29.08.2017
Worum es beim Konflikt im Jemen geht – Teil I
Nach einem Luftangriff in Sanaa betrachtet ein Mann die Zerstörung. Bilder wie dieses kennt man inzwischen aus dem Jemen - die Hintergründe des Konflikts aber kaum. Foto: Almigdad Mojalli,VOA/Wikicommons (Public Domain: http://gdb.voanews.com/F6EE18A7-2A62-4670-8E1F-53452BD3787F_mw1866_mh799_s.png )
Nach einem Luftangriff in Sanaa betrachtet ein Mann die Zerstörung. Bilder wie dieses kennt man inzwischen aus dem Jemen - die Hintergründe des Konflikts aber kaum. Foto: Almigdad Mojalli,VOA/Wikicommons (Public Domain: http://gdb.voanews.com/F6EE18A7-2A62-4670-8E1F-53452BD3787F_mw1866_mh799_s.png )

Weit mehr als 10.000 Menschen sind im Krieg im Jemen schon gestorben. Oft gilt der nun schon mehrjährige Konflikt als Teil des saudisch-iranischen Streits um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Die Risse im Jemen gehen aber tiefer. Hintergründe über ein Land, das Opfer seiner eigenen Machthaber und Geschichte ist.

Der Jemen, eines der ärmsten Länder der Welt, wird seit 2014 von einem Krieg geplagt, in den seit 2015 eine internationale Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens interveniert. Das erklärte Ziel des saudischen Königreichs ist die Bekämpfung der Huthi-Bewegung, wofür die Koalition unter anderem eine Blockade errichtet hat, die noch heute weitgehend in Takt ist. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 82 Prozent der Jemeniten dringend humanitäre Hilfe benötigen und haben die Koalition aufgerufen, die Blockade aufzuheben. Saudi-Arabien verweigert das jedoch, da man in Riad fürchtet, dass der Iran die Huthis materiell unterstützt.

Neben diese humanitäre Katastrophe tritt das politische Chaos, das der Konflikt hervorgebracht hat. Golf-Experte Jens Heibach vom GIGA-Institut in Hamburg sprach vor kurzem im Alsharq-Interview von mittlerweile drei Regierungen, die im Jemen um Legitimität kämpfen. Was unübersichtlich scheint, ergibt aber Sinn, wenn man die Vergangenheit des Landes genauer betrachtet. Dieser Artikel will einen Überblick über die jüngere Geschichte des Jemens geben, und die Lage geordnet darstellen. Dieser erste Teil stellt dabei die Ereignisse bis Anfang 2011 dar, dem Beginn des sogenannten „Arabischen Frühlings“.

Kolonialmächte

Das im Norden gegründete zaiditische[1] Imamat herrschte, wenn es die politische Situation gerade zuließ, seit dem 9. Jahrhundert über weite Teile des heutigen Jemens. Allerdings waren aufgrund der Geografie der gebirgige Norden und der flache Süden des Landes meist geteilt und es gelang nur äußerst selten, beide Landesteile zusammen zu bringen; eine Situation, die bis heute fortbesteht. Diese Erfahrung machten auch verschiedene Kolonialmächte. Das Osmanische Reich versuchte beispielsweise von 1538 bis in das 19. Jahrhundert vergeblich, den ganzen Jemen unter seine Kontrolle zu bringen. Expeditionen in das zaiditische Hochland schlugen unter hohen Verlusten stets fehl. 1839 kam mit dem Britischen Empire eine neue Großmacht in der Region an, und nach ersten Handelskontakten annektierte Großbritannien die Stadt Aden und weitete seine Herrschaft über den heutigen Südteil des Jemens aus.

1940 teilte London seine Kolonie aus administrativen Gründen in die Südarabische Föderation und das Protektorat von Südarabien. Die Kolonie spürte kurz darauf auf Grund seiner internationalen Handelsanbindung stark die demografischen und ökonomischen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges. Nach 1945 wurde es für die Briten zunehmend schwierig, die Bevölkerung zu kontrollieren. Scharmützel mit lokalen Stämmen straften sie häufig kollektiv durch Luftschläge ab. Gleichzeitig begann Gamal Abd al-Nasser nach seiner Machtübernahme in Ägypten ab 1953 einen panarabischen Nationalismus zu verbreiten, welcher sich stark anti-kolonialer Rhetorik, primär gegen Großbritannien, bediente.

