03.05.2026
Schrittweiser Zusammenbruch des Mediensystems in Afghanistan
Eine Journalistin beim Verfassen des Tagesberichts. Foto: Zan Times (mit freundlicher Genehmigung).
Eine Journalistin beim Verfassen des Tagesberichts. Foto: Zan Times (mit freundlicher Genehmigung).

Zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai rückt die Lage von Journalist:innen aus Afghanistan in den Fokus: Betroffene sprechen über ein gekapertes Mediensystem, ein Klima der Angst und Schreiben als letzte Form des Widerstandes.

In der Nacht des 19. April 2026 sitzt eine Journalistin in einem Zimmer in Islamabad vor ihrem Laptop. Draußen hört sie die pakistanische Polizei, die vor der Räumung von Unterkünften afghanischer Geflüchteter warnen. Doch sie schreibt weiter. Diese Situation steht sinnbildlich für die letzten vier Jahre ihres Lebens: ein Dasein zwischen Flucht, Angst und dem unbeirrten Willen zu berichten.

Khadija Haidari begann ihre journalistische Arbeit im Winter 2022 in Kabul. Die Straßen waren von Schnee bedeckt, doch für sie war die Atmosphäre „dunkler als je zuvor“: „Der Schnee war weiß, aber für mich wirkte alles schwarz.“ Nur wenige Monate zuvor hatten die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen – ein Ereignis, das nicht nur eine politische Wende einleiten sollte, sondern den schrittweisen Zusammenbruch eines Mediensystems.

Der Zerfall eines Fortschritts

Vor 2021 galt Afghanistan trotz Krieg und Unsicherheit als eine der dynamischsten Medienlandschaften der Region. Verschiedenste Fernsehsender, Radiokanäle, Zeitungs- und Online-Medien waren aktiv und Kritik an der politischen Führung war in gewissem Maße möglich. Nach der Rückkehr der Taliban änderte sich diese Struktur jedoch rasch.

In den ersten Monaten nach der Machtübernahme im August 2021 stellten über 40 Prozent der Medien ihre Arbeit ein. Rund zwei Drittel der professionellen Journalist:innen verließen das Feld, und fast 80 Prozent der Journalistinnen verloren ihre Arbeit. Themen wie Frauenrechte oder Regierungskritik verschwanden zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs. Übrig blieb eine Berichterstattung, die häufig offiziellen Narrativen ähnelte.

Auch internationale Indizes bestätigen diese Entwicklung. Im Pressefreiheitsbericht 2025 liegt Afghanistan auf Rang 175 von 180 Ländern. Vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 lag Afghanistan im World Press Freedom Index 2021 noch auf Rang 122 von 180 Ländern.

Schreiben aus der Isolation

Khadija Haidari beschreibt, dass ihre Arbeit aus der Isolation heraus begann, als sie auf das Haus beschränkt war und ihr Alltag nur noch aus dem Blick in den Innenhof bestand. Ihre ersten Texte handelten von alltäglichen Beobachtungen: „Jede Frau, die ich sah, wurde zu einem Thema.“ Zunächst als ein persönlicher Ausdruck von Freiheit, entwickelte sich dies später zu einem Beruf – und schließlich zu einer Bedrohung.

Nach der Schließung der Universitäten für Frauen schrieb sie einen kritischen Artikel. Die Nacht darauf habe sie kaum geschlafen – nicht wegen einer direkten Drohung, sondern wegen der allgemeinen Atmosphäre der Angst: „In einer Situation, in der Menschen sogar Angst haben, einen Kommentar zu schreiben, hatte ich einen Artikel veröffentlicht.“

Khadija Haidari in einer pakistanischen Haft- bzw. Gewahrsamseinrichtung. Foto: Khadija Haidari.

Weiterschreiben im Exil

Später schrieb sie unter Pseudonym über geheime Mädchenschulen und die Lage der Frauen. Journalistische Arbeit wurde zunehmend zu einer verdeckten und riskanten Tätigkeit. Im April 2024 wurde ihr Haus von den Taliban durchsucht, woraufhin sie überstürzt aus Afghanistan fliehen musste – ohne persönliche Gegenstände, nur mit der Kleidung, die sie trug.

Am 21. April wurde sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern von der pakistanischen Polizei festgenommen und sollte ohne Berücksichtigung der Sicherheitslage nach Afghanistan abgeschoben werden. Nach intensiven Bemühungen gelang es ihr schließlich auszureisen.

Sie schreibt jedoch weiter: „Solange man mir meinen Laptop nicht nimmt, werde ich schreiben.“ Die aktuelle Lage in Afghanistan beschreibt sie als ein „System der vollständigen Informationskontrolle“.

Frauen zwischen Verbot und Kriminalisierung ihrer Stimme

Die Rollen von Frauen im afghanischen Mediensektor werden strukturell ausgelöscht. Laut einem Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte vom März 2026 ist in Provinzen wie Khost nicht nur die Präsenz von Frauen im Fernsehen verboten, sondern auch ihre Stimmen im Radio – selbst in Bildungsprogrammen.

Wo Frauen noch eingeschränkt tätig sind, geschieht dies unter strengen Auflagen. Journalistinnen müssen verhüllt sein, einschließlich dunkler Masken und Gesichtsschleiern, die ihre Identität vollständig verdecken.

Journalismus unter Druck: Repression, Bedrohung und Haft

Seit der Machtübernahme der Taliban wurden hunderte Fälle von Festnahmen dokumentiert. Laut Human Rights Watch treffen Journalist:innen willkürliche Inhaftierungen. Berichte sprechen von Folter, längerer Haft ohne Zugang zu Anwält:innen oder Familienangehörigen sowie erzwungenen Geständnissen in staatsnahen Medien.

