverordnung 2026 verdeutlicht den anhaltenden Angriff auf Migrant:innen und belegt die Zusammenarbeit konservativer und rechtsextremer Kräfte.
Gleichzeitig verschärft sich die rassistische und islamfeindliche Stimmung in Europa. Die Pläne für massenhafte Rückführungen sind aber nicht nur wegen ihres rassistischen Charakters abzulehnen. Sie richten sich ebenso gegen die Interessen der syrischen Arbeiter:innenklasse – sowohl in Deutschland als auch in Syrien.
Rückkehr nach Syrien?
Die überwiegende Mehrheit der Syrer:innen in Deutschland und Europa möchte unter den aktuellen Umständen nicht nach Syrien zurückkehren. Zerstörung durch den Krieg, politische Instabilität, Wirtschaftskrise und anhaltende Menschenrechtsverletzungen machen eine sichere Rückkehr unmöglich.
Der syrische Arbeitsmarkt befindet sich weiterhin in einer schweren Krise und insbesondere unter jungen Menschen ist die Arbeitslosigkeit hoch. Es fehlen belastbare Erhebungen, aber Schätzungen für 2025 gehen von einer Jugendarbeitslosigkeit zwischen 14 und 69 Prozent aus. Hinzu kommt, dass rund 83 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse dem informellen Sektor zugerechnet werden. Damit fehlt den meisten Beschäftigten eine soziale Absicherung und rechtlicher Schutz, Millionen Arbeiter:innen sind von Ausbeutung oder einem plötzlichen Einkommensverlust bedroht.
Die Rückkehr von schätzungsweise 1,6 Millionen Syrer:innen seit Dezember 2024 belastet den Arbeitsmarkt zusätzlich. Die meisten von ihnen hatten in den Nachbarstaaten, insbesondere in der Türkei, im Libanon und in Jordanien Schutz gesucht. Zusätzlich kehrten rund 1,9 Millionen Binnenvertriebene in ihre Herkunftsregionen zurück, es sind jedoch weiterhin etwa 5,54 Millionen Menschen innerhalb Syriens vertrieben. Zählt man die noch im Ausland lebenden Syrer:innen hinzu, bleibt mehr als die Hälfte der Bevölkerung vertrieben.
Nach Angaben des UNHCR setzt die Rückkehr bereits ohnehin überlastete öffentliche Infrastruktur und die sozialen Dienstleistungen unter zusätzlichen Druck – insbesondere in Regionen mit vielen Binnenvertriebenen und Rückkehrer:innen. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist lediglich etwas mehr als die Hälfte der öffentlichen Krankenhäuser voll funktionsfähig, und nur etwa ein Drittel der Gesundheitszentren arbeitet im Normalbetrieb.
Gleichzeitig ist mehr als ein Drittel aller Schulen beschädigt oder zerstört. Auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) betonte im Mai 2025, dass fehlende wirtschaftliche Perspektiven und mangelhafte Dienstleistungen die größte Herausforderung für rückkehrende Syrer:innen darstellen.
Der Bedarf für den Wiederaufbau Syriens ist enorm. Die Weltbank geht von Kosten in Höhe von 216 Milliarden US-Dollar aus, was circa dem zehnfachen des gegenwärtig geschätzten Bruttoinlandsprodukts des Landes entspricht. Neun von zehn Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, fast 17 Millionen sind auf unmittelbare humanitäre Hilfe angewiesen und mehr als neun Millionen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit.
Im Juli 2025 erhöhten die syrischen Behörden die Gehälter im öffentlichen Dienst um 200 Prozent, im März 2026 noch einmal um die Hälfte. Dennoch reichen die Einkommen weder im öffentlichen noch im privaten Sektor aus, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Dasselbe gilt für den gesetzlichen monatlichen Mindestlohn, der nach einer drastischen Erhöhung mit 1,256 Millionen syrischen Pfund (entsprach Mitte Juni 2026 etwa 94 US-Dollar) weiterhin weit unter dem Existenzminimum liegt.
Eine massenhafte Rückkehr syrischer Geflüchteter würde also eine ohnehin angespannte Wirtschaft zusätzlich belasten. Gleichzeitig gingen die Rücküberweisungen aus dem Ausland in einem solchen Fall stark zurück.
Überweisungen zum Überleben
Die meisten Syrer:innen sind auf finanzielle Unterstützung durch Angehörige im Ausland angewiesen. Nach Schätzungen belaufen sich die Rücküberweisungen auf rund vier Milliarden US-Dollar jährlich und kommen seit 2011 primär aus Europa und den Golfstaaten. Mit jährlich zwischen 300 und 400 Millionen Euro sind Überweisungen aus Deutschland die wichtigste europäische Quelle, was sich auf die fortschreitende Integration syrischer Geflüchteter in den deutschen Arbeitsmarkt zurückführen lässt.
Nach 2011 waren die Rücküberweisungen lediglich eine Ergänzung der Einkommen, mit der Zeit aber wurden sie immer wichtiger. Mit der fortschreitenden Entwertung der syrischen Währung und anhaltend hoher Inflation sind sie für viele Familien mittlerweile die wichtigste oder sogar einzige Einkommensquelle zur Sicherung des Lebensunterhalts.
Seit dem Sturz des Assad-Regimes werden Überweisungen auch für den Wiederaufbau zerstörter Häuser genutzt. In manchen Regionen haben sich gemeinschaftliche Initiativen gebildet, die mit Geldern aus der syrischen Diaspora Gebäude und lokale Infrastruktur reparieren.
Immobilienprojekte in einer Wohnraumkrise
Auch 2026 leidet Syrien weiter unter einem massiven Mangel an Wohnraum und einer weitgehend zerstörten Infrastruktur. Nach dem Humanitarian Needs and Response Plan (HNRP) für das Jahr 2025 ist rund ein Drittel der Wohnungen beschädigt oder vollständig zerstört. Wichtige Infrastruktur wie Straßen, Wasser- und Stromnetze oder die Abwasserversorgung sind in weiten Teilen des Landes nicht funktionsfähig.
Ein umfassender Wiederaufbauplan fehlt und so entstanden in mehreren Städten lokale Proteste gegen Immobilienprojekte, die mehr Profit erzielen als den dringend benötigten Wohnraum schaffen sollen. In Homs setzte die Bevölkerung des Stadtteils Qarabis das kuwaitische Unternehmen Al-Omran Real Estate Development Company unter Druck, Teile seines Projekts „Boulevard of Victory“ aufzugeben, das viele Bewohner:innen aus ihren Häusern verdrängt hätte.
Auch in Damaskus konnte die Bevölkerung ein Bauvorhaben verhindern, das den al-Jahiz-Park – eine der letzten verbliebenen öffentlichen Grünflächen der Stadt – in ein kommerzielles Areal mit Cafés und Parkplätzen verwandeln sollte. Anfang Mai 2026 demonstrierten Bewohner:innen der Stadtteile Mezzeh, Kfar Souseh und Basateen al-Razi gegen die Anwendung des Dekrets 66. Dieses wurde 2012 verabschiedet und ermöglicht die Modernisierung „informeller oder illegalisierter Wohnanlagen“ durch Immobilienprojekte.
Neben der sinkenden Kaufkraft und den sich verschlechternden Lebensbedingungen leidet ein Großteil der Bevölkerung unter extrem hohen Mieten und Immobilienpreisen. Anstatt bezahlbaren Wohnraum und öffentliche Infrastruktur für die breite Bevölkerung zu schaffen, dienen die geplanten Immobilienprojekte vor allem einer wohlhabenden Elite.
Diese Wohnungspolitik ist Teil einer umfassenderen politökonomischen Strategie. Al-Scharaas Regierung reagiert auf die anhaltende Wirtschaftskrise mit Austeritätspolitik und marktorientierten Entwicklungsmodellen.
Austerität als Antwort auf die wirtschaftliche Krise
Bereits unter dem Assad-Regime wurden Sozialleistungen kontinuierlich abgebaut. Der Anteil der staatlichen Ausgaben für Subventionen und andere Unterstützungsprogramme sank von 15,5 Prozent des Staatshaushalts im Jahr 2010 auf 5,6 Prozent 2024. Gleichzeitig verringerte die anhaltend hohe Inflation die Kaufkraft großer Teile der Bevölkerung immer weiter.
Die Wirtschaftspolitik der neuen syrischen Führung stellt in dieser Hinsicht keinen Bruch dar. Im Gegenteil, nach Ankündigungen von Kürzungen der Staatsausgaben verkündeten die neuen Machthaber, bis zu einem Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst entlassen zu wollen.
Bereits im Dezember 2024 wurde außerdem der Preis für subventioniertes Brot von 400 syrischen Pfund (für 1.500 Gramm) auf 4.000 syrische Pfund (zunächst für 1.200 Gramm, seit Mai 2026 für 1.050 Gramm) erhöht. Das entspricht einer Preissteigerung von rund 1.365 Prozent und verschärfte insbesondere die Ernährungsunsicherheit der ärmsten Bevölkerungsschichten.
Gleichzeitig hob die Regierung die Subventionen für Treibstoffe und Erdölprodukte auf, wodurch die Produktionskosten sowohl in der Landwirtschaft als auch im verarbeitenden Gewerbe erheblich anstiegen. Im Oktober 2025 kündigte die syrische Regierung außerdem eine drastische Erhöhung der Strompreise an, im Januar 2026 stiegen die monatlichen Stromrechnungen dann von zuvor durchschnittlich 0,85 bis 4 US-Dollar auf Beträge zwischen 50 und 169 US-Dollar.
Damit führt die neue Regierung die politökonomische Ausrichtung der vorausgehenden Regierung eher fort als sie zu überwinden. Syrien steht weiterhin vor tiefgreifenden strukturellen Problemen: unter anderem eine instabile Währung, ein geschwächtes Finanzsystem, zerstörte Infrastruktur, geringe Kaufkraft, hohe Produktionskosten und ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Dennoch verfolgt die Regierung ein Wirtschaftsmodell, das auf kurzfristige Gewinne und vor allem auf den Dienstleistungssektor abzielt – zulasten der produktiven Bereiche der Wirtschaft und einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. Gleichzeitig fehlt ein wirksamer Schutz der heimischen Produktion gegenüber ausländischer Konkurrenz, insbesondere in Industrie und Landwirtschaft.
Die beschleunigte wirtschaftliche Liberalisierung verschärft diese Entwicklung. Ende Januar 2025 senkte Damaskus die Zölle auf mehr als 260 türkische Produkte, dabei hatte das syrische Handelsdefizit gegenüber der Türkei mit 3,26 Milliarden US-Dollar 2025 bereits einen historischen Höchststand erreicht.
Anhaltende Arbeits- und sozialpolitische Kämpfe
Die wachsende Unzufriedenheit von Arbeiter:innen im öffentlichen, privaten und informellen Sektor mündet seit Beginn des Jahres in eine Reihe von Protesten und Streiks. Im Regierungsbezirk Idlib und im ländlichen Aleppo traten Lehrkräfte Ende Januar 2026 in einen groß angelegten Streik, mehr als 1.700 Schulen blieben geschlossen. Die Protestierenden forderten unbefristete Arbeitsverträge, die Wiedereinstellung entlassener Kolleg:innen sowie Lohnerhöhungen.
Auch Beschäftigte anderer Bereiche gingen auf die Straße – darunter Transport- und Industriearbeiter:innen, Studierende, Rechtsanwält:innen und Bäcker:innen. Ihre Proteste zeigen die zunehmende Unzufriedenheit angesichts des anhaltenden Kaufkraftverlusts und des fortschreitenden Verfalls der öffentlichen Dienstleistungen. Zugleich richten sie sich gegen Korruption, Vetternwirtschaft sowie mangelnde Transparenz und fehlende politische Mitbestimmung.
Mitte Mai kam es zunächst in Raqqa, Deir ez-Zor und Daraa zu erneuten Protesten, die sich später auf andere Regionen ausweiteten. Auslöser war die Entscheidung des syrischen Ministeriums für Wirtschaft und Industrie, einen Ankaufspreis für Weizen festzulegen, der unter den Produktionskosten liegt.
Bleiberecht und ein inklusiver Wiederaufbauprozess
Ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung und den Wiederaufbau der zentralen staatlichen Infrastruktur würde eine massenhafte Rückkehr syrischer Geflüchteter die ohnehin prekäre sozioökonomische Lage im Land weiter verschärfen.
Die Rücküberweisungen der syrischen Diaspora bleiben unverzichtbar, um den Zugang zu grundlegenden Gütern und Dienstleistungen zu ermöglichen. Geldüberweisungen fördern jedoch in erster Linie den Konsum und sind keine produktiven Investitionen in die nationale Wirtschaft. Sie sind ein Instrument des Überlebens, aber keine Basis für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.
Anstatt mit der Rückführung syrischer Geflüchteter zu drohen, sollten Deutschland und die Europäische Union den Aufenthalt syrischer Flüchtlinge rechtlich dauerhaft absichern. Mit dieser Stabilität könnten Syrer:innen sich frei zwischen ihrem Aufnahmeland und Syrien bewegen und eine aktivere Rolle beim Wiederaufbau Syriens spielen.
Statt unrealistische massenhafte Rückführungen anzukündigen, sollten deutsche und europäische Entscheidungsträger:innen einen inklusiven Wiederaufbauprozess sowie eine breitere demokratische Beteiligung innerhalb Syriens fördern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich autoritäre Entwicklungen weiter verfestigen und politische wie wirtschaftliche Ausgrenzung zunimmt. Das würde neue Anreize schaffen, Syrien zu verlassen und anderswo nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu suchen.
 
