Mit Begeisterung verfolgten Ägypter:innen die WM-Erfolge ihrer Nationalmannschaft der Männer. Doch das Regime raubte ihnen die Möglichkeit, ihre Helden in Kairo zu feiern. Stattdessen setzte Präsident al-Sisi auf die Exklusivität der Planstadt New Alamein.
Die ägyptische Fußballnationalmannschaft der Männer hat Geschichte geschrieben: Nicht nur gewann sie erstmals seit der Weltmeisterschaft 1934 ein Spiel, die Mannschaft erreichte dieses Mal sogar das Achtelfinale. Dementsprechend euphorisch war die Stimmung vieler Ägypter:innen in den letzten Wochen. Zahlreiche Fans verfolgten jedes Spiel und feierten die Erfolge auf Straßen und Plätzen überall im Land.
Küste statt Kairo
Nach dem Achtelfinal-Aus gegen Argentinien warteten viele sehnsüchtig darauf, ihre Nationalmannschaft bei der Rückkehr in Kairo als Helden willkommen zu heißen. Ein eigens für diesen Zweck gecharterter Flieger von Egypt Air sollte die „Pharaonen“ am Samstag, den 10. Juli, von Atlanta nach Kairo bringen. Doch dazu kam es nicht.
Stattdessen landete das Flugzeug am internationalen Flughafen von El Alamein, unweit der Stadt New Alamein. Die Region, die von Ägypter:innen schlicht als Sahel (dt.: Küste) bezeichnet wird, liegt rund 300 Kilometer westlich von Kairo. Ägyptens Präsident al-Sisi selbst hatte die an der Mittelmeerküste gelegene Planstadt 2018 eingeweiht. Dass der offizielle Empfang durch den Präsidenten ausgerechnet dort stattfand, ist kein Zufall, sondern als vielschichtiges politisches Signal des al-Sisi-Regimes zu verstehen.
Der Geist von 2011
Seit Jahren betrachtet das autoritäre Regime öffentliche Versammlungen jeglicher Art vor allem als Sicherheitsrisiko. Insbesondere Kairo besitzt dabei besondere Symbolkraft: War es doch der Tahrirplatz im Herzen Kairos, auf dem die Proteste im sogenannten Arabischen Frühling 2011 zum Sturz des früheren Diktators Husni Mubarak führten.
Ein öffentlicher Empfang der Nationalmannschaft hätte vermutlich Hunderttausende auf die Straßen der Hauptstadt gelockt. Aus Sicht der Behörden birgt eine solche Dynamik Risiken – selbst wenn sie zunächst einem sportlichen Anlass gilt. In autoritären Systemen können große Menschenmengen schnell politische Dimensionen annehmen. Der Sicherheitsapparat wollte wohl vermeiden, dass bei Feierlichkeiten auf dem Tahrirplatz der Geist von 2011 wieder auflebt. Die Wahl New Alameins minimierte dieses Risiko erheblich.
Exklusivität statt Nähe zur Bevölkerung
New Alamein ist der Inbegriff dessen, was Ägypter:innen als Compound bezeichnen: umzäunte, begrünte Wohn- und Ferienanlagen mit eigenen Sicherheitsdiensten, in die sich die wirtschaftliche und politische Elite des Landes zurückzieht – abgeschirmt von der Lebensrealität der überwiegenden Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung, die unter hoher Inflation sowie wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidet und zusehends verelendet. Für sie sind Compounds wie New Alamein unerreichbar.
Der Ort steht exemplarisch für eine weitere Strategie des Regimes: Es steckt Milliarden in den Bau neuer Städte, Luxusresorts und Megaprojekte, um ein vermeintlich modernes Bild abzugeben und die grassierende Massenarmut im Land zu vertuschen. Dabei ist New Alamein nicht nur ein Ort des Luxustourismus, sondern dient al-Sisi auch als administrative Sommerresidenz. Während Ägyptens Präsident dort ab 2018 einen von Steuergeldern finanzierten, pompösen Präsidentschaftspalast samt weiterer Regierungsgebäude errichten ließ, litt die Bevölkerung unter harten Sparmaßnahmen.
