18.04.2018
Jemen: Die Eskalationsspirale dreht sich nochmal schneller
Ein Brandherd im Süden: Zwar machen auf diesem Bild aus dem Jahr 2013 nur ein paar Jungs ein Lagerfeuer in Aden. Inzwischen ist aber im Süden tatsächlich eine militärische Kraft erwachsen, die dem Bürgerkrieg eine weitere Dimension hinzufügt. Foto: Brian Harrington Spier (Yemen. Aden. Maala. Aug 2013) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
Ein Brandherd im Süden: Zwar machen auf diesem Bild aus dem Jahr 2013 nur ein paar Jungs ein Lagerfeuer in Aden. Inzwischen ist aber im Süden tatsächlich eine militärische Kraft erwachsen, die dem Bürgerkrieg eine weitere Dimension hinzufügt. Foto: Brian Harrington Spier (Yemen. Aden. Maala. Aug 2013) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Als Anfang Februar südjemenitische Milizen den Kampf gegen die Zentralregierung aufnahmen, war eine neue Eskalationsstufe erreicht. Ein schlechtes Omen für Jemens bis dato ohnehin schon komplexen Bürgerkrieg, in dem das Schlimmste jetzt erst noch kommen könnte. Umso wichtiger, dass die Berichterstattung endlich die Realitäten vor Ort anerkennt.

Nach den jüngsten Ereignissen in Südjemen, als mehrere Milizen ihr Bündnis mit der Zentralregierung aufkündigten und im Februar 2018 die Stadt Aden einnahmen, geriet der jemenitische Bürgerkrieg ein weiteres Mal in den Fokus der internationalen Medien. Aber im Gegensatz zu früheren Berichterstattungen, die den Bürgerkrieg primär unter den Kategorien einer Auseinandersetzung zwischen sunnitischer Zentralregierung und schiitischen Rebellen, oder eines saudisch-iranischen Stellvertreterkrieges analysierten, änderte sich diesmal das Narrativ: Mit den südlichen Separatisten betrat ein neuer und bislang zumeist vernachlässigter und selten erwähnter Akteur die Bühne, der nicht in die bestehenden Kategorien hineinpasste. Die Ereignisse von Aden zeigen, wie komplex der jemenitische Bürgerkrieg und wie verzerrt dessen bisherige Darstellung ist.

Im Kern ist dadurch klargeworden, dass es im Jemen um mehr geht als nur um eine Auseinandersetzung zwischen Houthi-Rebellen und Zentralregierung, und dass das Feld der Kriegsparteien heterogener ist, als es Staaten wie Saudi-Arabien oder die USA zugeben wollen. Weil beide die jemenitische Zentralregierung unter dem Vorwand, den Vormarsch der Houthis zu stoppen, stützen, liegt es in ihrem Interesse, den Konflikt als einen binären darzustellen, in dem eine legitime Zentralregierung gegen vom Ausland unterstützte, sektiererische Rebellen kämpft.

Wie jedoch die Auseinandersetzungen vom Februar innerhalb der anti-Houthi Allianz zwischen den Regierungstruppen und den südjemenitischen Milizen zeigten, ist der Konflikt weitaus komplizierter – und damit auch potenzielle Lösungen. Es wäre das Gebot der Stunde, diese Dynamiken und ihre Hintergründe anstelle der politisierten Betrachtungsweise zu respektieren, um den mehr und mehr eskalierenden Krieg im Jemen, der schon jetzt eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt darstellt, deeskalieren zu können.

Ein besseres Verständnis des Bürgerkriegs sowohl vonseiten der internationalen Akteure als auch internationaler Medien könnte dabei helfen, besser mit der Situation umzugehen und zwischen den verfeindeten Parteien erfolgreicher zu vermitteln. Eine detailliertere Analyse der Gründe des Krieges, die sich nicht vereinfachter Narrative bedient, sondern die bestehende Komplexität anerkennt und einordnet, wäre hierbei ein erster Schritt in die richtige Richtung. Der folgende Artikel soll einen Anstoß hierzu bieten, indem er den Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen Regierungstruppen und separatistischen Milizen nachzeichnet und darstellt, inwiefern die Entwicklungen in Aden nur am Beginn einer noch weitreichenderen Eskalation stehen könnten, sollte von der internationalen Gemeinschaft keine Lösung angestrebt werden.