 
 
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    <title>Returning to Syria: Racist narratives meet economic reality</title>
    <created>Wednesday, August 5, 2026 - 09:07</created>
    <location>Syrien</location>
    <name>Domi</name>
    <path>https://www.disorient.de/magazin/return-to-syria-joseph-daher-racist-narratives-meet-economic-reality</path>
    <body>Syrians returning to their homeland face a dire economic situation. Forced returns could aggravate social conflicts over work and housing.
This article is part of a dossier on migration and freedom of movement between Syria and Germany, published by dis:orient in cooperation with the Rosa Luxemburg Foundation Beirut. All articles are published in German and English.
During the first official visit of Syrian Interim President Ahmed al-Sharaa to Germany at the end of March 2026, German Chancellor Friedrich Merz declared that "about 80% of the Syrians currently living in Germany should return to their homeland" over the next three years — more than 720,000 people.
After his statement was criticised, Merz clarified that he was merely expressing the stated wish of interim President al-Sharaa, and that those "who wish to remain in Germany and are well integrated will be able to remain in Germany." Al-Sharaa rejected Merz's claim, characterising it as "somewhat exaggerated", and insisted that returns would depend on economic reconstruction and improved living conditions. Meanwhile, German Foreign Minister Johann Wadephul endorsed Merz's statement, while pointing out that "what the Chancellor says is, of course, the goal of the federal government."
Setting aside the "clarifications" of the German chancellor, and the practical impossibility of such a plan, these declarations reflect a wider political trend in Europe towards calls for the return and deportation of Syrians. The European Parliament's support of the Return Regulation in March 2026, which expands "the EU's punitive and restrictive detention and deportation plans", demonstrated the ongoing hostility towards migrants and collaboration between conservatives and the far right.
This contributes to the growing atmosphere of racism and Islamophobia in Europe. But the plans of mass returns must not be rejected only for the racism that underpins it. These attempts are directed against the interests of Syrian working classes, both in Germany and in Syria.
Return to Syria?
A large majority of Syrians in Germany and Europe do not want to return to Syria under the current conditions of wartime destruction, political instability, economic crisis and ongoing human rights violations. The Syrian labour market remains disrupted and unemployment is high, particularly among the youth. While there are no clear figures for the rate of unemployment in Syria due to the absence of periodic and regular labour force surveys, estimates for 2025 range from 14% to 69% youth unemployment. In addition, 83% of the Syrian labor market is reportedly informal, meaning workers are not guaranteed access to social security and legal protection, leaving millions vulnerable to exploitation or sudden income loss.
The return of Syrians has further strained the labor market, which does not have the capacity to absorb them. Most of the estimated 1.6 million Syrians who returned since the fall of the Assad regime in December 2024 had taken refuge in neighboring countries, especially Turkey, Lebanon and Jordan. In addition, an estimated 1.9 million internally displaced people (IDPs) returned to their areas of origin, while approximately 5.54 million IDPs remained displaced nationwide.
According to the UNHCR, "these movements continued to place pressure on already overstretched services and infrastructure, particularly in areas hosting displaced populations and high numbers of returnees." According to the UN, only 57% of public hospitals are fully functional, and only around a third of the primary health care centers are operational, while more than a third of the schools are damaged or destroyed. The International Organization for Migration in May 2025 underlined that the "lack of economic opportunities and essential services pose the greatest challenge for Syrians returning to their communities."
Syria's needs are acute: the cost of reconstruction is estimated at $216 billion by the World Bank, equivalent roughly to ten times Syria's current estimated GDP. More than half of Syrians remain displaced, either internally or abroad. Nine out of ten live below the poverty line, nearly 17 million require urgent assistance to survive and more than nine million face acute food insecurity.
Although the Syrian ruling authorities raised public-sector salaries and pensions by 200% in July 2025 and 50% in March 2026, most of the population, whether employed in the public or private sector, still cannot cover their monthly expenses with their salaries. Though the minimum wage was increased to 1,256 million Syrian pounds (SYP) per month (around $94)*, it is far from enough to sustain an average person's livelihood. The average cost of living for a five-person family was almost ten times higher than the minimum wage at the beginning of 2026.
Under these conditions, the mass return of Syrian refugees would increase the pressure on the labour market, which is already characterised by low salaries and a very low level of social protection. In addition, it would cut the flow of remittances to the country.
Remittances for Survival
Large segments of society rely on money transfers from relatives abroad amounting to around $4 billion annually, according to estimates from earlier this year, with Europe and Gulf countries the main sources since 2011. Germany is the main source for remittances from Europe, between €300 and €400 million annually, due to the progressive and ongoing integration of Syrians in the German labor market.
Remittances in Syria evolved in the past decade from a supplemental resource into a primary structural requirement for household survival. These flows have played an increasingly critical role in sustaining livelihoods, often becoming the main source of income for many households as their purchasing powers were reduced as a result of the depreciation of the national currency and rising inflation.
In certain cases, and particularly since the fall of the Assad regime, remittances have been used by families to rebuild their households, and collective initiatives in some areas have emerged, benefiting from diaspora remittances, that rehabilitate specific infrastructure or buildings. These examples remain quite rare, however.
Real Estate Projects in a Housing Crisis
The country continues to suffer a deep and combined housing and infrastructure shortfall. According to the 2025 Humanitarian Needs and Response Plan (HNRP), "one-third of the country's housing stock has been damaged or destroyed, while critical infrastructure, including roads, water networks, electricity and sanitation systems, remains largely non-functional."
In this context, and in the absence of any reconstruction plan, several local communities have protested against real estate projects prioritising profit over housing for people in need. In Homs, residents of the Qarabis neighbourhood pressured the Kuwait-based al-Omran Real Estate Development Company to drop parts of its "Boulevard of Victory" plan, which would have threatened their properties and displaced them from their homes.
Similarly, Damascus residents successfully opposed a project that sought to transform Al-Jahiz Park – one of Damascus's last remaining public green spaces – into a commercial space with cafés and parking facilities. In the beginning of May 2026, a demonstration was organized in Damascus by residents of the Mezzeh, Kfar Souseh and Basateen al-Razi neighborhoods affected by Decree 66, which was enacted in 2012 and allows the "redesigning of unauthorized or illegal housing areas" and their replacement with "modern" real estate projects.
Much of the population, already suffering from declining living conditions and low purchasing power, face very high rents and property prices. Instead of building housing and infrastructure for the broader population, these real estate projects serve an elite class able to afford new and expensive housing and accumulate capital. These housing policies run parallel to a larger political economic strategy, responding to a crisis-ridden economy with austerity measures.
Austerity measures as a response to economic challenges
Under Assad, household stability became increasingly dependent on remittances rather than local economic dynamics, particularly as the regime implemented austerity measures and cut social support for the population. The share of spending on public subsidies and other support programmes diminished significantly in the state's budget after 2011, representing 15.5% in 2010 compared to just 5.6% in 2024. In addition, rising inflation led to falling purchasing power for large sectors of the population.
The new Syrian ruling authorities' economic policies have not challenged this reality — quite the opposite. Following the declared reduction of state spending, the authorities quickly announced plans to dismiss up to one-third of the state workforce, targeting employees allegedly receiving salaries without fulfilling their duties. Dismissals have continued across multiple ministries in 2026. Damascus's austerity measures have had a significant impact on the population's purchasing power.
The price of subsidised bread was raised in December 2024 from 400 SYP (for 1,500 grams) to 4,000 SYP (for 1,200 grams and then 1,050 grams since May 2026), representing an increase of around 1365% and exacerbating food insecurity among the most vulnerable. At the same time, the government suspended subsidies on fuel and oil derivatives, increasing production costs across the agricultural and manufacturing sectors. In October 2025, the Syrian government announced a significant increase in electricity prices. In January 2026, tariffs increased from an average of $0.85-$4 per month to bills ranging from $50 and $169. Some families even saw their bills reach as high as $508. This has also severely affected key productive economic sectors, particularly manufacturing and agriculture.
The political-economic orientation of the new ruling authorities has entrenched the economic dynamics present under the former regime. Syria is facing structural economic challenges, including the instability of the Syrian pound, a weakened financial system, destroyed infrastructure, low purchasing power, high production costs, a dearth of skilled workers and more. Yet, the new government is pushing a commercial model based on short-term profit and focused primarily on the service sector to the detriment of Syria's productive sectors, which is not conducive to development.
Meanwhile, no protection against foreign competion has been provided to national industries, with manufacturing and agriculture particularly hard hit. Accelerated trade liberalisation is threatening production even more. In late January 2025, Damascus reduced customs duties on over 260 Turkish products, and by the end of 2025, Syria's trade deficit with Turkey reached an all-time high of $3.26 billion.
Ongoing labour and socio-economic struggles
Increasing frustration among workers in the public, private and informal sectors with the government's economic policies has led to rising protests and strikes since the beginning of the year. In January 2026, teachers in the Idlib and Aleppo rural governorates engaged in the large-scale "Strike for Dignity" demanding permanent employment, the swift reinstatement of those dismissed and salary increases that match the soaring cost of living. More than 1,700 schools closed in these areas during strike, in response to the authorities' failure to honour commitments regarding salary increases and improved working conditions. Other sectors have also mobilised – including transport workers, industrial workers, students, lawyers and bakery owners – demonstrating deepening grievances across the country over the continued erosion of purchasing power and the deterioration of public services. The protests were also directed against corruption, nepotism and a lack of transparency and participation in decision-making processes.
Multiple protests on various socio-economic issues are still ongoing throughout the country. New demonstrations erupted in mid-May, initially in Raqqa, Deir Ez-Zor and Daraa and spreading to other regions, after the Syrian Ministry of Economy and Industry set a new price for wheat widely considered too low, sparking widespread protests among farmers and peasants as the cost of production exceeds the official price.
Right to Stay and an Inclusive Reconstruction Process
Not only are the conditions for a safe and dignified return to Syria absent; without economic recovery and the reconstruction of critical state infrastructure, a mass return of refugees to Syria would only worsen socio-economic conditions and threaten large sectors of society that depend on remittances to survive.
While transfers of money by the Syrian diaspora remain essential for consumption of basic goods and services, they cannot sustain a recovery of the productive sectors of the economy. They fuel consumption rather than productive investment. In other words, they are a tool for survival, but no substitute for sustainable economic development.
Instead of threatening to return Syrians to Syria, Germany and the EU should consolidate the legal settlement of Syrian refugees. This would enable them to stabilise their living conditions and move freely between their host country and Syria. As a result, they could play a more active role in Syria's reconstruction and participate in its economic, social and political life.
Rather than making unfeasible announcements of mass returns, German and European officials should seek to support an inclusive reconstruction process and wider democratic participation within Syria. Otherwise, current challenges risk deepening authoritarian dynamics and entrenching forms of exclusion, both political and economic. This, in turn, would create new incentives for Syrians to seek better opportunities and living conditions abroad.