Das zaiditische Imamat

Die Lage im Nord-Jemen gestaltete sich in den 1950ern derweil anders. Jede noch so kleine Aktion – wie die Benutzung eines staatlichen Fahrzeugs – musste vom zaiditischen Herrscher Imam Ahmad genehmigt werden. Soziale und politische Strukturen im Nord-Jemen basierten auf islamisch-zaiditischer Autorität. Nassers arabischer Nationalismus fand deshalb außerhalb intellektueller Kreise entsprechend nur wenig Anklang.

 Wikicommons/Public Domain Ahmad Ibn Yahya, der vorletzte König der Zaiditen im Nord-Jemen. Foto: Wikicommons/Public Domain
 

Zudem war die nord-jemenitische Wirtschaft in einer prekären Lage. Zucker kostete beispielsweise im Norden aufgrund von Steuern 1956 doppelt so viel wie im Süden, das Land war streng isoliert und Opposition gegen Imam Ahmads Politik wurde harsch sanktioniert. Hunderttausende versuchten, Arbeit in Saudi-Arabien zu finden, das 1955 seine Grenzen für Jemeniten öffnete, oder gingen in den Süden.

Der Jemen als Spielball im „Arabischen Kalten Krieg“

Trotz der Isolationspolitik schickten die zaiditischen Imame wichtige Amtsträger zur Fortbildung ins Ausland. Daraus entstand eine neue Elite, die zusehends die Gründung einer Republik verlangte. Weil der Ruf nach Reformen auch nach dem Tod von Imam Ahmad 1962 unter dessen Sohn Muhammad al-Badr ungehört blieb, putschte im selben Jahr der im Irak ausgebildete Abdallah al-Sallal, Generalstabschef und Kommandeur von al-Badrs Leibwache. Dies stieß eine Kette von Reaktionen an, zumal sich die arabische Welt im „Arabischen Kalten Krieg“ zwischen Ägypten und Saudi-Arabien befand. Die künftige Ausrichtung des Nahen Ostens konnte panarabisch oder panislamisch sein. Der damalige ägyptische Präsident Gamal Abd al-Nasser, zentrale Figur des Panarabismus, wollte den Jemen unter seine Kontrolle bringen, um das Land in die Vereinigte Arabische Republik, bestehend aus Ägypten und Syrien, aufzunehmen.

//commons.wikimedia.org/wiki/File:Imam_Badr.jpg Muhammad al-Badr regierte den Norden des Landes nur wenige Monate lang, bevor gegen ihn geputscht wurde und ein Bürgerkrieg ausbrach. Nach Ende des Konflikts ging er ins Exil nach London. Fotograf unbekannt/Wikicommons (Public Domain)

 

Muhammad al-Badr konnte den Putschisten aus Sana allerdings entkommen und bildete eine Allianz mit ihm loyalen Stämmen im gebirgigen Norden. Er führte seine Kämpfer an in einem Krieg, in welchem die jemenitischen Republikaner bald in den Hintergrund traten und dafür vermehrt ägyptische Truppen mit hohen Verlusten kämpften. Saudi-Arabien unterstützte hingegen al-Badr und seine Truppen, um dem Panarabismus Einhalt zu gebieten, weswegen viele Analysten diesen Krieg später als „Ägyptens Vietnam“ bezeichneten.

Auch die Briten im Süd-Jemen sahen in Nasser ihren Feind. Zum einen war dies die Gelegenheit, nach der die Nationalisierung des Suez-Kanals 1956 Rache an Ägypten zu üben, zum anderen befürchteten die Briten ein Überschwappen des arabischen Nationalismus in den Süden. Da Großbritannien keinen offenen Krieg riskieren wollte, fasste London den Entschluss, Nasser in einen Stellvertreterkrieg im Nord-Jemen zu verwickeln.

Dem Unmut der lokalen Bevölkerung im Süd-Jemen wurden die Briten dennoch nicht mehr Herr. Die Wirtschaftslage in der Kolonie wurde auch wegen der Sterling-Krise immer prekärer und Großbritannien konnte ab 1963 nur noch mit Notstandgesetzen regieren, weshalb lokale Guerilla-Gruppen Zulauf erhielten. In London fiel deshalb 1966 der Entschluss, die Kolonie im Jemen schnellstmöglich aufzugeben.  

