31.07.2026
Migration aus und nach Syrien zwischen Verwertbarkeit und Widerstand
Ein Dossier zu Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland. Grafik: Dominik Winkler
Ein Dossier zu Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland. Grafik: Dominik Winkler

Mit dem Ende des Krieges in Syrien begann in Deutschland die Debatte zur Abschiebung von Syrer:innen. In diesem Dossier analysieren wir die Interessen und Auswirkungen einer Rückkehr nach Syrien und blicken auf Kämpfe für Bewegungsfreiheit. Dekonstruieren wollen wir damit populistische Narrative, in denen es sich häufig um Meinungsmache handelt und seltener um eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Thematik.

Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut  veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch. Read this article in English: Migration between Syria and Germany: From Exploitation to Resistance 

In einer Zeit, in der die Videos der ICE[1]-Attacken Social Media bespielen, trifft Merz’ Aussage, 80 Prozent der Syrer:innen sollten Deutschland in den nächsten Jahren verlassen, auf blanke Nerven. Gleichzeitig sind die Intervalle zwischen schockierend-angsterregenden Neuigkeiten so kurz, dass man sie schnell wieder vom Bildschirm wischt und sich für die nächste Hiobsbotschaft wappnet. Doch oft bleibt eine diffuse Angst.

Dieser Angst, diesem Bauchgefühl, wollen wir uns in diesem Dossier stellen. Denn die 80-Prozent-Forderung ist nicht aus Pappe. Zwar wollen weder Merz noch al-Scharaa hinter der Aussage stehen und nach aktueller Rechtslage sind Rückführungen in diesem Ausmaß rechtlich schlicht unmöglich, doch der Blick in die Welt drängt die Frage auf: Was wäre, wenn? Die Forderung von Massenabschiebungen ist bereits Ausdruck einer zunehmenden Autoritarisierung der Migrationspolitik. Auf EU-Ebene wird das unter anderem an der Einführung der GEAS-Reform im Juni 2026 und den steigenden Zahlen von Abschiebungen deutlich sichtbar.

Die Kritik an Merz’ Vorstoß war breit, sie kam einerseits aus humanitären und migrations-solidarischen Lagern, andererseits aber auch aus wirtschaftsnahen Kreisen. Letztere verteidigen Syrer:innen als wichtige Fachkräfte, allen voran im Gesundheits- und Pflegebereich. Die im Migrationsdiskurs verhandelten Konfliktlinien verlaufen also nicht einfach zwischen einer offenen Migrationsgesellschaft und einer rassistischen Abschottung. Vielmehr bewegen sie sich in einem Spannungsfeld zwischen Anwerben und Abschieben, in dem vielfältige Akteur:innen aufeinandertreffen, von mittelständischen Unternehmen mit Fachkräftemangel bis zu Gewerkschaften und Nachbarschaftscafés.

In diesem Dossier geht es deswegen um die Widersprüche innerhalb der aktuellen Migrationspolitik, mit Blick auf Syrien und das europäische Grenzregime. Wir schauen auf die aktuelle Abschiebepraxis und wagen den Blick auf die Dystopie von ausgeweiteten Massenabschiebungen mit immer weniger rechtlichen Einschränkungen – und zeigen, welche Strategien des Widerstands möglich sind. Gleichzeitig betrachten wir die Utopie, wie Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland aussehen kann.

Unsere Autor:innen beantworten unter anderem folgende Fragen: Was ist das politische Kalkül und was die Interessen hinter Merz’ Aussage und hinter den Reaktionen der öffentlichen Debatte? Was macht die Ankündigung mit Syrer:innen in Deutschland und wie stehen sie zur Frage einer potenziellen Rückkehr? Was sind Strategien gegen Abschiebungen und welche politischen Perspektiven jenseits autoritärer Grenzpolitik sind denkbar?

Die Artikel unseres Dossiers

Im ersten Text des Dossiers bietet der Ökonom Joseph Daher einen Überblick über die politisch-ökonomische Lage in Syrien, mit besonderem Fokus auf die Situation und Selbstorganisation der Arbeiter:innen. Er gibt einen detaillierten Einblick in die Rolle von Rückkehrer:innen für die syrische Wirtschaft und diskutiert eine mögliche Rückkehr im Hinblick auf Arbeit, Wohnen und Wiederaufbau.