* based on the exchange rate in mid June 2026
 
 
 


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    <title>Migration aus und nach Syrien zwischen Verwertbarkeit und Widerstand </title>
    <created>Friday, Juli 31, 2026 - 15:59</created>
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    <body>Mit dem Ende des Krieges in Syrien begann in Deutschland die Debatte zur Abschiebung von Syrer:innen. In diesem Dossier analysieren wir die Interessen und Auswirkungen einer Rückkehr nach Syrien und blicken auf Kämpfe für Bewegungsfreiheit. Dekonstruieren wollen wir damit populistische Narrative, in denen es sich häufig um Meinungsmache handelt und seltener um eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Thematik.
Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut  veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch. Read this article in English: Migration between Syria and Germany: From Exploitation to Resistance 
In einer Zeit, in der die Videos der ICE[1]-Attacken Social Media bespielen, trifft Merz’ Aussage, 80 Prozent der Syrer:innen sollten Deutschland in den nächsten Jahren verlassen, auf blanke Nerven. Gleichzeitig sind die Intervalle zwischen schockierend-angsterregenden Neuigkeiten so kurz, dass man sie schnell wieder vom Bildschirm wischt und sich für die nächste Hiobsbotschaft wappnet. Doch oft bleibt eine diffuse Angst.
Dieser Angst, diesem Bauchgefühl, wollen wir uns in diesem Dossier stellen. Denn die 80-Prozent-Forderung ist nicht aus Pappe. Zwar wollen weder Merz noch al-Scharaa hinter der Aussage stehen und nach aktueller Rechtslage sind Rückführungen in diesem Ausmaß rechtlich schlicht unmöglich, doch der Blick in die Welt drängt die Frage auf: Was wäre, wenn? Die Forderung von Massenabschiebungen ist bereits Ausdruck einer zunehmenden Autoritarisierung der Migrationspolitik. Auf EU-Ebene wird das unter anderem an der Einführung der GEAS-Reform im Juni 2026 und den steigenden Zahlen von Abschiebungen deutlich sichtbar.
Die Kritik an Merz’ Vorstoß war breit, sie kam einerseits aus humanitären und migrations-solidarischen Lagern, andererseits aber auch aus wirtschaftsnahen Kreisen. Letztere verteidigen Syrer:innen als wichtige Fachkräfte, allen voran im Gesundheits- und Pflegebereich. Die im Migrationsdiskurs verhandelten Konfliktlinien verlaufen also nicht einfach zwischen einer offenen Migrationsgesellschaft und einer rassistischen Abschottung. Vielmehr bewegen sie sich in einem Spannungsfeld zwischen Anwerben und Abschieben, in dem vielfältige Akteur:innen aufeinandertreffen, von mittelständischen Unternehmen mit Fachkräftemangel bis zu Gewerkschaften und Nachbarschaftscafés.
In diesem Dossier geht es deswegen um die Widersprüche innerhalb der aktuellen Migrationspolitik, mit Blick auf Syrien und das europäische Grenzregime. Wir schauen auf die aktuelle Abschiebepraxis und wagen den Blick auf die Dystopie von ausgeweiteten Massenabschiebungen mit immer weniger rechtlichen Einschränkungen – und zeigen, welche Strategien des Widerstands möglich sind. Gleichzeitig betrachten wir die Utopie, wie Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland aussehen kann.
Unsere Autor:innen beantworten unter anderem folgende Fragen: Was ist das politische Kalkül und was die Interessen hinter Merz’ Aussage und hinter den Reaktionen der öffentlichen Debatte? Was macht die Ankündigung mit Syrer:innen in Deutschland und wie stehen sie zur Frage einer potenziellen Rückkehr? Was sind Strategien gegen Abschiebungen und welche politischen Perspektiven jenseits autoritärer Grenzpolitik sind denkbar?
Die Artikel unseres Dossiers
Im ersten Text des Dossiers bietet der Ökonom Joseph Daher einen Überblick über die politisch-ökonomische Lage in Syrien, mit besonderem Fokus auf die Situation und Selbstorganisation der Arbeiter:innen. Er gibt einen detaillierten Einblick in die Rolle von Rückkehrer:innen für die syrische Wirtschaft und diskutiert eine mögliche Rückkehr im Hinblick auf Arbeit, Wohnen und Wiederaufbau.
Als Nächstes schauen wir der Dystopie ins Auge: Abschiebungen sind bereits jetzt für viele Menschen eine gewaltvolle Realität. Sie passieren bisher in der Regel in den frühen Morgenstunden und aus den Unterkünften heraus, in denen Geflüchtete isoliert leben. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt eine Reaktion der breiteren Öffentlichkeit aus. Wird sich diese Praxis in den kommenden Jahren noch einmal verschärfen? Wie können wir uns den bereits stattfindenden Abschiebungen entgegenstellen? Welche Strategien werden heute schon genutzt und ist eine massenhafte Mobilisierung durch die Nachbarschaften, wie in Minneapolis, auch in Deutschland möglich? Antworten gibt die Sozialarbeiterin und Aktivistin Mel Bennet im Interview.
Hussam al-Zaher bringt den Leser:innen die syrisch-deutsche Perspektive auf die aktuelle Debatte näher. Schon 2015 forderte er: “Sprecht mit uns, nicht über uns!” und gründete das „Flüchtling-Magazin“, das heute kohero heißt. Al-Zaher beschreibt in seinem Text die Wunden des Exils, von denen manche hoffen, dass sie bei einer Rückkehr nach Syrien geheilt würden. Andere fürchten hingegen, ein Neuanfang in Syrien würde diese Wunden erst recht wieder öffnen. Das damals für Syrer:innen Fremde in Deutschland ist heute vertraut(er) geworden, das vertraute Syrien hingegen fremd(er).
Kritik an einer zunehmend autoritären Grenzpolitik kommt auch von Wirtschaftsverbänden. Sie richtet sich beispielsweise gegen Binnengrenzkontrollen, Abschiebungen von Arbeitskräften oder Rassismus. Die Verwertbarkeit von migrantischer Arbeitskraft steht damit schnell im Widerspruch zu massenhaften Abschiebungen. Warum das gleichzeitige Anwerben von migrantischen Arbeitskräften und rassistische Ausschlüsse und Abschiebungen kein Widerspruch sind, analysiert Fabian Georgi. Er diskutiert, inwiefern wir vor einem grundsätzlichen Umbruch und dem Ende einer progressiv-neoliberalen Phase des in den letzten Jahren dominanten Migrationsmanagements stehen.
Die Wiege der materiellen Veränderung liegt in unserer Vorstellung und unseren Ideen, sagt Ta-Nethiti Coates. In diesem Dossier verleiht Hussein Alhaiba der Utopie der Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland Form und Farbe. Seine Geschichten der deutsch-syrischen Zukunft erzählen von Freiheit, Selbstbestimmung und konstruktivem Austausch und zeigen die Möglichkeit von Bewegungsfreiheit als Alternative zu hochgerüsteten Grenzen.
Mit diesem Dossier möchten wir der zunehmenden Repression gegen Bewegungsfreiheit etwas entgegensetzen. Unser Anspruch ist, die Einteilung von Menschen durch Grenzen grundsätzlicher zu hinterfragen, als alleine die sichtbarsten Formen von Grenzgewalt und Abschiebungen zu kritisieren. Dabei geht es uns darum, die offene Migrationsgesellschaft aus der Defensive herauszubringen und Bewegungsfreiheit jenseits staatlicher Kontrolle als ein politisches Projekt denkbar zu machen.
In diesem Sinne wollen wir die Unterteilung in nützliche und nicht-nützliche Migrant:innen oder eine Kritik an Merz’ Aussage aus rein humanitären Bedenken hinter uns lassen. Handlungsmöglichkeiten, bereits stattfindende Kämpfe und die Utopie der Bewegungsfreiheit stehen im Mittelpunkt. Denn vielleicht entsteht gerade in dieser Zeit der autoritären Umbrüche Raum für eine erstarkende Bewegung, die sich der Abschottung entgegenstellt und gemeinsam für eine Welt ohne Grenzen einsteht.
 


