Weite Röcke, enge Taillen, zeitlose Farben: In Paris widmen sich zwei Ausstellungen dem tunesischen Modedesigner Azzedine Alaïa und seiner großen Inspirationsquelle Christian Dior. Beide kleideten zu ihrer Zeit die High Society von Paris. Doch wer war Alaïa?
Azzedine Ben Alaya wächst in Tunis auf. Zusammen mit seiner Schwester lebt er bei seinen Großeltern, während die Eltern auf dem Land arbeiten. Mit 15 schreibt ihn die Hebamme, die ihn 1935 zur Welt brachte, in die Kunsthochschule von Tunis ein.
Als er 1956 für ein Praktikum in der Maison Dior nach Paris zieht, kommen aus Tunis nur zwei Sachen mit: sein in den Bildenden Künsten erlerntes Wissen über Anatomie und sein Talent fürs Nähen. Letzteres hatte er von seiner Schwester gelernt und später, als er bei einer Näherin arbeitete, perfektioniert.
Bei Dior bleibt er nur vier Tage. Über eine Bekanntschaft und einen Empfehlungsbrief aus Tunis öffnen sich für Alaïa die Tore der haute société (dt.: High Society) von Paris. Für die Frauen dieser Gesellschaft näht er Kleider. Von Juni 1958 bis November 1959 arbeitete er bei Guy Laroche. Danach näht er weiter Kleider für Frauen der haute société – aus Paris und aus Tunis.
Aus Ben Alaya wird Alaïa
Lange wohnt er bei den Frauen, für die er Kleider näht, bis er 1964 in seine erste eigene Wohnung in Paris einzieht, die auch sein Atelier wird. Außerdem öffnet er endlich seine eigene maison de couture (dt.: Modehaus), zuerst nur für private Kund:innen. Aus Ben Alaya wird Alaïa. Nebenbei arbeitet er für andere Modehäuser, darunter Yves Saint Laurent.

Ende der 60er-Jahre ändern sich die Zeiten. Haute Couture ist von gestern, die Frauen wollen einfachere, kürzere Kleider. Cristóbal Balenciaga schließt sein Modehaus, er entscheidet sich gegen die neue Mode des Prêt-à-porter. Alaïa beginnt zu sammeln: Er kauft viele Modelle von Balenciaga und bewahrt sie auf.
Inmitten der Pariser Modeszene
10 Jahre lang arbeitet Alaïa für andere Modehäuser, entwirft die Kostüme für das Kabarett Crazy Horse und kleidet weiterhin die Frauen der haute société, bis er 1982 seine eigene Marke gründet und die ersten défilés (dt.: Modeschauen) stattfinden. Er ist gut vernetzt, bekannt, alle Modezeitschriften berichten über seine Kollektionen, ganz Paris trägt seine Kreationen.
Er bekommt Preise, kleidet Grace Jones als James-Bond-Girl ein, öffnet eine Boutique in New York, entwirft ein Kleid für die Modeschau zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution. 10 Jahre lang bewegt er sich inmitten der Pariser Modeszene, bis 1992 seine Schwester stirbt. Alaïa zieht sich aus der Branche zurück – er entwirft nur noch für private Kundinnen. Doch seine Kleider sind Kunstwerke, sie werden überall ausgestellt. Erst nach weiteren 10 Jahren entwirft er wieder eine Prêt-à-porter-Kollektion. 2003 kommt seine erste Haute-Couture-Kollektion, 2017 seine letzte. Er stirbt noch im selben Jahr.
In den ganzen Zwischenjahren entwarf er Bühnenkostüme, arbeitete mit anderen Marken zusammen, designte Möbel und gründete einen Verein für seine Werke.
Christian Dior als ewige Inspiration
Seit Ende 2025 widmen sich zwei Ausstellungen dem renommierten Designer Azzedine Alaïa: In der Galerie Dior werden über 100 Designs des Hauses Dior aus Alaïas Sammlung gezeigt. Die Fondation Azzedine Alaïa stellt 70 Modelle von Christian Dior und Alaïa nebeneinander aus.

Die Fondation Azzedine Alaïa befindet sich im Gebäude, in dem Alaïa gelebt und gearbeitet hat – mitten in Paris. Sein Atelier ist noch genauso, wie er es hinterlassen hat. Die Stiftung widmet sich der Bewahrung von Alaïas Kollektionen und Entwürfen sowie seiner privaten Sammlungen, in denen sich auch zahlreiche Kreationen anderer Modedesigner finden. Kreationen, die er als Kunstwerke betrachtete. Kreationen, die zeigen, dass Modeentwerfen Kunstschaffen ist.
Alaïas Kleider stehen neben Kleidern von Christian Dior, dem Erfinder des New Look. Die Inspiration ist erkennbar in den Schnitten, in den Stoffen, in den Stilen – auch wenn Jahrzehnte dazwischen liegen. Die engen Taillen, die weiten Röcke, die zeitlosen Farben. Beide waren Meister ihres Berufs, sie haben die Frauen eingekleidet, die der kulturellen und ökonomischen Elite ihrer Zeit angehörten. Sie haben genau das entworfen, was sie tragen wollten.
Die Ausstellung in der Stiftung ist eine Hommage an die Zeitlosigkeit und künstlerische Beschaffenheit der Mode. Sie ist eine Hommage an Christian Dior und Azzedine Alaïa.

