Zusätzlich zu Saudi-Arabien und Großbritannien erhielten Muhammad al-Badr und die ihm loyalen Stämme Unterstützung aus Israel, das auch deshalb den Krieg von 1967 schnell für sich entscheiden konnte, weil große Teile der ägyptischen Armee im Jemen beschäftigt waren. Im Anschluss an die Niederlage gegen Israel zog Ägypten auch aus dem Jemen ab.

Zwei Staaten

1968 konnten die Republikaner trotz fehlender Unterstützung von Nasser einer Belagerung Sanaas standhalten. Es folgte ein Friedensschluss, die Arabische Republik Jemen wurde gegründet. Weil die Rolle der Stämme in der Armee der neuen Republik begrenzt wurde, entstand eine neue militärische Elite, der auch Ali Abdullah Saleh und seine Anhänger wie Ali Mohsen, ein noch heute einflussreicher General, angehörten. 1978 putschte sich Saleh mit Unterstützung seiner Anhänger an die Macht, wurde jemenitischer Präsident und dehnte seinen Einfluss aus.

Im Süden schlossen sich derweil 1967 die Südarabische Föderation und das Protektorat von Südarabien zur Volksrepublik Jemen zusammen, einem sozialistischen, arabischen Staat, in der Selbstwahrnehmung sogar der einzige. Viele Süd-Jemeniten sehnen sich heute wieder nach diesem Staat zurück, der in den Köpfen noch als ein Symbol von wirtschaftlichem Aufschwung weiterlebt.

 Wikicommons/Orange Tuesday (cc-by-sa 3.0) Nord- und Süd-Jemen. Karte: Wikicommons/Orange Tuesday (cc-by-sa 3.0)

 

Ali Abdullah Saleh

Saleh wollte dem Sozialismus im Süden und denjenigen Zaiditen, die sich das Imamat zurücksehnten, ideologisch etwas entgegenstellen. Er begann, den lokalen Ableger der Muslimbrüder, die Islah-Partei, zu unterstützen. Die zwei einflussreichsten Persönlichkeiten aus dem islamistischen Milieu und zugleich wichtige Stammesführer, Abd al-Madschid al-Zindani und Abdallah ibn Husain al-Ahmar, integrierte Saleh dafür in seinen Staat. Viele Muslimbrüder sahen die Kooperation mit Saleh zwar skeptisch, al-Zindani und al-Ahmar hielten die Islah-Partei aber auf Kurs.

 kremlin.ru/wikicommons (cc-by 4.0) Ali Abdullah Saleh war von 1978 bis 1990 Präsident des republikanischen Nord-Jemens, anschließend Präsident des geeinten Jemens. 2011 zwangen ihn die Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings zum Rücktritt. Foto: kremlin.ru/wikicommons (cc-by 4.0)

 

Des Weiteren unterließ Saleh Investitionen in den Süden und die zaiditischen Teile des Nordens. Dort konnte sich aber wegen der Nähe zu Saudi-Arabien ein florierender Handel entwickeln. Um seinen Einfluss zu wahren, kooptierte Saleh einige lokale Scheichs. Das Patronage-System, welches Saleh in den Achtziger Jahren aufbaute, war nie auf einzelne Gruppen oder eine bestimmte Ideologie beschränkt. Diejenigen Akteure, die er zur jeweiligen Zeit als einflussreich wahrgenommen hatte, band er mit Geld, Grundbesitz oder politischer Macht an sich. Ob es sich um Stammesallianzen, Muslimbrüder oder andere Gruppen handelte, spielte stets eine untergeordnete Rolle.

Die Entwicklung der Huthi-Bewegung

Nachdem Saleh neutral auf die irakische Invasion Kuwaits reagiert hatte, wies Saudi-Arabien über eine Million jemenitische Gastarbeiter aus. Viele von ihnen kamen aus dem Norden, wo sich die Rückkehr so vieler Menschen sowie das Ausbleiben der Einnahmen extrem negativ auf die Volkswirtschaft auswirkte. Dazu kam, dass viele sunnitische Jemeniten in Saudi-Arabien mit dem Salafismus in Kontakt gekommen waren, was für das damals schlecht organisierte Zaiditentum eine nicht gekannte ideologische Herausforderung darstellte. Besonders die im Salafismus propagierte Gleichheit aller Muslime war im hierarchischen Norden eine durchaus willkommene Botschaft.