[1] ICE steht für die US-Behörde "US Immigration and Customs Enforcement". Sie erlangte Anfang 2026 Aufmerksamkeit, als Bilder von Razzien nach illegalisierten Migrant:innen mit vermummten Beamt:innen, sowie Bilder massiver Gegenproteste um die Welt gingen.
 
 


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    <title>Migration between Syria and Germany: From Exploitation to Resistance</title>
    <created>Friday, Juli 31, 2026 - 06:16</created>
    <location>Syrien, Deutschland</location>
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    <path>https://www.disorient.de/magazin/dossier-editorial-migration-between-syria-and-germany-exploitation-resistance</path>
    <body>With the end of the war in Syria, a debate began in Germany over the deportation of Syrians. In this dossier, we examine the underlying interests at stake and the possible consequences of return, while highlighting ongoing struggles for freedom of movement. Our aim is to deconstruct populist narratives that too often fuel political agitation rather than foster honest engagement with the realities of migration.
This article is part of a dossier on migration and freedom of movement between Syria and Germany, published by dis:orient in cooperation with the Rosa Luxemburg Foundation Beirut. All articles are published in German and English.
At a time when videos of ICE-raids[1] dominate social media, the claim by German chancellor Friedrich Merz that 80 percent of Syrians should leave Germany over the coming years has struck a raw nerve. At the same time, the pace of shocking headlines has become relentless: the intervals between them are so short that each is quickly swiped off the screen, as we brace ourselves for the next. What lingers is a diffuse sense of fear.
It is precisely this diffuse fear that we seek to confront in this dossier. Merz's proposal is not merely rhetorical. Although neither Merz nor Syria's interim president Ahmed al-Sharaa has ultimately stood firmly behind the statement, and although deportations on such a scale remain legally impossible under current law, developments around the world compel us to ask: what if? The demand for mass deportations is itself a symptom of the growing authoritarian turn in migration policy. Across the European Union, this shift is evident in the implementation of the Common European Asylum System (CEAS) in June 2026 and in the rising numbers of deportations.
Criticism of Merz's proposal has come from many directions. Humanitarian organisations and pro-migrant initiatives rejected it, but so did representatives from business and industry. The latter defended Syrians primarily as indispensable skilled workers, particularly in healthcare and elder care. The fault lines within conflicts over migration therefore do not simply divide supporters of an open society from advocates of racist exclusion. They are also shaped by a tension between recruitment and deportation involving a wide range of actors with competing interests, from small and medium-sized businesses facing labor shortages to trade unions and neighborhood solidarity initiatives.
This dossier explores these contradictions in contemporary migration policy through the lens of Syria and the European border regime. We examine current deportation practices, consider the dystopian prospect of expanding mass deportations under ever weaker legal constraints, and explore strategies of resistance that are already being practiced. But we also ask what a future based on freedom of movement between Syria and Germany could look like.
Our contributors address questions such as: what political calculations and interests lie behind Merz's statement and the public responses it provoked? How do these announcements affect Syrians living in Germany, and how do they themselves think about the question of return? What strategies exist to resist deportations, and what political alternatives to increasingly authoritarian border policies can be imagined?
Our dossier contributions
The dossier opens with an analysis by economist Joseph Daher, who offers an overview of Syria's political economy with particular attention to the self-organisation of workers. He examines how returnees would impact Syria's economy and discusses the prospects of return in relation to employment, housing and reconstruction.
We then turn to the dystopia of deportation. Deportations are already a violent reality for many. They typically take place in the early hours of the morning, targeting refugees in often isolated accommodation centers and attracting little public attention beyond isolated cases. Will these practices become even harsher in the years ahead? How can we resist deportations that are already taking place? Which strategies are being used today, and could neighborhood-based mass mobilisation, like in Minneapolis, also emerge in Germany? Social worker and activist Mel Bennet answers these questions in an interview.
Hussam al-Zaher offers a Syrian-German perspective on the debate. As early as 2015, he called on German society to "Speak with us, not about us!" and founded kohero, a magazine on migration. In his contribution, al-Zaher reflects on the wounds of exile. While some hope these wounds might heal through return, others fear that a new start in Syria would only reopen them. What once felt unfamiliar in Germany has, over time, become home. Syria, by contrast, has in many ways become unfamiliar.
Criticism of increasingly authoritarian border policies is also coming from business groups. They oppose, for example, internal border controls, the deportation of workers and racist discrimination. The economic value of migrant labor comes into direct tension with demands for mass deportations. Fabian Georgi examines why the simultaneous recruitment of migrant workers alongside racist exclusion and deportation is not, in fact, a contradiction. He argues that we may be witnessing a fundamental transformation, and the end of the progressive-neoliberal model of migration management that has dominated recent decades.
Ta-Nehisi Coates wrote that "The cradle of material transformation is in our imagination and our ideas." In his text, Hussein Alhaiba gives shape and colour to a utopian vision of freedom of movement between Syria and Germany. His stories imagine a shared Syrian-German future built on freedom, self-determination and mutual exchange, presenting mobility as an alternative to increasingly militarised borders.
With this dossier, we seek to offer a counterpoint to the growing repression of freedom of movement. Our ambition is not only to criticise the most visible forms of border violence and deportation but also to question more fundamentally the ways borders categorise and divide people. We want to advance the vision of an open migration society beyond a defensive position and make freedom of movement beyond state control imaginable as a political project. In this spirit, we reject the distinction between "useful" and "undesirable" migrants, as well as critiques of deportations grounded solely in humanitarian concern. Instead, we place political agency, ongoing struggles and the utopia of freedom of movement at the center of this dossier. For perhaps it is precisely in this period of authoritarian transformation that spaces are opening for a rising movement resisting exclusion and working collectively toward a world without borders.
 


[1] ICE refers to the U.S. agency Immigration and Customs Enforcement. The agency drew international attention in early 2026 after images of raids by masked officers targeting undocumented migrants and large-scale protests against these operations circulated around the world.
 
 


