07.10.2026
Eine ständige Bedrohung durch rassistische Gewalt
 Dr. Sally Riedel verdeutlicht wie wichtig Safer Spaces für von Rassismus betroffene Personen sind. Foto: Immaculata Hiền Thơ Nguyễn.
Dr. Sally Riedel verdeutlicht wie wichtig Safer Spaces für von Rassismus betroffene Personen sind. Foto: Immaculata Hiền Thơ Nguyễn.

Unsichtbarkeit, Stereotypisierung und gewalttätige Übergriffe – Schwarze Muslim:innen erfahren Rassismus auf mehreren Ebenen in Deutschland. Sally Riedel hat dazu geforscht und zeigt, wie wichtig aktive Mitgestaltung ist.

Sally, du bist Gründerin des Vereins „MOSAIQ“. Wie kam es zu der Gründung und was sind die zentralen Ziele und Aktivitäten des Vereins?

Wir machen rassismuskritische Arbeit in Hamburg, aber sind auch bundesweit vernetzt. Uns ist es wichtig, antimuslimischen Rassismus und anti-Schwarzen Rassismus in der Intersektion zu bearbeiten. Das machen wir zusammen mit Schulen, aber auch in der Erwachsenenbildung. Zudem machen wir Netzwerkarbeit mit Menschen, die Rassismus erfahren, und so ihre Themen einbringen können. Wir haben eine Projektförderung von der Stadt Hamburg. Auf Landes- und Bundesebene ist es eher schwierig, langfristige Mittel zu bekommen, unter anderem weil der Haushalt in diesen Bereichen gekürzt wird.

Gegründet haben wir uns im Jahr 2020, aber wir waren davor schon in Projekten tätig. Uns war es allerdings wichtig, dass wir uns selbst verwalten, unter anderem da wir bei weißen Trägern schlechte Erfahrungen mit Tokenismus und Rassismus gemacht haben.

Der Verein MOSAIQ setzt sich unter anderem für mehr Sichtbarkeit von migrantisierten Personen in Führungs- und Entscheidungsebene ein, ohne dabei instrumentalisiert zu werden. Foto: Amina Hasinova.

In deinem Buch „Schwarze Muslimische Räume: Alltagsrealitäten in Deutschland zwischen Othering und Selbstermächtigung“ untersuchst du die Lebensrealitäten Schwarzer Muslim:innen in Deutschland und sprichst dafür mit Jugendlichen und Vertreter:innen eingetragener Moscheevereine der Community in Hamburg. Wie äußert sich Rassismus gegen Schwarze Muslim:innen? Und wie greifen dabei antimuslimischer Rassismus und anti-Schwarzer Rassismus ineinander?

Ein zentrales Ergebnis ist die Ambivalenz zwischen Unsichtbarkeitmachung und Hypervisibilität, die durch das Konstruieren von Schwarzsein und Muslim:insein geschaffen wird. Also das Absprechen davon einerseits und die Reduzierung darauf andererseits.

Bei den Jugendlichen äußerte sich das dadurch, dass sie sich ständig erklären müssen – vor allem in Übergangsphasen, zum Beispiel von der Schule zur Uni oder Ausbildung.

Sie werden auch mit einem einseitigen, stereotypen Afrikabild konfrontiert. Viele Menschen wissen nicht, dass der Islam (außer in Nordafrika) in afrikanischen Ländern präsent ist. Wenn man zum Beispiel in Hamburg lebt und westafrikanischen Bezug hat, dann wird man als ghanaisch und christlich eingeordnet. Hinzu kommt ein einseitiges Islam- und Muslim:innenbild, was immer mit einer bestimmten Herkunftsregion verbunden wird.

Wie äußert sich das in der Schule?

Einmal durch Bildungsmaterialien: Hier werden stereotype Afrika- und Islambilder reproduziert, beispielsweise, dass Afrika unterentwickelt und von Armut geprägt sei. Kolonial-historische Momente kommen gar nicht vor. Hinzu kommt rassistische Sprache. Und der Islam wird, wenn überhaupt, gewaltvoll und undifferenziert dargestellt.

Die Gesprächspartner:innen beschrieben, dass sie aufgrund ihres Aussehens rassistische Sprache oder Stereotypisierung durch Lehrkräfte erfahren. Das können positive Zuschreibungen sein, wie besonders talentiert in Sport und Musik zu sein; in anderen Fächern jedoch das Gegenteil. Zudem werden sie selten aufs Gymnasium verwiesen, was auch mit Klassismus gekoppelt ist. Wenn zusätzlich religiöse Symbole getragen werden, finden weitere Markierungen statt.

Hinzu kommt, dass ihnen oft eine Expert:innenrolle für den gesamten afrikanischen Kontinent zugeschrieben wird und, wenn sie religiöse Symbole tragen, auch für alle islambezogenen Themen.

Neben Workshops macht der Verein MOSAIQ Netzwerkarbeit mit Menschen, die Rassismus erfahren, und so ihre Themen einbringen können. Foto: Miguel Ferraz.

Wie erleben die befragten Jugendlichen Othering im Alltag?