Jemen: Die historische Dimension des Konflikts

Der Kern des jemenitischen Bürgerkriegs, in dessen Rahmen die Ereignisse in Aden stattfanden, besteht aus einer Vielzahl von Gründen. Obwohl er 2011 mit der Protestbewegung für mehr Freiheit und Bürgerrechte seinen Lauf nahm, aus der sich 2014 nach dem Scheitern eines Übergangsprozesses ein ausgewachsener militärischer Konflikt entwickelte, gehen die Hintergründe dafür den Protesten weit voraus. Was durch den Arabischen Frühling angefacht wurde, waren Jahrzehnte an Frustration und Spannungen, die ihren Anteil an der Eskalation im Süden hatten. Es ist dementsprechend unabdingbar für das Verständnis jener Ereignisse, und des Bürgerkrieges an sich, einen Blick auf den historischen Kontext zu werfen, um die Hintergründe des Konflikts und der Separatisten zu verstehen. Es sind dabei zwei Aspekte, die deutlich herausscheinen:

Erstens: Der Jemen wurde nur selten von einer politischen Zentralmacht kontrolliert. Historisch gesehen stellten zaiditische Imame vom 9. Jahrhundert aus der Region Sa‘da ausgehend bis in die 1960er Jahre eine politische Vormacht im Land dar, jedoch nicht im Sinne einer zentralen Autorität. Vielmehr beruhte ihre Herrschaftsform auf einer speziellen Bündnisstruktur mit lokalen Notabeln, die vermehrt in der Forschung als „arrested statehood“ (in etwa: „gehemmte Staatlichkeit“) bezeichnet wird. Der Begriff bezieht sich dabei auf die Abhängigkeit der zaiditischen Imame, mit lokalen Alliierten kooperieren zu müssen, um ihre Herrschaft ausüben zu können. In ähnlicher Weise werden die beiden bedeutenden Stammeskonföderationen der Hashed und Bakel als „Flügel des Imamats“ beschrieben, weil sie es waren, die den Imamen die entscheidende Übermacht gegenüber ihren Gegner verliehen. Im Gegenzug bekamen sie materielle Gütern und wirtschaftliche Privilegien.

Politische Herrschaft war im Jemen von Beginn an von der Verteilung von Macht abhängig, weniger von deren Monopolisierung. Dies gilt bis heute: Im jetzigen Bürgerkrieg kämpfen die Akteure nicht wegen einer vage formulierten, religiösen Motivation heraus oder im Auftrag fremder Regierungen, sondern im Kern um die Kontrolle des Zentralstaats und die Etablierung eines neuen politischen Systems (siehe hier für eine detaillierte Ausführung dieses Punktes).

Zweitens: Der moderne Jemen innerhalb seiner gegenwärtig bestehenden Grenzen hat als solches Gebilde keinerlei historische Präzedenz. Das jetzige territoriale Gebilde wurde in der Geschichte von niemandem über einen längeren Zeitraum hinweg zentralstaatlich kontrolliert. Obwohl der Herrschaftsbereich der Zaiditen im 15. Jahrhundert dem zumindest nahekam, blieb der Kernbereich ihrer Hausmacht im Norden des Landes. Auch ausländische Mächte, wie das Osmanische Reich oder Großbritannien, scheiterten an der Errichtung einer Zentralgewalt für das gesamte Land und fokussierten stattdessen ihre politische Kontrolle auf einige Kerngebiete, hauptsächlich an den Küstenstädten.