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    <title>Abkommen zwischen Beirut und Tel Aviv: Keine Aussicht auf Frieden</title>
    <created>Wednesday, Juli 29, 2026 - 16:16</created>
    <location>Israel, Libanon</location>
    <name>stokke</name>
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    <body>Israel und der Libanon haben ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Der Trostpreis für den einen bedeutet die Verschärfung innerstaatlicher Konflikte für den anderen. Der Libanon dreht weiter im Teufelskreis. Ein Kommentar.
Am 26. Juni unterzeichneten Vertreter:innen des Libanon und Israels nach fünf Verhandlungsrunden ein Rahmenabkommen unter amerikanischer Vermittlung in Washington. Israel feiert es als Erfolg, da es seinen Rückzug aus dem Südlibanon an die Entwaffnung aller nichtstaatlichen Akteure knüpft. Währenddessen protestieren Hisbollah-Anhänger:innen und Verbündete im südlichen Vorort von Beirut gegen die Übereinkunft. Zwar ist das Abkommen längst kein Friedensvertrag, doch es bricht ein Tabu im Libanon: Erstmals seit über 40 Jahren verhandeln Beirut und Tel Aviv direkt miteinander.
Doch das Abkommen ist vielmehr ein Trostpflaster für Israels Regierung, nachdem die USA das Land von den Verhandlungen mit dem Iran ausgeschlossen haben. Die beiden Länder zwingen damit dem Libanon unfaire Bedingungen auf, welche die inneren Spannungen befeuern und historische Ängste schüren. Aber der Libanon steckt in einem Teufelskreis: Ohne Verhandlungen droht totale Zerstörung nach dem Gaza-Modell, mit Verhandlungen droht ein Bürgerkrieg, wie Hisbollah-Abgeordneter Hassan Fadlallah andeutete.
Für die Vertriebenen aus dem Südlibanon ist die Vereinbarung eine Kapitulation und eine Legitimierung ihrer Vertreibung. Für den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu ist es ein Erfolg, die Sicherheitszone im Libanon so lange aufrechtzuerhalten, wie er es für erforderlich hält, um Israels Sicherheit zu gewährleisten. Eine Sicherheit durch Zerstörung, auf Kosten von mindestens 250.000 Menschen, deren Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Felder und Geschäfte nicht mehr existieren. Seit März besetzt Israel eine zehn Kilometer breite „Sicherheitszone“ innerhalb der international anerkannten Grenzen des Libanons. Einige Tausend Christ:innen in drei Dörfern an der Grenze bleiben dort von der Außenwelt getrennt. Die mehrheitlich schiitischen Dörfer werden systematisch zerstört, wie Videos und Satellitenaufnahmen zeigen.
Der Präsident Joseph Aoun und die multikonfessionelle, überwiegend Hisbollah-kritische libanesische Regierung versuchen, von der amerikanischen Aufmerksamkeit zu profitieren, um die erheblichen Kriegsschäden zu begrenzen und dem Libanon wieder Souveränität zu verschaffen. Im Gegenzug für die Entwaffnung der Hisbollah bieten die USA auch wirtschaftliche Anreize – verlockend für eine Nation, die seit 2019 mehrheitlich unterhalb der Armutsgrenze lebt. Offiziellen Angaben vom Mai zufolge dürfte der Krieg den Libanon über 20 Milliarden US-Dollar kosten, zusätzlich zu den Schäden im Wert von 8,5 Milliarden US-Dollar durch die Eskalation im Jahr 2024. Und die Zerstörung der Dörfer innerhalb der gelben Linie dauert weiterhin an.
Abkommen als Zeichen gegen den Iran
Im Libanon herrscht seit über 50 Jahren die Überzeugung, dass das kleine Land sein Schicksal wegen regionaler Mächte nie selbst in die Hand nehmen durfte. Seit seiner Unabhängigkeit vor über 80 Jahren ist das Land stets in regionale Konflikte verwickelt. Nachdem die USA und Israel den iranischen Obersten Führer Ali Khamenei getötet hatten, entschied sich die Hisbollah zu reagieren und Raketen auf Israel abzufeuern. Viele Libanes:innen sehen das als einen Ausdruck dafür, dass die iranische Revolutionsgarde die Entscheidung für die libanesischen Miliz übernommen hat. Die direkten Verhandlungen mit Israel dienten also dazu, zu zeigen, dass der Libanon für sich selbst verhandeln kann.
Beirut versucht seit März, die Einreise iranischer Bürger:innen in den Libanon durch die Einführung einer Visumspflicht einzuschränken, nachdem Israel mehrmals Hotels und Wohnhäuser in Beirut bombardiert hatte. Begründet wurden die Attacken damit, dass von dort aus die Revolutionsgarde ihre Operationen leite. Der libanesische Außenminister erklärte den iranischen Botschafter zur Persona non grata. Dieser weigert sich jedoch, auszureisen – was den Eindruck verstärkt, dass der Iran Libanons Souveränität nicht respektiert.
Auf der anderen Seite hat der Libanon schlechtere Karten im Vergleich zum Iran. Teheran hatte einen Waffenstillstand im Libanon im Gegenzug zur Wiedereröffnung der Straße von Hormus verhandelt. Aufgrund des weltweiten wirtschaftlichen Drucks, den die blockierte Meerenge auslöste, konnte der Iran am 17. Juni eine Absichtserklärung mit den USA erreichen sowie einen Waffenstillstand für den Libanon. Berichten zufolge hat US-Präsident Donald Trump sogar Druck auf Netanjahu ausgeübt, um die Angriffe auf den Libanon zu stoppen. Eine so starke Karte hat der Libanon nicht, was seine Position im Abkommen mit Israel sehr schwach macht.
Die Macken des Abkommens
Die Schwäche im Rahmenabkommen wurde nicht nur von der Hisbollah und ihren Verbündeten kritisiert, sondern auch von Rechtsexpert:innen und israelischen Analyst:innen. Zu Recht. Sie bemängeln vor allem, dass es faktisch Israel und den USA die Deutungshoheit darüber überlässt, ob der Libanon seine Verpflichtung zur Entwaffnung aller nichtstaatlichen Akteure erfüllt hat. Dazu zählen auch die palästinensischen Fraktionen in den Flüchtlingslagern, über die der Staat seit Jahrzehnten keine Kontrolle hat. Zu Beginn des Entwaffnungsprozesses sollen zwei „Pilotgebiete“ entstehen: eines entlang und eines außerhalb der gelben Linie. Dort soll die libanesische Armee ihre Fähigkeit zur Entwaffnung unter Beweis stellen. Die Prüfung liegt bei Israel.
Viele bezweifeln zudem die Kapazität der Armee, diese Aufgabe zu übernehmen. Schon vor der aktuellen Eskalation hatte die Armeeführung entsprechende Entwaffnungspläne vorgelegt, die jedoch nur symbolisch umgesetzt wurden. Deswegen sieht das Abkommen „die Unterstützung internationaler und insbesondere arabischer Partner unter Führung der Vereinigten Staaten“ vor.
Trump hat mehrfach eine mögliche Rolle Syriens angedeutet, was der syrische Präsident Ahmad al-Sharaa ablehnte. Grund dafür sind Erfahrungen aus der Vergangenheit: Libanes:innen haben Angst vor einem Szenario wie 1990, als ein Deal den Bürgerkrieg mit einer Vormundschaft des Assad-Regimes über den Libanon beendet hatte. Al-Sharaa möchte auch einen weiteren Konflikt mit der Hisbollah vermeiden, der die internen Spannungen in Syrien wiederbelebt. Die Hisbollah hatte während des Bürgerkriegs in Syrien an der Seite des Assad-Regimes gekämpft.
Alarmierend an dem Abkommen ist vor allem, dass sich der Libanon darin verpflichtet, keine politischen oder rechtlichen Schritte mehr gegen Israel vor internationalen Institutionen oder Foren als „vertrauensbildende Maßnahmen“ zu unternehmen. Das könnte bedeuten, dass Kriegsverbrechen im Südlibanon – wie die massive Zerstörung von Dörfern und Angriffe mit Phosphor und Glyphosat – ohne Sanktionen bleiben.
Widersprüche in der Trump-Administration
Das Abkommen ist das Resultat einer amerikanischen Regierung, die kaum eine Strategie in der Region hat, außer ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Das zeigt sich in der widersprüchlichen Abmachung der USA mit dem Iran in der gleichen Woche, in der das Abkommen mit dem Libanon erreicht wurde. Als US-Außenminister Marco Rubio mit Vertreter:innen des Libanons und Israel verhandelte, einigte sich US-Vizepräsident JD Vance am 22. Juni mit dem Iran auf die Einrichtung einer „Deeskalationszelle“ mit dem Libanon. Diese Zelle ist damit beauftragt, den brüchigen Waffenstillstand im Libanon zu überwachen und aufrechtzuerhalten. Mehr Details über die Implementierung gab es nicht. Die Hisbollah und Israel wurden nicht mal erwähnt.
Der Widerspruch zwischen beiden Abmachungen zeigt eine innere Spannung der Trump-Administration im Umgang mit Israel. Vance ist bereit für Zugeständnisse, um die Straße von Hormus zu öffnen und übt zudem vermehrt Kritik an der israelischen Regierung. Auf der anderen Seite gilt Rubio als pro-israelischer Hardliner, der sich bereits gegen das erste Iran-Abkommen mit dem Regime in Teheran unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama ausgesprochen hatte.
Dabei scheinen die amerikanischen Vermittler die Geschichte der gescheiterten Verhandlungen zwischen den beiden Nachbarländern nicht zu berücksichtigen. Unter den Vermittlern befindet sich der US-Botschafter im Libanon, Michel Issa – ein im Libanon geborener und aufgewachsener christlicher Geschäftsmann mit direkten Beziehungen zu Trump. Vieles in diesem Rahmenabkommen erinnert an das gescheiterte Friedensabkommen von Mai 1983, das nie in Kraft trat, aufgrund der Ablehnung der selben politischen Kräfte. Das Ergebnis war, dass Israel 17 Jahre lang den Südlibanon besetzte und die Hisbollah ihre Macht zu einem Staat im Staat ausbaute.
Für die Umsetzung oder Ablehnung des Abkommens trägt allein die libanesische Bevölkerung die Kosten. Zur Wahl stehen Zerstörung, wirtschaftlicher Kollaps und zivile Unruhen – unter dem Schirm eines amerikanischen Hilfsprogramms. Raum für die ersehnte Souveränität bleibt dabei nicht.
 
 
 