Als Reaktion begannen die Zaiditen, sich zu organisieren, und gründeten die al-Haqq-Partei und die Organisation Schabab al-Muminin (Die Jugend der Gläubigen). Es entstand politischer, sozialer und theologischer Widerstand gegen die Salafisten. Die junge Generation der Zaiditen, von der jemenitischen Regierung vernachlässigt, nahm Saleh und seine Getreuen nun lediglich als Unterstützer der Salafisten wahr. Aus dieser zaiditischen Jugendorganisation bildete sich langsam eine starke Bewegung.

Die Huthi-Familie war in diesem Prozess besonders aktiv. Ab 2004 erachtete die Regierung in Sana die Huthis mit ihren antiisraelischen und antiamerikanischen Parolen sowie der Unterstellung, dass der Jemen nur eine Puppe der USA sei, als eine Gefahr für die nationale Sicherheit und schrieb Husain al-Huthi zur Verhaftung aus. Im September des gleichen Jahres wurde er von Sicherheitskräften erschossen. Sein Tod markierte den Auftakt zu sechs blutigen Kriegen im Norden. Von Beginn an stellten „Saleh, einige westliche Beobachter und Regierungen unterstellten den Huthis von Beginn an, eine ‚jemenitische Hisbollah‘ zu sein. Iranischer Einfluss kann zwar nicht geleugnet werden, allerdings waren die Huthis nie eine von Teheran geführte Bewegung. Die Regierung ging brutal gegen die neue Gruppe vor und setzte sich dabei auch über tribale Normen hinweg, weswegen die die Huthis steten Zulauf erfuhren. Ende 2009, nachdem die Huthis in Richtung Saudi-Arabien Geschosse abfeuerten, griffen die Saudis mit Luftschlägen in den Krieg ein. 2010 ging der letzte der sechs Kriege mit einem weiteren Friedensschluss zu Ende.

 Abdullah Sarhan/Wikicommons (cc-by-sa 4.0) Der Huthi-Slogan, mit dem die Bewegung seit 2001 die jemenitische Regierung und die USA gegen sich aufbrachte und der bis heute bei Kundgebungen und Predigten gerufen wird. Übersetzt heißt er: „Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Seuche über die Juden! Sieg dem Islam!“ Foto: Abdullah Sarhan/Wikicommons (cc-by-sa 4.0)

 

Der Süd-Jemen und Saleh

In der Zwischenzeit hatte sich der Zusammenbruch der Sowjetunion extrem negativ auf den Süd-Jemen ausgewirkt. Am Rande des finanziellen Ruins entschlossen sich Norden und Süden, eine Vereinigung anzustreben, welche im Mai 1990 besiegelt wurde. Süd-Jemeniten unterlagen allerdings schnell dem Eindruck, dass die neue Regierung den Norden bevorzugte. Viele Süd-Jemeniten forderten einen föderalistischen Staat, was Saleh, jetzt Präsident des neuen vereinigten Jemen, als eine Form der Sezession komplett ablehnte. 1994 kam es daraufhin zum Bürgerkrieg, aus welchem Saleh als eindeutiger Sieger hervorging und Präsident eines vereinigten Jemen blieb. Investitionen und eine gesellschaftliche oder politische Annäherung zwischen dem Norden und dem Süden blieben aber stets aus.

Als Folge des Bürgerkriegs wurden circa 100.000 Soldaten des Südens gezwungen, in den Ruhestand zu treten. 2007 gab Saleh dann bekannt, dass diese keine Pension mehr erhalten sollten. Da die ehemaligen Soldaten weder mächtig noch Saleh gegenüber loyal waren, wurden sie aus dem Patronage-System ausgeschlossen: Nur so konnten sich die Männer ihren Ausschluss erklären und begannen zu demonstrieren. Überall im Süden bildeten Saleh-Getreue eher die Ausnahme als die Regel und wurden aufgrund ihrer fehlenden Loyalität von der Macht ausgegrenzt. Studenten, Journalisten, Nasseristen, Baathisten und Mitglieder der Islah-Partei schlossen sich zur Bewegung al-Hirak (deutsch: die Bewegung) zusammen, die schnell an Fahrt gewann.

