17.12.2012
Kafranbel - wie eine syrische Kleinstadt weltweiten Ruhm erlangte

Kafranbel ist eine Kleinstadt in der nordwestlichen Provinz Idlib. Nur knapp 15.500 Einwohner leben hier. War der Ort vor der Revolution auch bei vielen Syrern noch unbekannt, so ist Kafranbel zum kreativen Zentrum der syrischen Revolution geworden. Kafranbel ist eine Kleinstadt in der nordwestlichen Provinz Idlib. Nur knapp 15.500 Einwohner leben hier. War der Ort vor der Revolution auch bei vielen Syrern noch unbekannt, so ist Kafranbel zum kreativen Zentrum der syrischen Revolution geworden.

Dieser Beitrag ist Teil fünf unseres Themenschwerpunkts Sprachlos?!. Alle weiteren Texte finden Sie hier.

Die Kafranbilis malen einfallsreiche, oft beißend sarkastische Zeichnungen mit viel Ironie und Witz gegen das Assad-Regime . Ihre Zeichnungen sind als politischer Kommentar zu bewerten. Die syrische Zivilbevölkerung verschafft sich eine neue Stimme. Die Kafranabilis lassen auch internationale, politische Abmachungen nicht über sich ergehen sondern schreiten mit ihren Zeichnungen metaphorisch ein.

Wie wichtig Kunst innerhalb einer Revolution ist, um die „Macht der Angst“ zu brechen und den öffentlichen Raum von der Staatspropaganda zu „befreien“, zeigt das Beispiel Ägypten. Die Graffitis am Tahrirplatz erlangten weltweiten Ruhm aufgrund ihrer heftigen Kritik an Husni Mubarak und ihres innovativen, künstlerisch-anspruchsvollen Charakters. Heute dienen sie sowohl als Hintergrund für Touristenbilder, als auch als Erinnerung und Denkmal für die Revolution gegen den ägyptischen Diktator.

Auch in Syrien war es ein Graffito, das im März 2011 das Fass zum überlaufen brachte. Als drei kleine Jungs in der syrischen Stadt Dara`a einen regimekritischen Slogan aus Ägypten übernahmen und auf eine Wand sprühten, wurden sie misshandelt – einer kam dabei ums Leben. Hier wird deutlich, dass die Macht der Graffitis, die Macht der Kunst, einem Regime Angst einjagen kann.

Als die Proteste in Syrien anfingen, spielte auch hier Facebook und Twitter eine große Rolle um der Welt die friedlichen Proteste zwischen Dara`a und Aleppo zu zeigen. Die riesigen, friedlichen Demonstrationen wurden mit Gesängen und Slogans, die jeder syrische Oppositionelle mittlerweile kennt, untermauert. Facebook zeigte auch ausländischen Aktivisten, welche friedlichen Methoden in Syrien genutzt werden, um das Regime zu bekämpfen. Die Liste ist lang und die Aktionen meist sehr metaphorisch und bildhaft.

Unter diesen Aktionen ragt die Stadt Kafranbel heraus. Die Aktivisten, mit ihren selbstausgedachten Zeichnungen regen nicht nur zum Nachdenken, sondern sehr oft auch zum Lachen an. Kafranbel versorgte die  syrischen Oppositionellen immer wieder mit Plakaten, die sie auf ihren friedlichen Demonstrationen mittrugen und zeigten. Es gibt wohl kaum eine andere Stadt in Syrien, die so viel Ironie, Sarkasmus, Humor und Gewaltfreiheit verkörpert, wie Kafranbel.

Die Plakate sind meist mit grellen Textmarkerfarben ausgemalt und stechen einem sofort ins Auge. Man erkennt auf den Karikaturen sofort wer mit den Personen gemeint ist. Auch die Sprüche und Sätze, die auf den Plakaten Kafranbels zu lesen sind, bringen die Menschen zum Lachen. So heißt es auf folgendem Plakat: „There is no egg in eggplant, no ham in hamburgers. But let's face it, there is an Ass in Assad!“ Im August 2012 konnte sich Kafranbel von Assad befreien und zu einer autonomen Zone werden, welche von der Freien Syrischen Armee (FSA) Rückendeckung bekommt. Damit änderte sich die Unterschrift auf den Bildern von „occupied Kafranbel“ zu „liberated Kafranbel“.

http://www.therevoltingsyrian.com/post/27334416510/another-great-poster-from-kafranbel-idleb

Schreiben die Kafranbilis hier schon auf Englisch, hatten sie zuvor noch auf Arabisch geschrieben. Beim Zeichnen ihrer Plakate haben sie auch immer den Adressaten im Blick, wie im nächsten Bild die libanesische Hisbollah, die während der syrischen Revolution das Regime Assads verteidigt: Nachdem einige Libanesen in Syrien entführt worden waren, erklärte der libanesische Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah der syrischen Opposition, dass es zwei Wege gebe das Problem zu lösen. Zum einen wäre das „Krieg“ mit ihm oder man beschreite den Weg der Liebe. Diese Aussage Nasrallahs nahmen die Syrer in Kafranbel, wie gewohnt, mit sehr viel Witz auf: „Mit Liebe heißt auch wirklich mit Liebe!“ Dabei rennt die „syrische Opposition“ mit offener Hose dem religiös-konservativen Nasrallah hinterher um seiner Forderung nach Liebe quasi nachzukommen.

