20.09.2018
Öko-Dschihad – Islamischer Umweltschutz
Angesichts solcher Bilder plädiert Kowanda-Yassin in ihrem Buch für ein radikales Umdenken unter Muslim*innen.
Angesichts solcher Bilder plädiert Kowanda-Yassin in ihrem Buch für ein radikales Umdenken unter Muslim*innen.

In ihrem Buch mit dem provokanten Titel „Öko-Dschihad – Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung“ gibt die freiberufliche Autorin Ursula Kowanda-Yassin einen Überblick über die theologische Basis und Initiativen des "Öko-Islams". Es ist ein interessantes Buch über ein in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend vernachlässigtes Thema. Negativ sticht dabei hervor, dass die Autorin stets ihre persönlichen Ansichten ohne klare Trennlinie einwirft. Eine Rezension von Andreas Vogl.

Dies ist ein Beitrag unserer Alsharq-Reihe Re:zension. Seit Mai stellen wir regelmäßig ein neu erschienenes Buch vor, das wir für besprechenswert halten. Wenn Ihr Vorschläge für solche Werke habt oder mitmachen wollt, schreibt uns gerne an [email protected].

In der Einleitung des Buches definiert Kowanda-Yassin den „Öko-Dschihad“ zunächst in eigenen Worten. Demnach sei er „eine gute Beschreibung dessen, was Muslime und Musliminnen tatsächlich tun, wenn sie sich für Umwelt und Natur einsetzen: Sie kämpfen gegen schädigende Gewohnheiten, gegen eigene Bequemlichkeit, gegen bestehende Strukturen und verschwenderische Nutzung von Ressourcen.“ Die erste Verwendung des Begriffs durch die britische Aktivistin Sarah Joseph 2009 im Magazin Emel erwähnt Kowanda-Yassin jedoch erst später (S. 105).

Die Wurzeln des Öko-Islams führt Kowanda-Yassin auf den in Washington, D.C. lehrenden iranischen Philosophen Seyyed Hossein Nasr zurück. Wie viele andere Muslim*innen kam er in den USA mit der Öko-Bewegung in Kontakt und führte sie mit islamischen Prinzipien zusammen. Ausführlich geht Kowanda-Yassin in Kapitel Zwei auf diese theologische Verwobenheit ein. Grundlage für dieses Kapitel ist die Muslim Declaration on Nature, die 1986 in Assisi verabschiedet wurde. Die darin enthaltenen Konzepte gelten muslimischen Autor*innen als die Basis für die islamisch-„theologisch begründete Ökologie.“

Aktivist*innen und Organisationen aus Europa und den USA

Im zweiten, umfangreichen Teil des Buches führt Kowanda-Yassin zahlreiche interessante Beispiele für muslimische Aktivist*innen und Organisationen an, die sich für Umweltschutz einsetzen und ihr Engagement mit islamischen Quellen begründen. Die Liste beginnt mit Fazlun Khalid und seiner Organisation, der 1994 gegründeten Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences (IFEES). Bekannt geworden ist er, als er 2011 Fischer*innen auf Sansibar davon überzeugen konnte, auf das Dynamit-Fischen zu verzichten. Anstatt die Fische mit Explosionen zu töten kehrten die Fischer wieder zur traditionellen Korbfischerei zurück. Seine Überzeugungsarbeit leistete er mit ökologischen Argumenten und Zitaten aus dem Koran.

Ein weiteres Beispiel, welches die Autorin vorstellt, ist die britische Organisation Muslim Action for Development & Environment (MADE). Ein Koranvers, auf welchen die Aktivist*innen sich laut der Autorin beziehen, lautet: „Darum (...) gebt (immer) volles Maß und Gewicht in Gerechtigkeit und beraubt die Leute nicht dessen, was ihnen rechtmäßig gehört, und handelt nicht ruchlos auf Erden durch Verbreitung von Verderbnis (...)“ (Sure 11, Vers 85; zitiert nach Kowanda-Yassin, S. 56). MADE setze sich dafür ein, auf Plastikflaschen zu verzichten, veranstalte seit 2013 jährlich die „Tour de Salat“ (Tour des Gebets) durch London und rege zum verantwortungsvollen Umgang mit Wasser an.

