16.09.2016
Zahnlose Wölfe: Ein Rundgang durch Schatila
Kinder auf den Straßen von Schatila. Foto: Kai Feldheim
Kinder auf den Straßen von Schatila. Foto: Kai Feldheim

Die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila in Beirut: Traurig berühmt seit dem Massaker vor 34 Jahren. Auch heute noch bilden die Camps, die eher eigene Stadtviertel sind, eine eigene Welt mitten in der Metropole. Ein Spaziergang von Bartholomäus von Laffert mit Bildern von Kai Feldheim.

Tschick-Tschack.

„Christ oder Muslim?“

Ali lädt seinen Revolver durch, hält mir die blank gewichste Knarre vor die Nase. Zieht die Stirn hoch, dass die frisch gezupften Augenbrauen klirrend zusammenstoßen. Grinst ein strahlend weißes Straßenkönig-Grinsen.

Dann Stille.

Höre, wie sich die kurzen geeligen Teletubbie-Antennen auf seinem Kopf quietschend zur Sonne drehen. Krrrrgh.

… .

Fuchteln mit der Knarre. Warten.

Warten auf was? Darauf, dass ich kreidebleich werde, mich einnässe? Auf eine Antwort? Dein Ernst, Bruder? Oder soll ich lachen?

Kannste lange warten.

Möchtegern-al-Baghdadi, du. Hatten ein wenig gefeixt, ein wenig diskutiert. Wen wir denn am besten fänden. Daesh, oder Assad, oder Hitler. So wie früher: Ronaldinho, Kaká, Carsten Ramelow?

Ali meinte, er findet Daesh eigentlich ganz gut. Ich fand Carsten Ramelow besser. Dann kam die Knarre ins Spiel.

Stopp jetzt Ali, lass den Scheiß, die Greenhorns halten uns noch für Wilde!

Alis Papa ist Boss. So Sheriff vom Dienst und wir seine Gäste, seine Schutzbefohlenen, die er durch sein Revier führt. Sein Camp. Sein Schatila.

Traumatisiertes Drecksloch Schatila.

Vergessen, nie, nie vergessen. September 1982. Als sie abgeschlachtet wurden. Wie Tiere abgeschlachtet wurden sie. Die Palästinenser in ihrem Schatila. Sechzehnter September 1982. 10 war er damals, Alis Papa. Als Schatila zum Schlachthaus wurde. Gemacht wurde. Von christlichen Milizen, unter den Augen der israelischen Armee. Frauen, Kinder, Männer. Abgeschlachtet. Alle. Spritz, Spritz. Blut, Blut. Getrocknetes Blut. In den Köpfen, in den Gesetzen getrocknetes Blut.

Schande!

Schande über euch, über diesen Ort! Die stinkende Gosse des schillernden Beirut. Wo Stromkabel wie lange dünne Tentakel um die löchrigen Baracken greifen. Wo der Erdboden die verrottenden Abfälle und Abgase gurgelt und sich in die übel riechenden Gassen erbricht. Wo dich zersiebte Hauswände durch ihre leeren Augenhöhlen anglotzen wie gierige Orks. Dürftig verarztet mit milde lächelnden Yassir-Arafats, mit gelben Fatah-Flaggen und Porträts von Märtyrer-Kindern. Kinder, die das Schießen vor dem Schreiben gelernt und Rechte nie gehabt hatten. Das Gesetz nie gekannt. Welches Gesetz? Es gibt hier ja keins.

Libanesisches Gesetz gibt es hier keins! Nicht hier in Schatila. Palästinensische Parallelwelt auf libanesischem Grund. Wo meine libanesischen Freunde sich nie hingewagt haben. Wovor rot-weiße Checkpoints mit langen MGs und Kampfpanzern noch warnen: Sie können hier nicht weiter, hier ist Fledermausland! Hinter dem Nato-Draht der Wild-wild-east.

Jeder ein bisschen Cowboy hier, jeder einen Colt im Gürtel. Doch machtlos wie wilde Wölfe, die fauchend durchs Gehege streunen. Hier drinnen dürfen die Gesetze machen, ihre eigenen. Da dürfen die rumballern. Da dürfen die sich auch verkleiden und einmal im Jahr in voller Kampfmontur durch die Straßen ziehen. Und Panzerfäuste in die Luft strecken und Facebookbildchen machen von den zahnlosen Babywölfen, denen sie Munitionsgürtel um den Hals hängen. Das dürfen die auch. Nur raus halt nicht. Nicht Libanon, nicht Beirut, und auch sonst nirgends hin.

Libanon will Wölfe nicht. Die palästinensischen. Die palästinensischen Flüchtlinge, also Flüchtlinge hat im Libanon nichts mit flüchten zu tun. Mehr mit erben. So einen Flüchtlingsstatus erbt man, so wie ein silbernes Armband, ein großes Haus, ein Stück Land. Nur Flüchtlingsstatus ist mehr so die belastete Hypothek. Glückwunsch, wie schon ihr Vater erhalten sie… keine Rechte!

Also ein paar Rechte schon. Ein Auto kaufen dürfen sie, die Palästinenser – ein Haus nicht. Arbeiten nicht – studieren schon. Aber studieren ohne Geld? Also studieren doch nicht.

Und einen Pass? Spinnst du. Dafür ein blassgrünes, einlaminiertes Stück Papier: Identität soll das sein, ist aber mehr so eine Nummer, wie du sie an der Garderobe im Theater für den Wintermantel bekommst, um ihn nach der Vorstellung wieder abzuholen.

Aber da kommt keiner, der die abholt. Hängen gelassen wie vergessene Wintermäntel. Wo sollen die denn hin? Nach Palästina? Nach Palästina sollen die! Israel gibt es ja nicht, für die libanesische Regierung gibt es Israel nicht.

Apropos Israel. Da fällt dem Boss, Alis Papa, doch noch eine Heldengeschichte ein. Eine alte, weit vor meiner Zeit. „München 72“, er hält inne, mein Hirn rattert: Fünfter September. Olympia. Geiselnahme. Israel. Neunzehn Tote. Die Nacht, die Fürstenfeldbruck zu Weltruhm verhalf!

„Du errätst nicht, woher die Helden [Geiselnehmer/Mörder] waren?“. Stolzes Grinsen. „Schatila, sie waren aus Schatila!“

Ich gucke dämlich, als hätte mir jemand ein Blitzgerät vor die Pupille gehalten.

Geboren in Schatila. Gestorben in FFB.

Sein Schatila. Mein FFB.

Es gibt Dinge, die kannst du dir nicht ausdenken. Und es gibt Schatila.  

Bartholomäus von Laffert ist freier Journalist, er lebt in Wien. Dieser Text erschien zuerst auf seinem Blog. Man kann ihm auch auf Twitter folgen.

 

 

Alsharq gibt es, weil wir es machen. Schreibe uns gerne, falls Du auch Lust hast, einen Artikel beizusteuern.
Artikel von Bartholomäus von Laffert