Der Jahresbericht des Afghanistan Journalists Center (AFJC) für den Zeitraum vom März 2025 bis März 2026 dokumentiert mindestens 207 Verstöße gegen Medienrechte – ein Anstieg von über 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Darunter befinden sich zwei Todesfälle, ein Verletzter, 183 Drohungen und 21 Festnahmen.

„Propaganda gegen das System“

Der Journalist Schakib Ahmad Nazari steht exemplarisch für die wachsenden Repressionen gegen Medienschaffende in Afghanistan. Einblick in die persönlichen Auswirkungen dieser Entwicklung gibt Samim Feizi, ein enger Freund Nazaris.

Laut Feizi habe Nazari für internationale Medien gearbeitet, darunter NTV Japan, CNN und India Today, und befinde sich seit über einem Jahr im Gefängnis Bagram. Offiziell werde ihm „Propaganda gegen das System“ vorgeworfen. Sein Umfeld sieht die Gründe jedoch in seiner Berichterstattung über Frauenproteste und die Schließung von Mädchenschulen sowie in seiner Zusammenarbeit mit ausländischen Medien.

„Er hatte schon vor seiner Verhaftung ein Gefühl der Gefahr“, erzählt Feizi „Sogar die Daten auf seinem Telefon hatte er gelöscht.“

Laut Feizi befindet sich die Familie von Nazari seither in einer prekären Lage; seine Ehefrau lebt mit den zwei kleinen Kindern ohne finanzielle Unterstützung. Unter solchen Bedingungen bewegt sich Journalismus in Afghanistan zunehmend in einem Spannungsfeld, in dem die Verbreitung von Informationen mit konkreten Risiken wie Verhaftung, Einschüchterung und Repression einhergeht.

Feizi, der nach der Inhaftierung seines Freundes aus Afghanistan fliehen musste, betont, dass selbst Aktivitäten in sozialen Netzwerken sicherheitsrelevante Konsequenzen haben können und der Begriff der Neutralität faktisch verschwunden ist. Damit meint er, dass bereits scheinbar unpolitische Äußerungen als Positionierung gewertet werden können und Journalist:innen dadurch einem erhöhten Risiko von Repressionen ausgesetzt sind.

Strukturelle Kontrolle des Mediensystems

Medien in Afghanistan unterliegen heute detaillierten Vorgaben. In einigen Regionen muss jede Veröffentlichung vorab genehmigt werden. Pressefreiheit wird nicht nur eingeschränkt, sondern das gesamte Informationssystem strukturell kontrolliert.

Ein zentraler Einschnitt ist das Verbot der Darstellung „lebender Wesen“ gemäß Artikel 17 des Gesetzes zur Förderung der Tugend. Laut AFJC wird dieses Verbot in 25 von 34 Provinzen vollständig umgesetzt. Fernsehsender wurden dadurch massiv eingeschränkt oder in reine Audio- bzw. Textformate umgewandelt.

In Regionen wie Kandahar, Helmand, Takhar und Herat bestehen Fernsehinhalte heute oft nur noch aus Naturbildern oder Texten ohne Menschen. Fernsehen verliert damit seine visuelle Funktion und wird zu einem stark reduzierten Medium.

Die Lücke zwischen Feld und Bericht

Sanjar Suhail, Träger des Emmy Journalism Award und Eigentümer der Zeitung „Hasht-e Subh“, sieht die Entwicklung als Ergebnis langfristiger globaler Prozesse. Eine Überbetonung von Sicherheit habe weltweit dazu geführt, dass humanitäre Bereiche – etwa in der Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik – zunehmend an Bedeutung verloren haben. Auch internationale Politik habe durch strategische Entscheidungen, etwa militärische Interventionen und geopolitische Prioritätensetzung, indirekt zur heutigen Lage beigetragen.

Er weist darauf hin, dass viele Journalist:innen heute aus dem Exil in Pakistan, Iran oder Europa arbeiten. Exilmedien stünden dabei vor dem Problem eines schleichenden Realitätsverlusts, da der fehlende Zugang zu Quellen und die geografische Distanz zu einer wachsenden Kluft zwischen Ereignis und Berichterstattung führten.

Zudem betont er, dass sich der Mediensektor auch wirtschaftlich in einer tiefen Krise befinde. Entweder bleibe internationale Unterstützung aus oder Werbeeinnahmen fehlten, sodass vielen unabhängigen Medien nur die Schließung oder das Exil als einzige Optionen blieben.

Überleben, Exil und Widerstand

In Afghanistan bestimmt ein enges Geflecht formaler und informeller Vorgaben die Medienarbeit. Inhalte müssen sich konsequent an offiziellen Linien orientieren, sensible Themen werden systematisch ausgeblendet. Nachrichten weichen zunehmend der Logik der „kontrollierten Erzählung“.

In diesem tiefgreifend umgebauten Informationssystem ist Journalismus kein gewöhnlicher Beruf mehr, sondern eine riskante Praxis an der Schnittstelle von Überleben, Exil und Widerstand.

 

 

 

 

Shahhussain Rasuli ist Journalist und Experte für Friedens- und Konfliktforschung mit Sitz in Berlin. Er war Leiter der Nachrichtenredaktion der größten afghanischen Tageszeitung „Hashte Subh Daily” und ist derzeit bei „Radio Connection”, einer mehrsprachigen Radiosendung, aktiv. Er hat Journalismus studiert und seine Ausbildung an der „OsloMet...
Redigiert von Jamil Zegrer, Nora Theisinger