Als Nächstes schauen wir der Dystopie ins Auge: Abschiebungen sind bereits jetzt für viele Menschen eine gewaltvolle Realität. Sie passieren bisher in der Regel in den frühen Morgenstunden und aus den Unterkünften heraus, in denen Geflüchtete isoliert leben. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt eine Reaktion der breiteren Öffentlichkeit aus. Wird sich diese Praxis in den kommenden Jahren noch einmal verschärfen? Wie können wir uns den bereits stattfindenden Abschiebungen entgegenstellen? Welche Strategien werden heute schon genutzt und ist eine massenhafte Mobilisierung durch die Nachbarschaften, wie in Minneapolis, auch in Deutschland möglich? Antworten gibt die Sozialarbeiterin und Aktivistin Mel im Interview.

Hussam al-Zaher bringt den Leser:innen die syrisch-deutsche Perspektive auf die aktuelle Debatte näher. Schon 2015 forderte er: “Sprecht mit uns, nicht über uns!” und gründete das „Flüchtling-Magazin“, das heute kohero heißt. Al-Zaher beschreibt in seinem Text die Wunden des Exils, von denen manche hoffen, dass sie bei einer Rückkehr nach Syrien geheilt würden. Andere fürchten hingegen, ein Neuanfang in Syrien würde diese Wunden erst recht wieder öffnen. Das damals für Syrer:innen Fremde in Deutschland ist heute vertraut(er) geworden, das vertraute Syrien hingegen fremd(er).

Kritik an einer zunehmend autoritären Grenzpolitik kommt auch von Wirtschaftsverbänden. Sie richtet sich beispielsweise gegen Binnengrenzkontrollen, Abschiebungen von Arbeitskräften oder Rassismus. Die Verwertbarkeit von migrantischer Arbeitskraft steht damit schnell im Widerspruch zu massenhaften Abschiebungen. Warum das gleichzeitige Anwerben von migrantischen Arbeitskräften und rassistische Ausschlüsse und Abschiebungen kein Widerspruch sind, analysiert Fabian Georgi. Er diskutiert, inwiefern wir vor einem grundsätzlichen Umbruch und dem Ende einer progressiv-neoliberalen Phase des in den letzten Jahren dominanten Migrationsmanagements stehen.

Die Wiege der materiellen Veränderung liegt in unserer Vorstellung und unseren Ideen, sagt Ta-Nethiti Coates. In diesem Dossier verleiht Hussein Alhaiba der Utopie der Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland Form und Farbe. Seine Geschichten der deutsch-syrischen Zukunft erzählen von Freiheit, Selbstbestimmung und konstruktivem Austausch und zeigen die Möglichkeit von Bewegungsfreiheit als Alternative zu hochgerüsteten Grenzen.

Mit diesem Dossier möchten wir der zunehmenden Repression gegen Bewegungsfreiheit etwas entgegensetzen. Unser Anspruch ist, die Einteilung von Menschen durch Grenzen grundsätzlicher zu hinterfragen, als alleine die sichtbarsten Formen von Grenzgewalt und Abschiebungen zu kritisieren. Dabei geht es uns darum, die offene Migrationsgesellschaft aus der Defensive herauszubringen und Bewegungsfreiheit jenseits staatlicher Kontrolle als ein politisches Projekt denkbar zu machen.

In diesem Sinne wollen wir die Unterteilung in nützliche und nicht-nützliche Migrant:innen oder eine Kritik an Merz’ Aussage aus rein humanitären Bedenken hinter uns lassen. Handlungsmöglichkeiten, bereits stattfindende Kämpfe und die Utopie der Bewegungsfreiheit stehen im Mittelpunkt. Denn vielleicht entsteht gerade in dieser Zeit der autoritären Umbrüche Raum für eine erstarkende Bewegung, die sich der Abschottung entgegenstellt und gemeinsam für eine Welt ohne Grenzen einsteht.

 


[1] ICE steht für die US-Behörde "US Immigration and Customs Enforcement". Sie erlangte Anfang 2026 Aufmerksamkeit, als Bilder von Razzien nach illegalisierten Migrant:innen mit vermummten Beamt:innen, sowie Bilder massiver Gegenproteste um die Welt gingen.

 

 

Clara arbeitet als Redakteurin bei Qantara.de und in der Wissenschaftskommunikation. Zu dis:orient kam sie 2018 und übernahm von 2022-2024 die Koordination unseres Magazins. Studiert hat sie Internationale Migration & Interkulturelle Beziehungen in Osnabrück und Politikwissenschaft in Hamburg & Istanbul.
Dominik ist politischer Geograph und setzt sich mit der Verhandlung von Identitäten in Räumen und an Grenzen auseinander. Aktuell promoviert er zu Solidaritäten innerhalb von Kämpfen um Bewegungsfreiheit und ihren Grenzen.