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    <nid>7914</nid>
    <title>Bericht: Podcast-Event „Geteilte Erinnerungen im Gespräch“ in Berlin</title>
    <created>Saturday, Juli 25, 2026 - 16:32</created>
    <location>Deutschland</location>
    <name>garcke</name>
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    <body>Zum Finale der ersten Staffel des dis:orient-Podcasts „Geteilte Erinnerung – zwischen Palästina, Israel und Deutschland“ lud der Verein zu einer Abschlussveranstaltung vor Ort in Berlin ein.
Am Freitagabend, den 17. Juli 2026, kamen Podcast-Hörer:innen, dis:orient-Freund:innen, aktive Vereinsmitglieder und Interessierte in Berlin-Neukölln im Casino for Social Medicine zusammen. Gefeiert haben wir an diesem Abend die beinahe abgeschlossene erste Staffel des dis:orient-Podcasts „Geteilte Erinnerung - Zwischen Palästina, Israel und Deutschland“ mit mittlerweile neun Folgen.
Bei der Ankunft konnten die Gäste ein neu gestaltetes Zine erstehen, das dis:orient-Mitglied Jamil Zegrer gemeinsam mit den Podcast-Hosts Kian und Valentin extra für das Event gestaltet hat. Versammelt haben sie darin die stärksten Zitate der Podcast-Gäste, wunderschön von Jamil illustriert. An der Bar wurde angestoßen, während sich der Raum füllte, bis kein Stuhl mehr frei war.
Für das Live-Gespräch hatten sich die Podcast-Hosts Kian und Valentin zwei ihrer Podcast-Gäste eingeladen: Sarah El Bulbeisi (Folge 1) und Tomer Dotan-Dreyfus (Folge 7). Sarah ist Forscherin in München und beschäftigt sich mit Palästinensisch-Sein in Deutschland. Tomer ist in Israel aufgewachsen und hat kürzlich ein Buch veröffentlicht, in dem er sich mit dem Thema des Einheimischseins in Israel und Deutschland auseinandersetzt.
Die Idee der Gesprächsrunde war, von einem reinen Gespräch zwischen Gästen und Hosts in einen Austausch zwischen den Gästen und dem Publikum überzugehen. Als alle ihren Platz gefunden hatten, stellte Vorstandsvorsitzende Henriette Raddatz unsere Arbeit vor und leitete in den Abend ein. Dann hieß es: Manege frei für Gäste &amp; Hosts!
Sichtbarkeit palästinensischer Identität im deutschsprachigen Raum
Sarah, die in der Schweiz aufgewachsen ist, spricht über das Gefühl der Palästinenser:innen, im deutschsprachigen Raum ein Störfaktor zu sein. Sie spricht dabei von „Post-Holocaust-Ländern“ und beschreibt den Prozess der Unsichtbarmachung palästinensicher Identität als „Tabuisierung“.
Wie sie in ihrem Buch „Tabu, Trauma und Identität“ darlegt, beschreibt der Begriff das konforme Verhalten der Gesellschaft, ohne dass staatliche Verbote oder Repression nötig sind. Damit sieht sie die Verantwortung nicht nur beim Staat, sondern auch in der Gesellschaft. Diese nutzt das Tabu als Schutz vor der Konfrontation, die womöglich die eigene Identität in Frage stellen würde.
Die erste Generation an Palästinenser:innen, die in den 1960er-Jahren in den deutschsprachigen Raum geflüchtet sind, schämten sich oft für die Nakba und ihr Dasein. In den Post-Holocaust-Gesellschaften, in denen sie ankamen, war ihr Palästinensisch-Sein nicht erwünscht und wurde unsichtbar gemacht. Um dazuzugehören, passten sich Palästinenser:innen an und versteckten diesen Teil ihrer Identität. Erst in der zweiten Generation fingen einige an, nachzuforschen und die strukturelle Diskriminierung aufzudecken.
Tomer ergänzt mit seiner Perspektive. Er ist in Israel aufgewachsen und spricht davon, dass die Nakba-Erfahrung dort wenig sichtbar ist. Auch sie wird staatlich und gesellschaftlich tabuisiert, vor allem im Bildungswesen und in der Weitergabe von Wissen durch die Generationen. Würden sich jüdische Israelis mit der Vertreibung der Palästinenser:innen auseinandersetzen, die mit der Staatsgründung Israels einherging, müssten sie sich eingestehen, dass ihr Selbstbild auf Lügen gebaut ist.
Multidirektionale Erinnerung
Kian und Valentin stellten den Gästen auch eine Frage, die sie sich selbst im Laufe der Staffel immer wieder gefragt haben: Wenn wir von Erinnerungskultur sprechen, müssen die Nakba und der Holocaust zusammengedacht werden? Sind sie beide Teile der deutschen Kolonialgeschichte? Oder sollten sie getrennt betrachtet werden, da der Bezug zum Holocaust die Nakba immer direkt in Bezug zu etwas anderem setzt?
Tomer und Sarah antworten, dass die Nakba und der Holocaust verflochten sind, denn ohne den Holocaust hätte es die darauffolgende Vertreibung der Palästinenser:innen nicht gegeben – der Zionismus war vor dem Holocaust unter der jüdischen Bevölkerung Europas nicht dominant. Zieht man das in Betracht, wird auch die deutsche historische Verantwortung gegenüber den Palästinenser:innen deutlich.
Gleichzeitig war es Konsens, dass Palästinenser:innen es verdienen, dass ihre Geschichte auch getrennt von der jüdischen besprochen wird.
Fragen aus dem Publikum
Zum Schluss gab es noch Raum für Fragen aus dem Publikum. Besonders interessierten die Gäste folgende Aspekte: Wie kann der „Nicht-Bildung“ der israelisch-jüdischen Gesellschaft entgegnet werden? Kann diese umgekehrt werden? Spielt (politische) Einsamkeit eine Rolle in Sarahs und Tomers Leben? Und wie sieht die Vernetzung innerhalb der palästinensischen Community beziehungsweise zwischen Palästinenser:innen und israelischen Juden und Jüdinnen aus?
Tomer sprach eingangs vom „Nichtwissen“ über die Nakba, das in der israelisch-jüdischen Gesellschaft herrscht, und davon, dass dies vor allem durch das Bildungswesen verfestigt wird. Auf die Frage entgegnet er, dass die Erkenntnis von außen aufgezwungen werden müsste, da selbst NGOs innerhalb des Landes daran gescheitert seien.
Zum Thema der Einsamkeit berichten Tomer und Sarah von unterschiedlichen Erfahrungen. Tomer erfuhr einen graduellen Ausschluss aus der Literaturwelt, aber auch teilweise aus seinem privaten Umfeld. Sarah sprach von einer immer präsenten Einsamkeit aufgrund ihres Palästinensisch-Seins im deutschsprachigen Raum. Dennoch blicken beide auf Communities, in denen sie zu Hause sind, und auf die Vernetzungen untereinander.
Ein großer Dank an alle!
Der Abend klang noch lange aus, die Gespräche zwischen Gästen, Hosts, dis:orientler:innen und Interessierten gaben viel Stoff zum Nachdenken. Die Möglichkeit, als dis:orient vor Ort auf Interessierte und Freund:innen zu treffen, ist eines der Highlights der Vereinsarbeit.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Sarah und Tomer, Kian und Valentin und dem Casino for Social Medicine für den Raum und die Unterstützung am Tag der Veranstaltung.
Ganz herzlichen Dank an alle, die dabei waren und mit uns zugehört, diskutiert und gefeiert haben! Und ein letzter großer Dank an alle, die unsere Arbeit bei dis:orient unterstützen – ganz besonders unsere Fördermitglieder. Falls ihr das noch nachholen wollt, geht das hier.
 
 
 
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    <nid>7913</nid>
    <title>Als al-Sisi Ägypten den Fußball stahl</title>
    <created>Friday, Juli 24, 2026 - 11:45</created>
    <location>Ägypten</location>
    <name>gennrich</name>
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    <body>Begeistert verfolgten Ägypter:innen die WM-Erfolge ihrer Nationalmannschaft. Doch das Regime raubte ihnen die Möglichkeit, ihre Helden zu feiern. Stattdessen setzte der Präsident auf die Exklusivität der Planstadt New Alamein. Ein Kommentar
Die ägyptische Fußballnationalmannschaft der Männer hat Geschichte geschrieben: Nicht nur gewann sie erstmals seit der Weltmeisterschaft 1934 ein Spiel, die Mannschaft erreichte dieses Mal sogar das Achtelfinale. Dementsprechend euphorisch war die Stimmung vieler Ägypter:innen in den letzten Wochen. Zahlreiche Fans verfolgten jedes Spiel und feierten die Erfolge auf Straßen und Plätzen überall im Land. 
Küste statt Kairo
Nach dem Achtelfinal-Aus gegen Argentinien warteten viele sehnsüchtig darauf, ihre Nationalmannschaft bei der Rückkehr in Kairo als Helden willkommen zu heißen. Ein eigens für diesen Zweck gecharterter Flieger von Egypt Air sollte die „Pharaonen“ am Samstag, den 10. Juli, von Atlanta nach Kairo bringen. Doch dazu kam es nicht.
Stattdessen landete das Flugzeug am internationalen Flughafen von El Alamein, unweit der Stadt New Alamein. Die Region, die von Ägypter:innen schlicht als Sahel (dt.: Küste) bezeichnet wird, liegt rund 300 Kilometer westlich von Kairo. Ägyptens Präsident al-Sisi selbst hatte die an der Mittelmeerküste gelegene Planstadt 2018 eingeweiht. Dass der offizielle Empfang durch den Präsidenten ausgerechnet dort stattfand, ist kein Zufall, sondern als vielschichtiges politisches Signal des al-Sisi-Regimes zu verstehen.
Der Geist von 2011
Seit Jahren betrachtet das autoritäre Regime öffentliche Versammlungen jeglicher Art vor allem als Sicherheitsrisiko. Insbesondere Kairo besitzt dabei besondere Symbolkraft: War es doch der Tahrirplatz im Herzen Kairos, auf dem die Proteste im sogenannten Arabischen Frühling 2011 zum Sturz des früheren Diktators Husni Mubarak führten. 
Ein öffentlicher Empfang der Nationalmannschaft hätte vermutlich Hunderttausende auf die Straßen der Hauptstadt gelockt. Aus Sicht der Behörden birgt eine solche Dynamik Risiken – selbst wenn sie zunächst einem sportlichen Anlass gilt. In autoritären Systemen können große Menschenmengen schnell politische Dimensionen annehmen. Der Sicherheitsapparat wollte wohl vermeiden, dass bei Feierlichkeiten auf dem Tahrirplatz der Geist von 2011 wieder auflebt. Die Wahl New Alameins minimierte dieses Risiko erheblich.
Exklusivität statt Nähe zur Bevölkerung
New Alamein ist der Inbegriff dessen, was Ägypter:innen als Compound bezeichnen: umzäunte, begrünte Wohn- und Ferienanlagen mit eigenen Sicherheitsdiensten, in die sich die wirtschaftliche und politische Elite des Landes zurückzieht – abgeschirmt von der Lebensrealität der überwiegenden Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung, die unter hoher Inflation sowie wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidet und zusehends verelendet. Für sie sind Compounds wie New Alamein unerreichbar.
Der Ort steht exemplarisch für eine weitere Strategie des Regimes: Es steckt Milliarden in den Bau neuer Städte, Luxusresorts und Megaprojekte, um ein vermeintlich modernes Bild abzugeben und die grassierende Massenarmut im Land zu vertuschen. Dabei ist New Alamein nicht nur ein Ort des Luxustourismus, sondern dient al-Sisi auch als administrative Sommerresidenz. Während Ägyptens Präsident dort ab 2018 einen von Steuergeldern finanzierten, pompösen Präsidentschaftspalast samt weiterer Regierungsgebäude errichten ließ, litt die Bevölkerung unter harten Sparmaßnahmen. 
Die politische Inszenierung des Erfolgs
Statt eines öffentlichen Empfangs vor Hunderttausenden Fans in der Hauptstadt verwandelte sich die Ehrung in eine staatlich orchestrierte Veranstaltung. Aufnahmen des Empfangs zeigen al-Sisi auf dem roten Teppich in einem prunkvollen Saal. Ein Spieler nach dem anderen kommt in den Raum, schreitet vor den Präsidenten, schüttelt ihm die Hand, tritt wieder ab und macht dem nächsten Platz.
Auffällig ist dabei, dass die Spieler den roten Teppich nicht betreten, sondern am Rand stehen bleiben. Die Bilder vermitteln eine klare Hierarchie: Im Mittelpunkt steht nicht die Mannschaft, sondern der Präsident, der den sportlichen Erfolg staatlich würdigt und für sich vereinnahmt. Einige Spieler müssen sich gar leicht verbeugen, um al-Sisi die Hand zu reichen. Diese Hierarchisierung wird durch die Ortswahl weiter zementiert: Der Präsident bestellt die Mannschaft zu sich, anstatt ihr einen Empfang in Kairo zu ermöglichen. Die Spieler selbst hatten bei all dem keine Wahl.
Internationale Sportveranstaltungen werden seit jeher als Bühne genutzt, um die Leistungsfähigkeit und Legitimität politischer Systeme zu demonstrieren. Die Botschaft ist unmissverständlich: Der Präsident bleibt die höchste Autorität, der auch sportliche Erfolge symbolisch untergeordnet werden. 
Der Empfang der Helden als Tourismusstrategie
New Alamein wird derzeit gezielt mit der Initiative „Yalla Sahel“ vermarktet, hinter der ein Bündnis führender Immobilienentwickler und Unternehmer steht. Die Planstadt soll das neue Cannes des Mittelmeers werden – und damit zum neuen touristischen Aushängeschild Ägyptens. Da die Regierung mit großer nationaler und internationaler Aufmerksamkeit für den Empfang der Mannschaft rechnen konnte, liegt die Vermutung nahe, dass dieser auch zur Bewerbung von New Alamein als Hochglanzdestination dienen sollte.
Die Tatsache, dass das mehrheitlich staatliche Telekommunikationsunternehmen Telecom Egypt (WE) unmittelbar nach dem offiziellen Empfang bekannt gab, Partner für die digitale Infrastruktur der Initiative „Yalla Sahel“ zu werden, unterstreicht diese Vermutung. 
Mehr Schein als Sein
Die beraubten Ägypter:innen, jene fernab vom Sahelglamour, äußerten ihren Unmut in den sozialen Medien, weswegen das Regime für den 13. Juli kurzerhand einen öffentlichen Empfang im Cairo International Stadium anberaumte. Wie der ägyptische, im Exil lebende Journalist Hossam al-Hamalawy treffend beschreibt, sei die Öffentlichkeit von der Straße in einen kontrollierten Raum verlagert worden: Teilnehmende mussten sich über die Ticketplattform Tazkarti registrieren und ihre gesamten Personendaten offenlegen. Dabei ist die Plattform Teil der United Media Service Group (UMS), die Verbindungen zum ägyptischen Geheimdienst hat.
All das zeigt, dass das Regime bestrebt ist, jegliche öffentlichen Veranstaltungen mithilfe von staatlich kontrollierter Infrastruktur zu kanalisieren, um den Zugang zum öffentlichen Raum sowie dessen politische Bedeutung zu regulieren.
Der Empfang in New Alamein war weit mehr als eine sportliche Ehrung. Er steht sinnbildlich für die Prioritäten des ägyptischen Staates: maximale Kontrolle über öffentliche Räume, die Umdeutung nationaler Erfolge als Stärke des Regimes sowie die Vermarktung größenwahnsinniger Projekte. Dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht Teil dieser Rechnung ist und ihr die Feier faktisch entrissen wurde, spiegelt die Diskrepanz zwischen staatlicher Inszenierung und gesellschaftlicher Realität wider. Einmal mehr kommt die zunehmende Entfremdung zwischen Regime und Gesellschaft zum Vorschein. Der Versuch, den Sieg politisch zu vereinnahmen, endete damit in einem Eigentor.
 