 Aus der Ausstellung der Gruppe “Student_innen für ein freies Syrien” am 05.07.2012 in Halle (Saale)

Heute sind die Plakate fast nur noch auf Englisch geschrieben. Nur so konnten sie auch über Facebook und Twitter weltweit verbreitet werden. „Dies sei auch die Idee gewesen“, sagt Raed Fares, ein Aktivist aus Kafranbel. Man wolle ein internationales Publikum erreichen, was mit der englischen Sprache wesentlich einfacher sei. Die Bilder bekommen weltweite Aufmerksamkeit. Sie kommen auch deshalb so gut bei den Menschen an, weil Kafranbel nicht nur das Assad-Regime anprangert, sondern darüber hinaus geht. Ihre Bilder sprechen sowohl die internationale Staatengemeinschaft in Bezug auf ihre Syrienpolitik an, als auch die geostrategischen Interessen der Großmächte Russland, China, USA und der EU, sowie das Nicht-Handeln der Arabischen Liga (und anderen Institutionen bzw. Staaten) in Syrien. Ihre Plakate werden fotografiert und anschließend auf Facebook oder Twitter hochgeladen, sodass sie weltweit verfügbar sind. Das ist immens wichtig. Das, was Assad immer unterdrückt hat, nämlich die freie Stimme einer syrischen Zivilgesellschaft, kommt nun zum Vorschein. Vielmehr noch, diese Stimme betritt eine internationale Arena, in der sie nicht nur in Syrien sondern in der Welt gehört wird. Sie macht die Welt darauf aufmerksam, dass Syrer nicht nur soundso viel getötete Menschen sind. Sie zeigt, dass Syrer unter solch immens lebensbedrohlichen Bedingungen künstlerisch tätig sind und ihre politische Stimme gehört haben wollen!

Problematisiert hat Kafranbel auch die Aufregungen und Ausschreitungen bezüglich des Mohammed-Videos, das Mitte des Jahres veröffentlicht wurde und für Wirbel gesorgt hat. Kafranbel kritisierte, dass die arabische Bevölkerung wenig Solidarität mit der syrischen Opposition zeige und sich für den Sturz des Diktators Assads einsetze. Stattdessen rege sich die arabische Bevölkerung wegen eines schlecht gemachten Videos so sehr auf, dass es zu Sachschäden und sogar zu eToten gekommen ist. Diese Unverständlichkeit teilten viele Menschen und das Plakat verbreitete sich, so wie viele weitere aus Kafranbel, rapide durchs Netz.

Ende August bombardierten Kämpfer der syrischen Armee die Stadt Kafranbel. Etwa 30 Menschen kamen ums Leben und Dutzende Häuser wurden zerstört. Es war kein Zufall, dass das Regime genau Kafranbel als Zielscheibe für ihre Angriffe ausgesucht hat. Die Stadt hat eine so geringe Zahl an Einwohnern, dass es sich taktisch gesehen nicht gelohnt hätte, Kafranbel umfassend zu attackieren. Doch das Regime hat Angst vor Kafranbel. Es hat Angst vor seinen Plakaten und den weltweiten Auswirkungen dieser Anti-Assad-Motive. Der friedliche Protest ist für Assad gefährlich und stellt eine Bedrohung für ihn dar. Es zeigt sich, wie viel friedliche Proteste bewirken und bei Diktatoren bewirken kann. Die zivilen und friedlichen Proteste gegen das Regime sind immer noch vorhanden – trotz des bewaffneten Widerstands, der die Medien dominiert.

Eine wichtige Konsequenz, die sich ebenfalls aus der Verbreitung der Bilder ergibt, ist die Entstehung einer Solidarität zwischen syrischen Städten, ein Gefühl des geteilten Leids, ein Gefühl des Stolzes auf syrische Mitbürger. So zeigen die Plakate häufig Motive, in denen sie auf die „Brüderlichkeit“ zwischen arabischen Aktivisten und kurdischen Aktivisten in Qamischli hinweisen, wie zum Beispiel auf folgendem Foto zu erkennen ist. Da an Kurden und Araber in Syrien gerichtet, wird auch auf Arabisch und Kurdisch geschrieben: „Das Leiden ist das Gleiche, das Blut ist das Gleiche, der Pulsschlag ist der Gleiche, Freiheit, Freiheit, ein Volk, ein Schicksal.“

Damit wird versucht Spaltungsversuchen Assads zu begegnen und den Kurden vermittelt, dass sie Teil des syrischen Volkes und damit des Kampfes gegen Assad sind. Diesen Kampf gilt es gemeinsam zu beschreiten. Auch gegen Vorwürfe eines reinen Bürgerkrieges und konfessionellen Ausschreitungen, wehrt man sich in Kafranbel, wie folgendes Bild zeigt:

 

Es entsteht das, was das Regime Assad während seiner 40-jährigen Herrschaft immer versucht hat zu verhindern: eine gemeinsame syrische Identität in der sich alle Syrer wiederfinden!  

Schluwa ist Doktorandin am Centre for Kurdish Studies, University of Exeter. Sie promoviert zur politischen Ökonomie Irakisch-Kurdistans mit einem Fokus auf das Alltagsleben von Bäuer*innen. Dabei beschäftigt sie sich u.a. mit kolonialen Kontinuitäten, globalem Kapitalismus, Krieg und Landwirtschaft im Kontext Kurdistans und dem Irak. Für ...