Andere Beispiele, die Kowanda-Yassin vorstellt, sind Husna Ahmads GO, ebenfalls aus Großbritannien, sowie deutsche Initiativen wie den Verein Hima (ein arabischer Begriff für einen geschützten Ort) und NourEnergy. Auch den österreichischen Islamunterricht hebt sie positiv hervor. Dieser habe sich zum Ziel gesetzt, ein ökologisches Bewusstsein bei Kindern zu schaffen.

In Kapitel Elf kritisiert Kowanda-Yassin in einem Rundumschlag dann noch das Emirat Abu Dhabi für seine Verschwendung von Ressourcen, während sie in Kapitel Zwölf Beispiele für Online-Medien gibt, über die sich Interessierte weiter informieren können. Kowanda-Yassin hat Abu Dhabi als großes Negativbeispiel ausgewählt, da das Emirat laut einer WWF-Studie von 2006 „den größten ökologischen Fußabdruck weltweit“ aufweise (S. 159).

Interessante Thematik, Buch mit Schwächen

Vor allem die Kritik an Abu Dhabi ist dabei symptomatisch für die Schwachstelle des Buches: Die persönlichen Ansichten der Autorin stehen im Vordergrund. Von offiziellen Statements sind diese nicht immer klar abzugrenzen. Das Buch liest sich daher stellenweise wie ein Plädoyer für Umweltschutz durch Muslim*innen. Ein Beispiel: Kowanda-Yassin beschreibt, wie der Aktivist Fazlun Khalid seine sichere Anstellung als Beamter in Sri Lanka kündigte, um sich dem komplett dem Umweltschutz zu widmen. Das kommentiert sie es mit den Worten „Respekt! Wer kann schon von sich behaupten, diesen Mut zu haben und alles auf eine Karte zu setzen?“ (S. 46).

Erschwert wird diese Trennung von der persönlichen Meinung der Autorin und den Aussagen von Umwelt-Aktivist*innen, von denen dieses Buch handelt, zusätzlich dadurch, dass keine Quellen angegeben sind. Am Ende des Buches findet der/die Leser*in zwar 15 Literaturverweise. Allerdings handelt es sich dabei vorwiegend um Fachliteratur, die sich vielleicht eignet um sich weiter mit der Thematik zu befassen - allerdings werden kaum Quellen angegeben, die zu den zitierten Aussagen im Buch führen. Dies hat zur Folge, dass stellenweise nicht klar ist, ob Argumente von Kowanda-Yassin stammen oder von den Umwelt-Organisationen selbst.

Die Schwächen des Buches liegen also klar auf der Hand: Wer eine sorgfältig ausgearbeitete, wissenschaftlich fundierte Einführung in die Thematik sucht, sollte lieber nicht zu Kowanda-Yassins Buch greifen. Aus der Perspektive guter wissenschaftlicher Praxis weist das Buch dafür zu viele Schwachstellen auf. Dafür mangelt es der Autorin an persönlicher Distanz zur Thematik.

Nichtsdestotrotz beinhaltet das Buch interessante Anregungen zum Thema Umweltschutz mit Bezug auf den Islam. Es eignet sich für alle, die sich mit der Thematik befassen wollen und eher an Denkanstößen als an belegten Hintergrundinformationen interessiert sind – und dem bisweilen belehrenden, mindestens engagierten Tonfall des Buches mit Wohlwollen begegnen. Für diejenigen, die selbst gerne mit islamischen Quellen arbeiten, ist das Buch auch ein Ansporn, den Öko-Bezug dieser Quellen genauer herauszuarbeiten.

Positiv formuliert: Die Leidenschaft, mit der Kowanda-Yassin schreibt, ist stellenweise mitreißend und kann vor allem für Muslim*innen ein Grund sein, sich aus persönlicher und religiöser Überzeugung für Umweltschutz zu engagieren. Eine Schwäche des Buches kann so also auch als eine Stärke interpretiert werden.

Ursula Kowanda-Yassin: Öko-Dschihad – Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung. Wien, Residenz Verlag 2018, 170 Seiten. 19€.

Andi hat im Bachelor Islamischer Orient und im Master Islamwissenschaft in Bamberg studiert. Auslandsaufenthalte im Jemen, in Iran, Ägypten und Tadschikistan. Seit Oktober 2018 promoviert er an  der BGSMCS in Berlin zur Nacktheit im Islam. Bei dis:orient ist er seit 2017 aktiv. Interessensschwerpunkte sind Korankommentare, der Körper im...
Redigiert von Charlie Wiemann, Julia Nowecki