 
 
 
 
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    <title>Somaliland: Zwischen Unabhängigkeit und Staatszerfall</title>
    <created>Tuesday, Juli 21, 2026 - 23:29</created>
    <location>Somalia</location>
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    <body>Seit über 30 Jahren ein de facto unabhängiger Staat: Ein Überblick über die Zersplitterung der somalischen Bevölkerung durch koloniale Grenzen, herausfordernde Unabhängigkeit und die Entwicklung staatlicher Strukturen am Horn von Afrika.
Die von Somalis besiedelten Territorien am Horn von Afrika wurden in der Kolonialzeit, zwischen 1880 und 1920, in fünf verschiedene Kolonialstaaten aufgeteilt: das französisch kolonialisierte Dschibuti, das ehemalige britische Protektorat im heutigen Somaliland, die in das heutige Äthiopien inkludierte Ogaden-Region, den zentralen, von Italien kolonisierten Teil mit der Hauptstadt Mogadishu, und einige südliche zur Kolonialzeit britisch kontrollierte Gebiete, die heute Teile Kenias sind. 
Unabhängigkeit und Nationalismus 
Im Jahr 1960 erlangte die somalische Republik ihre Unabhängigkeit. Der neue Staat war ein Zusammenschluss des britischen Protektorats von Somaliland und des italienisch verwalteten Gebiets. Diese Konstellation war ein maßgebliches Ergebnis des somalischen Nationalismus, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstand, welcher 1940–41 auch am Horn von Afrika ausgetragen wurde. Ihm lag die Idee zugrunde, dass sich zunächst das britische Protektorat und das italienische Gebiet vereinigen, dann aber Stück für Stück auch Dschibuti, Ostäthiopien und Nordostkenia – und somit alle somalisch bewohnten Gebiete am Horn von Afrika – integriert werden sollten. Dieses Projekt einer großsomalischen politischen Ordnung führte jedoch unmittelbar zu Konflikten mit den Nachbarländern Äthiopien und Kenia. 
Der postkoloniale Staat in Somalia
Die 1963 gegründete Organization of African Unity legte das Prinzip der Unverletzlichkeit bestehender Staatsgrenzen fest. Demnach sollten die Grenzen afrikanischer Staaten in der Form erhalten bleiben, die sie bei ihrer Unabhängigkeit hatten. An dieser Stelle kollidiert somit das alte Diktum des Selbstbestimmungsrechts der Völker mit einer Ordnung im Namen postkolonialer politischer Stabilität. 
In den 1960er Jahren zählte für die meisten Somalis primär ihre Unabhängigkeit. Doch wie in vielen postkolonialen Staaten, verflog die erste Euphorie über ein parlamentarisch-demokratisches System schnell. Der Staat versank in einer Art von Clanismus, in dem beinahe jede Abstammungsgruppe ihre eigene politische Partei gründete. Diesen Parteien ging es weniger um politische Programme, vielmehr wollten sie, dass eigene Verwandte einen Sitz im Parlament bekamen. Ziel war die Umverteilung der Ressourcen, die über den Staat ins Land kamen, an die eigene Verwandtschaft. Das demokratisch clanbasierte System, welches aus der Vereinigung der ehemaligen englischen und italienischen Kolonien hervorging, war gegen Ende der 1960er Jahre so weit erodiert, dass Korruption und Nepotismus die politische Landschaft dominierten. 
 
Militärputsch und Revolution
Dieser Zustand wurde Ende 1969 durch einen Militärputsch beendet. Dessen führende Persönlichkeit war Mohammed Siyad Barre, ein General, der eine Junta aus 25 Militärs zusammenstellte – der sogenannte Somali Revolutionary Council (SRC). Nach ihrer Machtergreifung etablierten diese eine zentralistische, autoritäre Regierung. Ihr erklärtes Ziel war es, die Entwicklung des Landes zu fördern und den Clanismus zu bekämpfen. Das SRC näherte sich dabei, wie andere antikoloniale Regierungen der Postunabhängigkeitszeit in Afrika, der Sowjetunion an, welche Barres Regime am Horn von Afrika unterstützte.
Obwohl die sozialistische Revolution des SRC ideologisch wenig fundiert war, wurden in den ersten Jahren diverse gesellschaftliche Reformen durchgesetzt – es wurden Frauenrechte gestärkt und die lateinische Schrift für die somalische Sprache eingeführt, die bis 1972 vollkommen ungeschrieben war. Zudem gab es Wirtschaftsreformen. Vor diesem Hintergrund waren viele Menschen vorerst begeistert von der zupackenden Art des SRC und dessen Bekämpfung des alten politischen Systems. 
Jenseits der somalischen Grenzen gab es hingegen weniger gute Aussichten. Als 1975 in Äthiopien eine sozialistische Militärjunta unter Mengistu Haile Mariam an die Macht kam, war das Land in einem fragilen Zustand. Die somalische Regierung erkannte darin eine einmalige Chance, sich die großen, somalisch bewohnten Gebiete im Osten Äthiopiens einzuverleiben. Die Regierung in Mogadischu unterstützte zunächst somalische Guerillagruppen in Äthiopien. 1977 marschierte die somalische Armee im Nachbarland ein. Der sogenannte Ogadenkrieg begann. In den ersten Monaten erzielten somalische Truppen große Gebietsgewinne. Doch in der zweiten Hälfte des Jahres 1977 und im Frühjahr 1978 konnte die äthiopische Armee die somalischen Truppen mit Unterstützung der Sowjetunion, die Barre nach dessen Angriff auf das sozialistische Nachbarland aufgab, zurückschlagen – Somalia verlor den Krieg. 
Bürgerkrieg und Staatszerfall
Das Land stand vor einem militärischen Desaster. Dies war auch Siyad Barre bewusst, der schon auf eine Revolte aus den eigenen Rängen eingestellt war und sie, nachdem diese einsetzte, gewaltvoll niederschlagen ließ. Daraufhin bildeten sich jedoch Guerillagruppen, teilweise angeführt von ehemaligen Offizieren der somalischen Armee, die, während der gesamten 1980er Jahre gegen die Zentralregierung kämpften. 
Eine dieser Gruppen war die sogenannte Somali National Movement (SNM). Sie wurde stark von den Isaaq, der dominanten Clanfamilie aus dem nordwestlichen, ehemals britischen Somalia, kontrolliert. Die 1980er Jahre hindurch unterstützten die USA die schwächelnde Militärdiktatur in Somalia als strategischen Partner gegen das fest im sowjetischen Lager verankerte Äthiopien. Diese Unterstützung endete erst mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, woraufhin es den verschiedenen Guerillagruppen aus dem Süden, Anfang 1991 gelang, die Regierung in Mogadischu zu stürzen. Der Nordwesten des Landes, also das ehemalige britische Protektorat, kam so unter die Kontrolle des SNM. 
Im Mai 1991 erklärte die SNM das von ihnen kontrollierte Gebiet zum unabhängigen Staat Somaliland. Damals einigte man sich auf ein hybrides politisches System, in dem die verschiedenen Bevölkerungsgruppen entsprechend ihrer Größe im Parlament vertreten waren. In den 1990er Jahren erwies sich dieses Modell als sinnvoll, da es dazu beitrug, eine Fortsetzung des Bürgerkriegs im Norden zu verhindern.
Zurück zum Clanismus 
2001 wurde in Somaliland eine neue Verfassung verabschiedet. Sie sah ein Mehrparteien-System mit freien demokratischen Wahlen vor. In der Realität führte dies allerdings dazu, dass das repräsentative politische System in ein Mehrparteien-System umgewandelt wurde, in dem ein Clan dominiert. Dies bedeutet bis heute: Der größte Clan, die Isaaq, sitzt in allen Parteien. Es ist daher beinahe egal, welche Partei gewählt wird, am Ende bekommt fast immer ein Isaaq den Sitz. In Somaliland entstand damit schrittweise ein Ein-Clan-Staat. 
Dieses Machtungleichgewicht führte dazu, dass sich die Regierung in der Hauptstadt Hargeisa immer stärker ermächtigt fühlte, gegen den Widerstand anderer Clans zu arbeiten. Dies gipfelte darin, dass Menschen in der Stadt Lasanod, im Osten Somalilands, in welcher ein großer Teil der Einwohner:innen die Sezession Somalilands ablehnte, 2023 einen Aufstand begannen. Ein Krieg zwischen Unionisten und Sezessionisten entstand. Im August 2023 konnte die in Milizen organisierte und von der Diaspora unterstützte Lokalbevölkerung dann sogar die somaliländische Armee besiegen. 
Wie geht es weiter? 
Heute steht ungefähr ein Drittel des somaliländischen Territoriums nicht mehr unter der Kontrolle der Regierung in Hargeisa. Im Gebiet zwischen Somaliland und Puntland entstand in den letzten Jahren somit eine eigene Clanadministration, welche Ende Juli 2025 von der Regierung in Mogadischu als neuer Bundesstaat Somalias namens Nordoststaat anerkannt wurde. 
Trotz dieser Situation erfolgte im Dezember 2025 die Anerkennung Somalilands als unabhängiger Staat durch Israel. Diese diplomatische Anerkennung muss sowohl im Kontext der historischen Entwicklung als auch im Kontext jahrzehntelanger politischer Einflussnahme ausländischer Akteure am Horn von Afrika eingeordnet werden – Akteure wie dem israelischen Staat, die mit einer solchen Politik ihre eigenen ökonomischen und geostrategischen Interessen in der Region verfolgen. 
Was dieser Schritt für die politischen Machtverhältnisse in der Region bedeutet, lest ihr im Interview mit Markus Höhne. 
 