Mit der Geburt der zwei modernen jemenitischen Staaten in den 1960ern – im Norden in Form einer panarabischen Republik nach dem Sturz des letzten zaiditischen Imamats, im Süden als sozialistische Republik nach dem Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft – konnten beide Seiten auf keine wirklich gemeinsame Geschichte zurückblicken.

Die Vereinigung beider Staaten im Jahre 1990 erschien dementsprechend als ebenso gefeiertes wie präzedenzloses Ereignis in der jemenitischen Geschichte, das abseits der abstrakten Idee einer geeinten jemenitischen Nation keine historische Referenz hatte, und, noch wichtiger, dadurch auch keine wirkliche Grundlage. Es waren zwei verschiedene Systeme, die in einem Staat zusammengefasst werden sollten, was von vornherein nicht funktionierte. Zu groß waren ihre Unterschiede.

Das Scheitern des geeinten Jemens unter Saleh

Als Ali Abdullah Saleh sein Amt als Präsident des Nordjemen im Jahre 1978 antrat, sah er sich mit den Auswirkungen der „gehemmten Staatlichkeit“ direkt konfrontiert, die durch mehrere Militärputsche, von denen einem Salehs direkten Vorgänger und Mentor zum Opfer fiel, noch verstärkt wurden. Saleh war sich darüber im Klaren, dass im Jemen politische Macht nur um den Preis der politischen und physischen Gefährdung des Machthabers selbst zentralisiert werden konnte. Dementsprechend errichtete Saleh ein weit reichendes Patronage-Netzwerk unter seiner Kontrolle, das seine Herrschaft stützen sollte.

Zu den „Flügeln“ seiner Präsidentschaft wurden Stammesführer, religiöse Würdenträger und reiche Kaufleute, die alle von ihm erfolgreich kooptiert wurden: Salehs Jemen wurde stabil, aber eben nicht durch die Errichtung eines Staates, sondern durch die Errichtung seines Staates, der von ihm abhängig war. Salehs Patronage-Netzwerk beruhte im Wesentlichen darauf, die verschiedenen Akteure gegeneinander auszuspielen, um ihn selbst an der Spitze zu halten. Dies war die eigentliche Bedeutung der von Saleh oft genutzten Phrase vom „Tanz auf den Köpfen der Schlangen“, wenn er sich auf das Regierung im Jemen bezog. Das System funktionierte – zumindest bis 2011.  

Die Vereinigung zwischen Nord und Süd im Jahr 1990 wurde unter diesen Gesichtspunkten von Saleh strategisch betrachtet: Er wusste wie schwach der Süden nach dem Fall der Sowjetunion, seinem einzigen Verbündeten, war und dass er dementsprechend eine Vereinigung zu seinen Bedingungen forcieren konnte. Dies betraf im Wesentlichen die Übernahme der Ölfelder im Grenzgebiet zwischen beiden Staaten, aus deren Erlösen Saleh sein Patronage-Netzwerk finanzierte.

Außerhalb rein ökonomischer Dominanz nutzte er die neue Einheit, um die verschiedenen politischen Gruppierungen des Gesamtjemen gegeneinander auszuspielen und sich sein Image als nationale Führerfigur zu polieren, der die Jemeniten vereinte. In den ersten Wahlen nach der Einheit von 1993 zeigte sich dies, als er durch eine Allianz mit der Islah-Partei verhinderte, dass Parteien aus dem Süden Teile des Staatsapparats mitkontrollieren können. Der Vereinigte Jemen wurde so de facto weiter vom Norden aus kontrolliert.

Aus der wachsenden Frustration im Süden wegen der politischen und wirtschaftlichen Marginalisierung, brach 1994 ein kurzer Bürgerkrieg aus, den der Norden entscheidend gewann, während der Süden nach der Niederlage in eine politische Schockstarre verfiel – ohne dass jedoch die Gründe für den Aufstand des Südens verschwanden. Vor allem über das dominierende Narrativ des Konflikts im Südjemen, erhielt sich der Frust gegenüber dem Norden. Saleh wird bis heute vorgeworfen, wiederholte Attentatsversuche gegen politische Figuren aus dem Süden durchgeführt und über einen präemptiven Militärschlag den Bürgerkrieg angestachelt zu haben.