2009 hatte al-Hirak eine breite Basis unter den Süd-Jemeniten und forderte die Unabhängigkeit des Südens. Die meisten riefen zu friedlichen Protesten auf. Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAH) gab jedoch im selben Jahr bekannt, die Sezession unterstützen zu wollen, da deren Kommandant, Nasir al-Wuhaischi, in der Regierung von Saleh einen gemeinsamen Feind sah. Die Hirak-Bewegung aber wiegelte ab und machte klar, dass sie keine Unterstützung von AQAH akzeptieren würden und ihre Ziele auf friedlichen Weg erreichen wolle.

Ein Teil der al-Hirak ging dennoch bewaffnet gegen jemenitische Sicherheitskräfte vor. Saleh spielte dies insofern in die Hände, als es ihm erlaubte, die gesamte Bewegung zu diskreditieren. Erwiesen ist, dass mit dem Überlaufen von Tariq al-Fadhli 2009, einem Veteran aus Afghanistan und zwischenzeitigem Weggefährte von Saleh, Teile der Südbewegung zu den Waffen griffen, da sie den politischen Dialog als obsolet betrachteten.

Al-Fadhlis Familie bestand aus einflussreichen lokalen Notabeln im Süd-Jemen, die in dem sozialistischen Staat allerdings ihren Grundbesitz verloren hatten. 1994 kämpfte Tariq al-Fadhli deshalb auf der Seite Salehs und wurde dafür mit der Wiederherstellung des Familienbesitzes belohnt. Das Patronage-System konnte ihn aber offensichtlich nicht mehr halten und er sah mehr Chancen in einem Anschluss an die süd-jemenitische Unabhängigkeitsbewegung. Viele Menschen wie der ehemalige Präsident des Südens, Ali Salem al-Beidh, begrüßten seine Ankunft. So konnte al-Fadhli rasch zu einer der Führungsfiguren innerhalb der Bewegung aufsteigen.

Zu diesem Zeitpunkt zog die Gewalt weitere Kreise. Bewaffnete Gruppen terrorisierten die Bevölkerung, während sich Demonstranten und Regierung gegenseitig beschuldigten, diese zu unterstützen. Eine einheitliche Bewegung hatte es im Jemen bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gegeben; es waren stets lokale Gruppen und Akteure, die miteinander konkurrierten. Saleh konnte aufgrund der Wirren seine Truppen anweisen, härter gegen die Demonstranten vorzugehen. Die jemenitischen Sicherheitskräfte begannen daraufhin, mit scharfer Munition zu schießen. Den Medien war es verboten, über solche Vorfälle zu berichten, und die ersten Anführer der Süd-Jemeniten wurden entführt und gefoltert.

Human Rights Watch dokumentierte 2009 schon den Fall von Isam Madhi Ali. Sicherheitskräfte hatten ihn in ihre Gewalt gebracht und Zigaretten auf seinem Arm ausgedrückt, während sie die Warnung aussprachen, dass er Saleh gegenüber loyal sein sollte, denn sonst würde man mit der gleichen Methode den Namen des Präsidenten in Alis Arm schreiben. Diese repressiven Maßnahmen und die ersten Demonstrationen im Land gegen Saleh 2011 gaben der Südbewegung Aufwind und so schloss sie sich den Protesten im sogenannten „Arabischen Frühling“ an.  

 

Der zweite Teil mit der Entwicklung von 2011 bis heute folgt in wenigen Tagen.

 

Weiterführende Informationen:

[1] 893 kam es im gebirgigen Nord-Jemen vermehrt zu Kämpfen zwischen verschiedenen Stämmen. Da die Stämme ihre Streitigkeiten nicht beilegen konnten, luden sie Zaid ibn Ali ein, ein Nachkomme Muhammads in fünfter Generation. Daraus entwickelte sich die Zaidiyya, eine Gruppe mit schiitischem Charakter. Die Zaiditen betrachten sich historisch aber eher als eine fünfte sunnitische Rechtsschule statt als Schiiten.

 

Andreas Vogl, 26, studiert in Bamberg den Master Islamwissenschaft. Er bloggt auf www.middleeastbackground.com, schreibt unter Klarnamen in der deutschsprachigen Wikipedia und referiert über islamische und nahöstliche Themen.

Andi hat im Bachelor Islamischer Orient und im Master Islamwissenschaft in Bamberg studiert. Auslandsaufenthalte im Jemen, in Iran, Ägypten und Tadschikistan. Seit Oktober 2018 promoviert er an  der BGSMCS in Berlin zur Nacktheit im Islam. Bei dis:orient ist er seit 2017 aktiv. Interessensschwerpunkte sind Korankommentare, der Körper im...