 
 
 
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    <title>Somaliland: Geopolitik am Horn von Afrika </title>
    <created>Sunday, Juli 19, 2026 - 21:10</created>
    <location>Somalia</location>
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    <body>Israels Anerkennung Somalilands hat Schlagzeilen gemacht, denn die Region ist geopolitisch im Fokus. Welche internationalen Akteure sich militärischen und wirtschaftlichen Einfluss sichern, erklärt Doktor Markus Höhne im Interview. 
Markus, zuletzt war Somaliland im vergangenen Dezember wegen seiner formellen Anerkennung durch Israel in den Nachrichten. Nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands 1991 ist Israel der weltweit erste Staat, der diesen Schritt geht. Wie ordnest du diese diplomatische Anerkennung und ihre Rolle für die Region ein?
Der offizielle Grund, der zumeist für Israels Anerkennung von Somaliland genannt wird, ist die Bekämpfung der Huthis im Jemen. Somaliland liegt direkt gegenüber vom südlichen Jemen am Golf von Aden. Eine Militärbasis in der Nähe von Berbera an der somaliländische Küste wäre aus israelischer Sicht ein guter Ausgangspunkt für Attacken auf die Huthis. So könnte man die „Feinde Israels“ auf der arabischen Halbinsel nicht nur von Israel aus kontrollieren, sondern eben auch vom Horn von Afrika. 
Zugleich spielt die wirtschaftliche Komponente eine Rolle. Israel würde durch eine strategische Zusammenarbeit mit Somaliland Einfluss auf die wichtigste Schiffshandelsroute der Welt gewinnen. Durch die Route von Asien, am Horn von Afrika vorbei, durchs Rote Meer und den Suezkanal ins Mittelmeer, verlaufen über 50 Prozent des globalen Welthandels.
Ein weiterer, nicht unerheblicher Grund ist die innenpolitisch umstrittene Rolle Benjamin Netanyahus in der israelischen Gesellschaft. Viele sehen die Anerkennung Somalilands als Teil einer Ablenkungsstrategie. Netanyahus Einflussnahme am Horn von Afrika kann als Teil der Geopolitik eines Großisrael-Projekts gewertet werden. Als Teil einer solchen hat Israel im Zuge des Gaza-Krieges bereits andere militärische und politische Interventionen vorangetrieben: Es hat im Libanon die Hisbollah enthauptet, sich seitdem die HTS Damaskus eingenommen hat in Syrien über die Golanhöhen weiter ausgebreitet und die militärische Infrastruktur des ehemaligen Assad-Regimes zerstört. Dahinter steht die Vision Netanyahus und seiner Regierung, Israel durch militärische und wirtschaftliche Dominanz zum Hegemonialstaat im Mittleren Osten zu machen und gleichzeitig neue ökonomische Ressourcen zu erschließen.
Bis jetzt ist eine weitere Anerkennung Somalilands nicht erfolgt, obwohl es weitere Länder gab, bei denen vermutet wurde, dass sie diese vorantreiben könnten. Welche Länder waren das?
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind einer der wichtigsten strategischen Akteure zwischen Israel, den Golfstaaten und dem Horn von Afrika, von dem vermutet wurde, dass es ebenfalls die somaliländische Unabhängigkeit anerkennen könnte. Die VAE managen bereits eine Vielzahl von Häfen am Golf von Aden und dem Roten Meer und sind politisch und ökonomisch tief in der Region involviert. In Somaliland wird ihre geopolitische Taktik, basierend auf einer Mischung aus Investitionen und militärischer Einflussnahme, besonders im Fall des Hafens von Berbera klar. Die VAE haben 2015 zugesagt, den Hafen, welcher auch für Äthiopien als Binnenstaat sehr wichtig ist, für 450 Millionen Dollar zu renovieren. Im Gegenzug dürfen sie große Teile des Einkommens aus dem Hafen für eine bestimmte Anzahl von Jahren behalten. 
Auch für Äthiopien ist das Rote Meer eine Lebensader. Als Binnenstaat ist das Land darauf angewiesen, seinen Import und Export über Anrainerstaaten abzuwickeln – entweder Eritrea, Djibouti oder eben Somaliland. Äthiopien hat lange mit Dschibuti zusammengearbeitet und tut es nach wie vor. Allerdings haben sie sich, um ihre Zugänge zu Häfen zu diversifizieren, in den letzten 15 Jahren auch intensiv mit Somaliland eingelassen.
Besonders die VAE spielen also eine zentrale Rolle am Horn von Afrika? 
Genau, sowohl innerhalb von Somalia als auch in der Zusammenarbeit zwischen Somaliland und Äthiopien. Die VAE haben sich vielerorts als Hauptfinanzier eingeschaltet und arbeiten eng mit verschiedenen Gruppierungen am Horn von Afrika zusammen. An wirtschaftliche Projekte ist oft auch militärische Zusammenarbeit geknüpft. Dies lässt sich auch im Nordosten Somalias – in Bosaso, dem größten Hafen der semi-autonomen Region Puntland – beobachten, wo die VAE neben dem Management des Hafens auch an der Finanzierung und Ausbildung der sogenannten „Puntland Maritime Police Force“ beteiligt sind. Besonders in Puntland sind die VAE zudem intensiv in die Bekämpfung des Islamischen Staates involviert, welcher sich seit einigen Jahren in den schwer zugänglichen Bergregionen östlich von Bosaso festgesetzt hat. 
Die Militärpräsenz spielt auch für den Sudankrieg eine zentrale Rolle. 
Bis vor Kurzem haben die Emiratis den Flughafen von Bosaso im Nordosten Somalias benutzt, um Waffenlieferungen per Flugzeug in den Sudan zu schicken, wo sie seit Kriegsbeginn 2023 die Rapid Support Forces (RSF) unterstützen. Saudi-Arabien und Ägypten unterstützen zeitgleich die sudanesische Armee. Die VAE ist auch an dem Bau einer Militärbasis im Westen Äthiopiens beteiligt – in einem Gebiet, das an den Sudan und den Südsudan grenzt. Von hier aus dringt die RSF in Kooperation mit lokalen Milizen in die sudanesische Blue Nile Province vor. Es besteht somit eine direkte Verbindung zwischen dem Horn von Afrika über die VAE und dem Krieg im Sudan. 

Auch die Türkei spielt seit einigen Jahren eine entscheidende Rolle in Somalia. Wie sieht diese aus?
Die Türkei fokussiert Somalia seit 2011. Zunächst waren die Bestrebungen diplomatisch, dann auch wirtschaftlich und militärisch. So haben sie durch ihr wirtschaftliches Engagement in Teilen des Landes die Emiratis teilweise verdrängt. Das zeigt sich besonders am Hafen von Mogadischu. In den letzten Jahren hat die Türkei unter Erdoğan, wie zuvor bereits die USA und VAE, zunehmend begonnen, Spezialeinheiten der somalischen Armee zu trainieren und auszurüsten. Diese kommen vor allem gegen die islamistische Miliz Al-Shabaab zum Einsatz, die große Teile Süd-Somalias kontrolliert und mit al-Qaida in Verbindung steht. 
Die Motivation dahinter ist ähnlich der Israels, das nach einer Hegemonialposition in der Region strebt. Die Türkei möchte eine Art neoosmanisches Reich aufbauen. Erdogan will sich global relevant machen und hat erkannt, dass Somalia dafür ein guter Ausgangspunkt ist. Die Einflussnahme dort bedeutet ein überschaubares finanzielles Risiko mit verhältnismäßig großem geopolitischem und wirtschaftlichem Gewinn. 
Einen weiteren relevanten Akteur haben wir bisher noch nicht angesprochen. Was ist die Rolle der USA in Somalia und wie steht die Trump-Regierung der aktuellen Anerkennung Somalilands gegenüber? 
Die USA haben seit den frühen 1990er Jahren eine lange Geschichte militärischer Interventionen in Somalia: erst im Rahmen sogenannter „humanitärer Interventionen“, dann ab 2001 im Krieg gegen den Terror. Unter Donald Trump ziehen sich die USA immer weiter aus Somalia zurück und überlassen das Feld ihrem NATO-Partner, der Türkei. Sie haben wenig Interesse daran, sich weiterhin im Kampf gegen regionale islamistische Gruppierungen, wie Al-Shabaab, zu engagieren. Der Türkei wird langsam klar, wie viel militärischen Aufwand sie betreiben müsste, um den fragmentierten Süden Somalias tatsächlich nachhaltig zu kontrollieren. Zudem soll die größtenteils UN-finanzierte Peacekeeping-Mission der Afrikanischen Union in Somalia (AUSSOM) bereits Ende 2026 auslaufen und droht aufgrund finanzieller Unstimmigkeiten zu scheitern.  
Somaliland und Somalia stehen somit heute nach wie vor im Zentrum einer volatilen und konfliktbeladenen Region, deren politische Dynamiken auf Grund ihrer geopolitischen und strategischen Relevanz seit mehreren Jahrzehnten von der Einflussnahme externer Akteure geprägt sind. Aktuelle Entwicklungen wie der Ausbau des Flughafens von Berbera durch die VAE illustrieren dabei Veränderungen in der Konstellation von ausländischen Akteuren, deren genauer Einfluss auf die Unabhängigkeit Somalilands bis jetzt jedoch unklar bleibt.
 
Lest auch unseren Artikel zu den geschichtlichen Hintergründen Somalilands. 
 
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