Misstrauen und Wut blieben im Süden bestehen und verstärkten so das Bild der Nordjemeniten als Eroberer und Unterdrücker der restlichen Jemens. Diese Ressentiments brachen sich letztlich in den jüngsten Ereignissen, als südliche Separatisten mit Regierungstruppen zusammenstießen, Bahn.

Der Fall (oder die Fälle) des Südjemens

Im Hinblick auf den historischen Kontext kommt das nicht wirklich überraschend. Von Beginn an, als die Zentralregierung vor den Houthis im Jahre 2015 aus Sana'a ins südliche Aden floh und sich dort mit den südlichen Milizen verbündete, wurde der zerbrechliche Charakter dieses hastig gezimmerten Bündnisses deutlich. Es war ihr gemeinsames Ziel, den Vormarsch der Houthis zu stoppen, die ihrerseits nach Süden vordrangen und dort, besonders in Taiz, auf erbitterten Widerstand stießen.

Aber abgesehen von einem gemeinsamen Feind einte Regierung und südliche Milizen nicht viel. Ihre Kooperation war aus der Not geboren und blieb von Opportunismus geprägt, denn letztlich blieben beide Seiten weiterhin unterschiedliche Akteure mit eigenen Interessen. Während die Südmilizen den Übergangsprozess, ähnlich wie die Houthis, zeitweise boykottierten und deutliche Vorbehalte gegen den Präsidenten Hadi hatten, kam es bis zum August 2014 noch zu mehreren blutigen Gefechten zwischen ihnen und Regierungstruppen. Das Schisma zwischen Nord und Süd war in dem Punkt zu groß, als dass es durch den Übergangsprozess von 2011 hätte überbrückt werden können. Es konnte wohl aber temporär überdeckt werden, wofür die Offensive der Houthis und Unterstützung durch benachbarte Golfstaaten sorgte.

Davon abgesehen gibt es noch eine weitere wichtige Schlussfolgerung, die aus dem historischen Kontext gezogen werden kann: Die Zusammensetzung der politischen Kräfte im Süden erscheint ihrerseits in keinster Weise homogen. So zeigen sich dementsprechend düstere Aussichten auf das, was im Südjemen passieren könnte, falls die politischen Kräfte dort ihre Position halten können. Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass auch das Bündnis der südlichen Milizen seinerseits in interne Machtkämpfe zerfällt, was dem jetzt vielschichtigen Bürgerkrieg im Jemen eine weitere Tiefendimension verleihen würde. Das macht diesen Aspekt so wichtig.

Nach außen hin treten die südlichen Milizen seit 2007 größtenteils in der Bewegung „Al-Hirak Al-Junubi“ vereinigt auf und teilen die Flagge des ehemaligen Südjemen. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie außer der vagen Vision größerer politischer Autonomie kaum politische Inhalte verbinden. Tatsächlich ist al-Hirak ein eher loser Zusammenschluss heterogener Milizen.

Historisches Tauziehen um Macht im Südjemen

Diese Heterogenität hat wiederum ihre historischen Wurzeln in der Tatsache, dass der Südjemen seit jeher von einer Vielzahl kleiner Stadt-Staaten regiert wurde. Während den 60er Jahren bestand er aus 19 solcher Klein-Emirate.  

 Public Domain, Wikicommons (commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1471528)

 

Alle dieser Stadtstaaten verbündeten sich erfolgreich im Aufstand gegen die Briten, bis allerdings nur zwei Jahre nach ihrer Unabhängigkeit eine Machtübernahme von Marxisten innerhalb des Südens 1969 ihre innere Zerrissenheit aufdeckte, die sich im Wesentlichen auf unterschiedliche Ausprägungen der sozialistischen Ideologie bezog. Was die politischen Kräfte im Süden vereinte, war der Kampf gegen einen gemeinsamen Feind, darüber hinaus fanden sie allerdings wenig politische Gemeinsamkeiten.

