21.07.2026
Somaliland: Zwischen Unabhängigkeit und Staatszerfall
Handgezeichnete Karte des nördlichen Somalilands. Bild: University of Illinois Library, 2020, Wikimedia Commons
Handgezeichnete Karte des nördlichen Somalilands. Bild: University of Illinois Library, 2020, Wikimedia Commons

Seit über 30 Jahren ein de facto unabhängiger Staat: Ein Überblick über die Zersplitterung der somalischen Bevölkerung durch koloniale Grenzen, herausfordernde Unabhängigkeit und die Entwicklung staatlicher Strukturen am Horn von Afrika.

Die von Somalis besiedelten Territorien am Horn von Afrika wurden in der Kolonialzeit, zwischen 1880 und 1920, in fünf verschiedene Kolonialstaaten aufgeteilt: das französisch kolonialisierte Dschibuti, das ehemalige britische Protektorat im heutigen Somaliland, die in das heutige Äthiopien inkludierte Ogaden-Region, den zentralen, von Italien kolonisierten Teil mit der Hauptstadt Mogadishu, und einige südliche zur Kolonialzeit britisch kontrollierte Gebiete, die heute Teile Kenias sind. 

Unabhängigkeit und Nationalismus 

Im Jahr 1960 erlangte die somalische Republik ihre Unabhängigkeit. Der neue Staat war ein Zusammenschluss des britischen Protektorats von Somaliland und des italienisch verwalteten Gebiets. Diese Konstellation war ein maßgebliches Ergebnis des somalischen Nationalismus, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entstand, welcher 1940–41 auch am Horn von Afrika ausgetragen wurde. Ihm lag die Idee zugrunde, dass sich zunächst das britische Protektorat und das italienische Gebiet vereinigen, dann aber Stück für Stück auch Dschibuti, Ostäthiopien und Nordostkenia – und somit alle somalisch bewohnten Gebiete am Horn von Afrika – integriert werden sollten. Dieses Projekt einer großsomalischen politischen Ordnung führte jedoch unmittelbar zu Konflikten mit den Nachbarländern Äthiopien und Kenia. 

Der postkoloniale Staat in Somalia

Die 1963 gegründete Organization of African Unity legte das Prinzip der Unverletzlichkeit bestehender Staatsgrenzen fest. Demnach sollten die Grenzen afrikanischer Staaten in der Form erhalten bleiben, die sie bei ihrer Unabhängigkeit hatten. An dieser Stelle kollidiert somit das alte Diktum des Selbstbestimmungsrechts der Völker mit einer Ordnung im Namen postkolonialer politischer Stabilität. 

In den 1960er Jahren zählte für die meisten Somalis primär ihre Unabhängigkeit. Doch wie in vielen postkolonialen Staaten, verflog die erste Euphorie über ein parlamentarisch-demokratisches System schnell. Der Staat versank in einer Art von Clanismus, in dem beinahe jede Abstammungsgruppe ihre eigene politische Partei gründete. Diesen Parteien ging es weniger um politische Programme, vielmehr wollten sie, dass eigene Verwandte einen Sitz im Parlament bekamen. Ziel war die Umverteilung der Ressourcen, die über den Staat ins Land kamen, an die eigene Verwandtschaft. Das demokratisch clanbasierte System, welches aus der Vereinigung der ehemaligen englischen und italienischen Kolonien hervorging, war gegen Ende der 1960er Jahre so weit erodiert, dass Korruption und Nepotismus die politische Landschaft dominierten. 
 

Militärputsch und Revolution

Dieser Zustand wurde Ende 1969 durch einen Militärputsch beendet. Dessen führende Persönlichkeit war Mohammed Siyad Barre, ein General, der eine Junta aus 25 Militärs zusammenstellte – der sogenannte Somali Revolutionary Council (SRC). Nach ihrer Machtergreifung etablierten diese eine zentralistische, autoritäre Regierung. Ihr erklärtes Ziel war es, die Entwicklung des Landes zu fördern und den Clanismus zu bekämpfen. Das SRC näherte sich dabei, wie andere antikoloniale Regierungen der Postunabhängigkeitszeit in Afrika, der Sowjetunion an, welche Barres Regime am Horn von Afrika unterstützte.

Obwohl die sozialistische Revolution des SRC ideologisch wenig fundiert war, wurden in den ersten Jahren diverse gesellschaftliche Reformen durchgesetzt – es wurden Frauenrechte gestärkt und die lateinische Schrift für die somalische Sprache eingeführt, die bis 1972 vollkommen ungeschrieben war. Zudem gab es Wirtschaftsreformen. Vor diesem Hintergrund waren viele Menschen vorerst begeistert von der zupackenden Art des SRC und dessen Bekämpfung des alten politischen Systems. 