Die politische Inszenierung des Erfolgs
Statt eines öffentlichen Empfangs vor Hunderttausenden Fans in der Hauptstadt verwandelte sich die Ehrung in eine staatlich orchestrierte Veranstaltung. Aufnahmen des Empfangs zeigen al-Sisi auf dem roten Teppich in einem prunkvollen Saal. Ein Spieler nach dem anderen kommt in den Raum, schreitet vor den Präsidenten, schüttelt ihm die Hand, tritt wieder ab und macht dem nächsten Platz.
Auffällig ist dabei, dass die Spieler den roten Teppich nicht betreten, sondern am Rand stehen bleiben. Die Bilder vermitteln eine klare Hierarchie: Im Mittelpunkt steht nicht die Mannschaft, sondern der Präsident, der den sportlichen Erfolg staatlich würdigt und für sich vereinnahmt. Einige Spieler müssen sich gar leicht verbeugen, um al-Sisi die Hand zu reichen. Diese Hierarchisierung wird durch die Ortswahl weiter zementiert: Der Präsident bestellt die Mannschaft zu sich, anstatt ihr einen Empfang in Kairo zu ermöglichen. Die Spieler selbst hatten bei all dem keine Wahl.
Internationale Sportveranstaltungen werden seit jeher als Bühne genutzt, um die Leistungsfähigkeit und Legitimität politischer Systeme zu demonstrieren. Die Botschaft ist unmissverständlich: Der Präsident bleibt die höchste Autorität, der auch sportliche Erfolge symbolisch untergeordnet werden.
Der Empfang der Helden als Tourismusstrategie
New Alamein wird derzeit gezielt mit der Initiative „Yalla Sahel“ vermarktet, hinter der ein Bündnis führender Immobilienentwickler und Unternehmer steht. Die Planstadt soll das neue Cannes des Mittelmeers werden – und damit zum neuen touristischen Aushängeschild Ägyptens. Da die Regierung mit großer nationaler und internationaler Aufmerksamkeit für den Empfang der Mannschaft rechnen konnte, liegt die Vermutung nahe, dass dieser auch zur Bewerbung von New Alamein als Hochglanzdestination dienen sollte.
Die Tatsache, dass das mehrheitlich staatliche Telekommunikationsunternehmen Telecom Egypt (WE) unmittelbar nach dem offiziellen Empfang bekannt gab, Partner für die digitale Infrastruktur der Initiative „Yalla Sahel“ zu werden, unterstreicht diese Vermutung.
Mehr Schein als Sein
Die beraubten Ägypter:innen, jene fernab vom Sahelglamour, äußerten ihren Unmut in den sozialen Medien, weswegen das Regime für den 13. Juli kurzerhand einen öffentlichen Empfang im Cairo International Stadium anberaumte. Wie der ägyptische, im Exil lebende Journalist Hossam al-Hamalawy treffend beschreibt, sei die Öffentlichkeit von der Straße in einen kontrollierten Raum verlagert worden: Teilnehmende mussten sich über die Ticketplattform Tazkarti registrieren und ihre gesamten Personendaten offenlegen. Dabei ist die Plattform Teil der United Media Service Group (UMS), die Verbindungen zum ägyptischen Geheimdienst hat.
All das zeigt, dass das Regime bestrebt ist, jegliche öffentlichen Veranstaltungen mithilfe von staatlich kontrollierter Infrastruktur zu kanalisieren, um den Zugang zum öffentlichen Raum sowie dessen politische Bedeutung zu regulieren.
Der Empfang in New Alamein war weit mehr als eine sportliche Ehrung. Er steht sinnbildlich für die Prioritäten des ägyptischen Staates: maximale Kontrolle über öffentliche Räume, die Umdeutung nationaler Erfolge als Stärke des Regimes sowie die Vermarktung größenwahnsinniger Projekte. Dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht Teil dieser Rechnung ist und ihr die Feier faktisch entrissen wurde, spiegelt die Diskrepanz zwischen staatlicher Inszenierung und gesellschaftlicher Realität wider. Einmal mehr kommt die zunehmende Entfremdung zwischen Regime und Gesellschaft zum Vorschein. Der Versuch, den Sieg politisch zu vereinnahmen, endete damit in einem Eigentor.





