Das deutlichste Beispiel dafür zeigte sich 1986, als innerhalb des sozialistischen Regierungslagers ein kurzer Bürgerkrieg ausbrach, angefacht sowohl durch ideologische Streitigkeiten zwischen Radikalen und Pragmatikern, als auch durch interne Machtkämpfe. Nach der Niederlage letzterer flohen diese in den Norden, wo ihnen von Saleh, der die Auseinandersetzung als Gnadenstoß für den ohnehin ökonomisch bröckelnden Südjemen sah, Asyl geboten wurde. Saleh nutzte dadurch die Ereignisse, um Verbindungen zu den Politikern des Südens aufzubauen. Während des Vereinigungsprozesses im Jahre 1990 wusste er diese Verbindungen geschickt einzusetzen.

Während diese niemals wirklich implementiert wurde und Saleh weiterhin die politischen Akteure gegeneinander ausspielte, verpassten die südjemenitischen Kräfte die Chance, ihre Forderungen nach einer Einheitsregierung, zusammen mit einer gerechteren Aufteilung der Erdöleinkommen, zu koordinieren. Als 1994 der Bürgerkrieg ausbrach, der in vielerlei Hinsicht von den Siegern der vorigen inner-südjemenitischen Auseinandersetzung geführt wurde, bestand Saleh darauf, dass nun seine ehemalige Gastfreundschaft gegenüber der südjemenitischen Opposition erwidert wurde. Viele folgten, unter ihnen: Abd Rabbo Mansour Hadi, der sich während des Konfliktes auf die Seite des Nordens schlug und in den folgenden Jahren durch die Patronage Salehs belohnt wurde.

Diejenigen Fraktionen innerhalb der al-Hirak, die sich nach der Niederlage und der folgenden politischen und ökonomischen Ausgrenzung durch den Nordens neu formierten, sind nur in ihrer Wut auf die Zentralregierung und dem Wunsch, eine wie auch immer geartete Form von Autonomie zu implementieren, geeint. Dies bedeutet jedoch nicht, dass daraus eine stabile Allianz erwuchs.

Wenn es ein dominantes Muster im jemenitischen Bürgerkrieg gibt, dann ist es der Bruch bestehender Allianzen. Das betraf bereits die zwischen Zentralregierung und Südmilizen und kann genauso innerhalb der Südmilizen selbst entstehen. Der Präzedenzfall dafür liegt bereits vor.

Die Schichten des Konflikts

Ob es zu Spannungen im Verhältnis der südlichen Milizen untereinander kommt, hängt auch davon ab, wie sehr die alte Führungsriege, wie zum Beispiel die im Exil lebenden Ali Nasir Mohammed und Ali Salem al-Beidh, die die Zentralfiguren hinter dem Bürgerkrieg von 1986 waren, das politische Geschehen dominieren werden. Letzter ist formell einer der Anführer der al-Hirak, obwohl er seit 1994 im Nachbarland Oman im Exil lebt. Dabei ist vor allem eines der Charakteristika der Bewegung die Absenz klarer Führungsstrukturen, was auch einer der Gründe für das Versagen der al-Hirak war, sich im Übergangsprozess durchzusetzen. Das könnte einen internen Konflikt beflügeln.

Im provisorischen Verwaltungsrat des Südens, dem Southern Transitional Council (STC), der im Mai 2017 als Antwort auf Zusammenstöße zwischen verschiedenen südlichen Milizen und Truppen der Zentralregierung gegründet wurde, zeigte sich das bereits. Die Ereignisse waren eine Art Vorbote der jüngsten Kämpfe im Februar. Die Gründung des STC war eine Reaktion auf die Entscheidung der Regierung, Gouverneure der südlichen Distrikte eigenständig abzuberufen und neu zu benennen, womit der Rat den jahrzehntelangen Konflikt zwischen Nordregierung und Süden verkörpert. Er verfügt jedoch über eine relative breite politische Struktur, ist insofern nicht lose aufgebaut. Gleichzeitig versagen ihm einige Fraktionen innerhalb von al-Hirak sowie einige Stämme im Süden die Gefolgschaft.

