11.05.2026
17. ALFILM in Berlin: Kino in Zeiten multipler Krisen
Pascale Fakhry und Iskandar Abdalla eröffnen das ALFILM Festival. Foto: Martje Abelmann.
Pascale Fakhry und Iskandar Abdalla eröffnen das ALFILM Festival. Foto: Martje Abelmann.

Das ALFILM Festival bringt SWANA auf die Leinwände. Der Eröffnungsfilm „Palestine 36“ zeigt ein oft übersehenes Kapitel palästinensischen Widerstands – mit erschreckenden Parallelen zur Gegenwart.

„Uns fehlen die Worte. Wir haben so viel verloren. Es überrascht nicht, dass Niederlagen und Trauer im Mittelpunkt der diesjährigen Ausgabe stehen. Die Filme, die wir zeigen, spiegeln wider, wie wir uns in diesem historischen Moment fühlen.“ Diese Worte richtet Pascale Fakhry, Geschäftsführerin des ALFILM Festivals, an das Publikum im Saal. Der Raum des Hebbel-Theaters ist voll besetzt, die Vorstellung seit Wochen ausverkauft. 

Erinnern und Zeug:innenschaft ablegen

Die Vorfreude liegt spürbar in der Luft und verbindet das Publikum bereits vor dem ersten Bild. Viele Menschen fiebern jedes Jahr aufs Neue dem ALFILM entgegen, das seit 2009 in Berlin stattfindet. Das Programm umfasst vielfältige, zeitgenössische Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus SWANA. Im diesjährigen „Spotlight“ steht der Sudan unter dem Titel „A New Projection – Retrospectives, Revolution and Restaurations“ (dt.: Eine neue Perspektive – Rückblicke, Revolution und Restaurationen).  

Laut Iskandar Abdalla, dem künstlerischen Leiter des Festivals, sollen damit die Facetten der sudanesischen Geschichte beleuchtet, und gleichzeitig die vielfältigen Formen des Widerstandes in den Blick genommen werden. Das „Spotlight“-Programm kuratierte der sudanesische Produzent und Gründer der Sudan Film Factory, Talal Afifi.

Auch Iskandar Abdalla richtet eindringliche Worte an das Publikum: „Es ist das dritte Jahr in Folge, dass ich hier bei der Eröffnung des ALFILM Festivals stehe und mich frage: Was bedeutet es, Filme anzuschauen und sich über Filme auszutauschen, in Zeiten, in denen ganze Bevölkerungsgruppen in der Region, die wir zu repräsentieren versprechen, ethnisch gesäubert, massenhaft vertrieben und gewaltsam unter der Last von Armut, ökologischen Krisen und politischer Unterdrückung zermalmt werden?“ Umso bedeutender sei es, hinzuschauen, zu erinnern und Zeug:innenschaft über das abzulegen, was passiere. 

Auftakt mit einem oft übersehenen Kapitel palästinensischen Widerstands

Erinnern, Zeug:innenschaft ablegen: Dafür steht auch der Film „Palestine 36“, geschrieben und produziert von Annemarie Jacir, die sich vor der Deutschlandpremiere im Hebbel-Theater per Videobotschaft bei den Zuschauer:innen meldet. Der Film spielt im Jahr 1936 – einem entscheidenden Jahr in der Geschichte Palästinas. Er zeigt die Gleichzeitigkeit zweier Entwicklungen, die das Land bis heute prägen: Das britische Mandat über Palästina nach dem Fall des osmanischen Reiches und den Verlust von Land und Arbeit durch die rasant ansteigende Migrationsbewegung jüdischer Menschen aus Europa und der Sowjetunion. 

Die Zuspitzung dieser Krisen lässt sich im Laufe des Filmes mitverfolgen – angefangen bei der Unzufriedenheit palästinensischer Arbeiter:innen über schlechtere Löhne im Vergleich zu den jüdischen Neuankömmlingen, über die Gründung von Rebellengruppen bis hin zur Formierung eines breiten, von Bäuer:innen geführten Widerstandes. All dies wird anhand von Yusuf erzählt, einem jungen Mann, dessen Leben sich zwischen Jerusalem und dem Dorf seiner Familie abspielt.

Filmplakat von „Palestine 36“. Foto: MPI media group. Pressemappe, 2026.

Neben der Entstehung des Widerstandes präsentiert die Filmemacherin Jacir auch die Spaltungen innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, besonders zwischen der städtischen Elite und den Menschen auf dem Land, die den Siedler:innen und der britischen Besatzung direkt ausgeliefert waren. 
Der Film schafft es, diesen von Verlust und Niederlage geprägten Abschnitt der palästinensischen Geschichte – wissen wir heute doch, dass die Ereignisse einige Jahre später in der Nakba mündeten, die sich bis heute in Form von Vertreibung, Apartheidsystem und Genozid fortsetzt – zutiefst menschlich darzustellen. Die Resilienz, die Solidarität untereinander und die Einforderung von Freiheit und Würde durchziehen jede Szene. 