Jenseits der somalischen Grenzen gab es hingegen weniger gute Aussichten. Als 1975 in Äthiopien eine sozialistische Militärjunta unter Mengistu Haile Mariam an die Macht kam, war das Land in einem fragilen Zustand. Die somalische Regierung erkannte darin eine einmalige Chance, sich die großen, somalisch bewohnten Gebiete im Osten Äthiopiens einzuverleiben. Die Regierung in Mogadischu unterstützte zunächst somalische Guerillagruppen in Äthiopien. 1977 marschierte die somalische Armee im Nachbarland ein. Der sogenannte Ogadenkrieg begann. In den ersten Monaten erzielten somalische Truppen große Gebietsgewinne. Doch in der zweiten Hälfte des Jahres 1977 und im Frühjahr 1978 konnte die äthiopische Armee die somalischen Truppen mit Unterstützung der Sowjetunion, die Barre nach dessen Angriff auf das sozialistische Nachbarland aufgab, zurückschlagen – Somalia verlor den Krieg. 

Bürgerkrieg und Staatszerfall

Das Land stand vor einem militärischen Desaster. Dies war auch Siyad Barre bewusst, der schon auf eine Revolte aus den eigenen Rängen eingestellt war und sie, nachdem diese einsetzte, gewaltvoll niederschlagen ließ. Daraufhin bildeten sich jedoch Guerillagruppen, teilweise angeführt von ehemaligen Offizieren der somalischen Armee, die, während der gesamten 1980er Jahre gegen die Zentralregierung kämpften. 

Eine dieser Gruppen war die sogenannte Somali National Movement (SNM). Sie wurde stark von den Isaaq, der dominanten Clanfamilie aus dem nordwestlichen, ehemals britischen Somalia, kontrolliert. Die 1980er Jahre hindurch unterstützten die USA die schwächelnde Militärdiktatur in Somalia als strategischen Partner gegen das fest im sowjetischen Lager verankerte Äthiopien. Diese Unterstützung endete erst mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, woraufhin es den verschiedenen Guerillagruppen aus dem Süden, Anfang 1991 gelang, die Regierung in Mogadischu zu stürzen. Der Nordwesten des Landes, also das ehemalige britische Protektorat, kam so unter die Kontrolle des SNM. 

Im Mai 1991 erklärte die SNM das von ihnen kontrollierte Gebiet zum unabhängigen Staat Somaliland. Damals einigte man sich auf ein hybrides politisches System, in dem die verschiedenen Bevölkerungsgruppen entsprechend ihrer Größe im Parlament vertreten waren. In den 1990er Jahren erwies sich dieses Modell als sinnvoll, da es dazu beitrug, eine Fortsetzung des Bürgerkriegs im Norden zu verhindern.

Zurück zum Clanismus 

2001 wurde in Somaliland eine neue Verfassung verabschiedet. Sie sah ein Mehrparteien-System mit freien demokratischen Wahlen vor. In der Realität führte dies allerdings dazu, dass das repräsentative politische System in ein Mehrparteien-System umgewandelt wurde, in dem ein Clan dominiert. Dies bedeutet bis heute: Der größte Clan, die Isaaq, sitzt in allen Parteien. Es ist daher beinahe egal, welche Partei gewählt wird, am Ende bekommt fast immer ein Isaaq den Sitz. In Somaliland entstand damit schrittweise ein Ein-Clan-Staat. 

Dieses Machtungleichgewicht führte dazu, dass sich die Regierung in der Hauptstadt Hargeisa immer stärker ermächtigt fühlte, gegen den Widerstand anderer Clans zu arbeiten. Dies gipfelte darin, dass Menschen in der Stadt Lasanod, im Osten Somalilands, in welcher ein großer Teil der Einwohner:innen die Sezession Somalilands ablehnte, 2023 einen Aufstand begannen. Ein Krieg zwischen Unionisten und Sezessionisten entstand. Im August 2023 konnte die in Milizen organisierte und von der Diaspora unterstützte Lokalbevölkerung dann sogar die somaliländische Armee besiegen. 

Wie geht es weiter? 

Heute steht ungefähr ein Drittel des somaliländischen Territoriums nicht mehr unter der Kontrolle der Regierung in Hargeisa. Im Gebiet zwischen Somaliland und Puntland entstand in den letzten Jahren somit eine eigene Clanadministration, welche Ende Juli 2025 von der Regierung in Mogadischu als neuer Bundesstaat Somalias namens Nordoststaat anerkannt wurde. 

Trotz dieser Situation erfolgte im Dezember 2025 die Anerkennung Somalilands als unabhängiger Staat durch Israel. Diese diplomatische Anerkennung muss sowohl im Kontext der historischen Entwicklung als auch im Kontext jahrzehntelanger politischer Einflussnahme ausländischer Akteure am Horn von Afrika eingeordnet werden – Akteure wie dem israelischen Staat, die mit einer solchen Politik ihre eigenen ökonomischen und geostrategischen Interessen in der Region verfolgen. 

Was dieser Schritt für die politischen Machtverhältnisse in der Region bedeutet, lest ihr im Interview mit Markus Höhne

 

 

 

 

Alexander Waiblinger studiert Sozial-und Kulturanthropologie mit einem Fokus auf arabisch-sprachige Regionen in Sub-Sahara Afrika (an der Universität Leipzig). Er interessiert sich für Themenfelder wie postkoloniale Theorie, Politische Ökologie und Protestbewegungen.
Markus Höhne ist Ethnologe an der Universität Göttingen mit einem Fokus auf die Somali-sprachigen Regionen am Horn von Afrika.
Redigiert von Martje Abelmann, Hannah Jagemast