Die allgegenwärtige Rolle, die die Vereinigten Arabischen Emirate als Hauptverbündeter und einziger Fürsprecher der Unabhängigkeit im Süden spielen, fügt dem Konflikt eine weitere Dynamik hinzu. Aufgrund ihrer tiefliegenden Verbindungen mit dem Süden, die bis in die späten 60er Jahre zurück reichen, als die Emirate politische Flüchtlinge nach der marxistischen Machtübernahme aufnahmen, haben die VAE Berichten zufolge den Vorstoß südlicher Milizen gegen die Truppen der Zentralregierung in Aden unterstützt. Hadi sah sich deshalb dazu veranlasst, die VAE zu beschuldigen, einen Putsch gegen ihn anzuführen.

Zuvor hatten die VAE bereits eine militärische Kampagne im Bündnis mit den südlichen Milizen angeführt, um die Stadt Mukalla von Al-Qaida zurück zu erobern. Hadi war sich dieses Präzedenzfalles bewusst, der die Verbindungen zwischen beiden Seiten offenlegte. Dies gilt umso mehr, da Hadi selbst stets Schwierigkeiten bei der Abstimmung mit den südlichen Milizen hatte, was letztlich zur Gründung des STC führte.

Sein Hauptverbündeter, Saudi-Arabien, enthielt sich jeder öffentlichen Aussage in diesem Kontext. Obwohl Gespräche zwischen den Golfstaaten, um die Situation zu beruhigen, letztlich erfolgreich waren und die Kämpfe eingestellt wurden, können die Saudis nicht glücklich sein mit dem, was passiert ist. Es ist nicht in ihrem Interesse, wenn die Zentralregierung, die von Saudi-Arabien mit einer teuren und kontroversen Militärintervention unterstützt wird, mehr und mehr an Legitimation verliert und zum zweiten Mal aus der Hauptstadt vertrieben wird. Außerdem hat man in Riyad selbst unangenehme Erinnerungen an Aufstandsbewegungen aus dem Süden der arabischen Halbinsel, die durch einen zu starken Südjemen wieder aufkommen können.

Letztlich könnte diese Dynamik darauf hinauslaufen, dass diverse Akteure versuchen, sich die Loyalität verschiedener Fraktionen innerhalb der Südmilizen zu sichern, indem sie ihnen verschiedene Anreize bieten und so nicht nur eine neue Front im Bürgerkrieg eröffnen, sondern dem Konflikt eine weitere Ebene hinzufügen.

Eine Vielzahl von Kriegsparteien

Bereits jetzt wird der Konflikt zwischen den Houthis, der Zentralregierung, al-Qaida und den verschiedenen südlichen Milizen ausgetragen. Des Weiteren kommen die Islah-Partei, der lokale Ableger der Muslimbruderschaft, die Gefolgsleute des früheren Präsidenten Saleh sowie die Anhänger des Generals Ali Mohsen al-Ahmar, eines ehemaligen Weggefährten Salehs und Erzfeind der Houthis, hinzu. Außerdem existieren noch die verschiedenen Stämme, die sich je nach politischer Lage mal mit dem einen, mal mit dem anderen Akteur verbünden.

Darüber hinaus mischen noch die internationaler Akteure mit, insbesondere Saudi-Arabien, die die Houthis über die Zentralregierung und eine Luftkampagne bekämpfen (und, damit zusammenhängend, eine lose Kooperation mit Islah und al-Ahmar haben), die VAE und ihre Unterstützung für die südlichen Milizen (auch als Gegengewicht zur Islah), der stille aber weiterhin existierende Drohnenkrieg der USA gegen al-Qaida, und, nicht zu vergessen, Iran mit seinen unklaren Verbindungen zu den Houthis. Die Zusammensetzung dieses Krieges stellt genügende Zutaten bereit um die Auseinandersetzung ad Infinitum zu verlängern.