Frauenrollen im Widerstand

Zwei Dinge fallen besonders auf: Der Film ist geprägt von starken Frauen und Mädchen. Zwar spinnt sich der Erzählstrang um Yusuf, doch bleiben auch die weiblichen Charaktere immer im Vordergrund: Die Journalistin Khuloud, die unter einem männlichen Synonym politische Artikel schreibt und sich im Laufe des Films immer weiter dem Widerstand anschließt. Oder Rabab und Afra, Mutter und Tochter, die bei jeder britischen Razzia unglaubliche Widerstandskraft beweisen und heimlich die Rebellen mit Nahrung versorgen, die sich um ihr Dorf herum versteckt halten. 

Besonders vor dem Hintergrund, dass Frauen in historischen Erzählungen chronisch unterrepräsentiert sind, und sich geschichtliche Erzählungen meist an „großen Männern“ orientieren, bricht „Palestine 36“ mit dieser Art der Geschichtsschreibung. Die Rolle der Frauen als Rückgrat einer widerständischen Gesellschaft und ihre aktive Rolle im Kampf um Freiheit und Würde wird unmissverständlich klar.

Gespenstische Parallelen zur Gegenwart

Eine weitere Erkenntnis vermittelt der Film jedoch auch: Einige der Szenen, in denen Siedler:innengewalt oder die rohe Willkür der britischen Besatzung gezeigt werden, rufen grausame Bilder aus der Gegenwart ins Gedächtnis. Im Film brennende Felder, angezündet von Siedler:innen; in der Gegenwart brennende Dörfer nach Siedler:innenprogromen in der Westbank. 

Im Film Palästinenser:innen, die zusammengepfercht hinter Zäunen festgehalten werden, teilweise mit verbundenen Händen; in der Gegenwart Männer in Gaza, die gefesselt und mit verbundenen Augen auf dem Boden aufgereiht werden. Im Film Männer, die von der britischen Besatzung auf Pritschenwagen abtransportiert werden – die gleichen Bilder in der Gegenwart in Gaza unter den Händen der israelischen Besatzung. Szenen der Kolonialen Gewalt, die seit rund 100 Jahren das Leben von Palästinenser:innen bedingt – und oft auch beendet. 

Berlin als Festivalort: Hauptstadt des Mittäter:innenlandes 

Neben den grausamen Parallelen zwischen Film und Gegenwart wird den Zuschauer:innen im Saal eine weitere Konstante vor Augen gehalten, die Berlin als Ort für das Festival besonders macht. Auch wenn es im Film nur angedeutet wird, beispielsweise durch den Zoom auf den Ausweis einer neu ankommenden Person mit der Aufschrift „Deutsches Reich”: Deutschland ist mitschuldig. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart – nicht nur durch die politische Rückendeckung der israelischen Regierung, sondern auch als zweitgrößter Waffenlieferant für die Kriegsverbrechen ebendieser.

Pascale Fakhry appelliert daher in ihrer Rede: „Lasst uns gemeinsam trauern. Laut, damit diejenigen, die die Waffen liefern, mit denen wir getötet werden, die uns in Länder zurückschicken wollen, die sie aktiv zerstören, und die vorgeben, die Verteidiger der Menschenrechte zu sein, erkennen, was sie uns antun. Lasst uns unsere Verzweiflung zum Ausdruck bringen, damit sie uns wahrnehmen. Und damit sie die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Unser Blut klebt an euren Händen.“ 

Die Verweigerung des Unsichtbarmachens 

Das Spannungsverhältnis zwischen der Zelebrierung von Filmkunst aus SWANA, von talentierten Regisseur:innen und Künstler:innen, und die allgegenwärtige Trauer und Schwere angesichts des politischen Kontextes, in dem das ALFILM stattfindet, ist in den Eröffnungsreden spürbar. Und dennoch, wie in den Jahren zuvor, bleibt am Ende die Hoffnung. Geschöpft aus dem Einnehmen von Raum, geschöpft aus dem Zusammenkommen inspirierender Menschen, geschöpft aus dem Gefühl, dass es auch im Angesicht schrecklichster Gewalt weitergeht. Dass noch immer, und gerade deshalb, Geschichten erzählt, Erinnerungen festgehalten und Kunst erschaffen wird. 

„Ich glaube an Kino nach der Katastrophe und inmitten der Katastrophe. Nicht, weil ich denke, dass Filme die Welt verändern oder Völkermorde verhindern können. Aber ich glaube, dass sie das Leben im Angesicht des Todes bewahren“, beschreibt Iskandar Abdalla in seiner Eingangsrede das Gefühl, mit welchem die Zuschauer:innen den Kinosaal verlassen: „Es gibt ein Leben nach dem Tod, und es gibt ein Leben trotz des Todes.“ 

 

 

 

Martje Abelmann hat Kommunikationswissenschaft in Berlin und Jerusalem studiert und widmet sich aktuell ihrem Master in Sozial- und Kulturanthropologie. In ihrer Freizeit lernt sie Arabisch und ist politisch rund um feministische, antirassistische und international solidarische Themen aktiv.
Redigiert von Nora Theisinger, Filiz Yildirim