Trotz der humanitären Krise, die aufgrund der bestehenden Situation entstand, hat es die internationale Gemeinschaft bislang unterlassen, sich dem Sachverhalt anzunehmen und konkrete Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Führende Nationen wie die USA nutzen den Jemen vielmehr als Schauplatz ihrer eigenen politischen Agenda oder als Verkaufsargument für ihre Waffenindustrie. Währenddessen datiert der letzte greifbare Lösungsversuch vom März 2015, als die Resolution des Sicherheitsrates 2216 erlassen wurde, welche allerdings schon seit geraumer Zeit als politisch überholt erscheint. Die letzten Friedensverhandlungen wurden währenddessen im August 2016 abgebrochen und neue Anläufe, diese wiederzubeleben, blieben bislang nur oberflächlich.

Sich jenseits der Regierung-Rebellen-Dichotomie zu bewegen und die Rolle aller beteiligten Akteure nüchtern auszuwerten, könnte ein Schritt hin zur Ausarbeitung eines Auswegs aus dem Konflikt sein. Davon ist momentan allerdings wenig zu sehen. Dabei warnte ein interner UN-Bericht eines Experten-Panels vom Januar, der im Februar veröffentlicht wurde, bereits den Sicherheitsrat vor dem Potential Jemens, sich in ein zweites Somalia zu verwandeln und letztlich vollständig in einzelne Kriegsfürstentümer zu zerfallen.

Schon vor den Ereignissen in Aden wurde eindeutig darauf hingewiesen, dass die Zentralregierung im Wesentlichen die Kontrolle verloren hat und eine Autorität unter vielen ist. Am Narrativ des Konflikts änderte dies allerdings nichts, der insbesondere von den Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates weiterhin als ein Krieg zwischen den Houthis gegen die legitime Regierung dargestellt wird. Ein Beispiel dafür ist ein Artikel von Nikki Haley, der US-Botschafterin bei der UN, vom Februar 2018, der sich auf ebenjenen Bericht stützt, ohne allerdings dessen Kernpunkt auch nur Ansatzweise aufzugreifen.

Die Kämpfe in Aden haben dabei jedoch weiter die Zeichen dafür verdichtet, dass die jemenitische Zentralregierung massive Autoritätsprobleme hat. Eine Vielzahl von Kriegsparteien fordert sie heraus, während alle Hilfe, die sie durch die internationale Koalition erfuhr, nur begrenzt Wirkung zeigte. Die Macht der Regierung ist in vielen Bereichen des Landes erodiert. Mehr konkurrierende Akteure bedeuten letztendlich mehr Krieg, was düstere Aussichten für den Jemen darstellt.

Sollten die internationalen Akteure sowie Medien nicht anfangen, ein vollständigeres Bild des Konfliktes wiederzugeben, ohne die Rollen Saudi-Arabiens und Irans, oder den „schiitischen“ Charakter der Houthis überzubewerten und stattdessen die wirklichen Bedingungen des Krieges zu analysieren sowie konkrete Lösungsvorschläge davon abzuleiten, erscheint der Jemen verdammt, in noch mehr Eskalation abzugleiten. 

 

Ebenfalls zum Thema bei Alsharq:

Worum es beim Konflikt im Jemen geht – Teil II. Historische Entwicklungen seit Beginn des Kriegs 2015.

Interview mit Jens Heibach: „Der Jemen hat zurzeit de facto drei Regierungen“

Parham Kouloubandi studiert an der Sciences Po in Paris International Security und beschäftigt sich hauptsächlich mit sicherheitspolitischen Fragen und zwischenstaatlichen Beziehungen in Westasien. Sein Fokus liegt auf bewaffneten Konflikten und Diplomatie, vor allem in Hinblick auf die UN. Er ist zudem als Berater für eine ägyptische...
Übersetzt von Adrian Paukstat