Ein zentraler Punkt ist die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und das Absprechen von Qualifikationen aufgrund des Kopftuchs. Auch im öffentlichen Raum erleben viele regelmäßig rassistische Beleidigungen, Gewalt oder das Absprechen ihres Hamburger:innen- oder Deutschseins – etwa durch Fragen wie „Woher kommst du eigentlich?“ oder „Wann gehst du zurück?“. Das sind alltägliche, leider für Betroffene schon selbstverständliche Äußerungen. Sie verdeutlichen, dass Betroffene täglich Gewalt erfahren.

Othering findet natürlich auch im innermuslimischen Kontext statt.

Inwiefern?

Wir werden mit Rassismus als Gewaltform sozialisiert. Es wäre absurd anzunehmen, dass muslimische Menschen nicht auch Rassismus reproduzieren.

Dies zeigt sich beispielsweise dann, wenn sie Schwarze Menschen fragen, ob sie konvertiert sind. Darin liegt die Annahme, dass diese Menschen nicht als Muslim:innen geboren wurden. Oder sie stellen in Frage, ob der Islam „richtig“ praktiziert werde. Hier greift wieder das Afrikabild, das Afrika mit Unterentwicklung verbindet, daher werde der Islam „nicht richtig“ ausgelebt. Zugleich wird das Schwarzsein in Verbindung mit Muslim:insein häufig mit den „Black Muslims“ und der „Nation of Islam“ aus den USA assoziiert, das unterschlägt Jahrhunderte von Schwarzer muslimischer Geschichte.

Welche Rolle spielen Medien dabei?

Alle Gesprächspartner:innen benannten, dass sie in klassischen Medien nicht repräsentiert und dort eher Hass und Ängste geschürt werden. Es wird sehr stereotypisierend berichtet, beispielsweise wird über den Islam größtenteils in Verbindung mit Terrorismus und Gewalt berichtet. Das hat die Auswirkung, dass Muslim:innen stigmatisiert werden, sich immer erklären müssen und Gewalt erfahren.

Im Umkehrschluss bieten soziale Medien viele Möglichkeiten, beispielsweise die eigene Perspektive sichtbar zu machen und Kritik an bestehenden Medien zu formulieren. Hinzu kommt, dass hier Vorbilder und Empowerment-Möglichkeiten gesehen werden, etwa durch die Sichtbarkeit Schwarzer Muslim:innen, die sich selbstverständlich präsentieren.

In deinem Buch thematisierst du auch Selbstermächtigung als wichtige Strategie. Was für Beispiele haben dir die Jugendlichen genannt?

Das mag für viele banal klingen, aber eine genannte Strategie der Selbstermächtigung, um Gewalterfahrungen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu vermeiden, ist zum Beispiel das Autofahren. Auch die Nutzung von Eigen- und Mehrfachbezeichnungen, beispielsweise sich als Schwarze muslimische Hamburger:in zu benennen, um Fremdzuschreibungen nicht ausgesetzt zu sein, ist ein bedeutender Akt.

Die Jugendlichen berichten zudem, wie wichtig Moscheen, insbesondere westafrikanische, für sie sind. Dort können sie sein, ohne in Frage gestellt zu werden. Es ist für sie ein Safer Space.

In ihrem Buch untersucht Sally Riedel die Lebensrealität von Schwarzen Muslim:innen in Deutschland. Cover: Amina Hasinova.

Welche Rolle spielen Moscheevereine außerdem?

Neben der Religionsvermittlung machen Moscheevereine viel sozialpolitische Arbeit. Sie unterstützen beim Übersetzen von Dokumenten, dienen als Anlaufstelle bei Rassismuserfahrungen, sind ein Ort der Zusammenkunft, organisieren Jugendreisen und engagieren sich politisch, zum Beispiel durch interreligiöse und demokratiebildende Projekte.

Womit sind Moscheevereine konfrontiert?

Die befragten Moschee-Vertreter beschrieben, dass es schwierig ist bezahlbare Immobilien zu finden und dass sie überhöhte Mieten für heruntergekommene Räumlichkeiten zahlen. Hinzu kommt ein generelles Misstrauen ihnen gegenüber. Das stellt Moscheevereine unter Druck, ständig ihre Unschuld beweisen zu müssen, um Förderung zu erhalten.

Ein zentraler Aspekt ist die Prekarität von finanziellen Mitteln. Die befragten Organisationen mit Bezug zu westafrikanischen Ländern erhalten keine Unterstützung durch Herkunftsstaaten. Auch eine Regelförderung von städtischer Seite besteht in der Regel nicht, sodass die Finanzierung überwiegend über Mitgliedsbeiträge erfolgt. Allerdings arbeiten viele Mitglieder in prekären Beschäftigungsverhältnissen und leisten gleichzeitig häufig finanzielle Unterstützung in ihre Herkunftsländer. Es besteht also durchweg eine finanzielle Belastung.

In deinem Buch sprichst du von Acts of Citizenship. Was verstehst du darunter? Kannst du Beispiele nennen?

Neben Citizenship Praktiken wie Demonstrieren und Wählen sind Acts of Citizenship individuelle oder kollektive Handlungen des Rechtenehmens.

Ein Beispiel ist die Arbeit der „African Muslim Association“, die sich Anfang der 1990er-Jahre in Hamburg gegründet haben. Ihre Mitglieder waren zum größten Teil illegalisiert; sie hatten keine Ausweisdokumente und wurden überproportional von der Polizei angehalten. Sie erstellten sich daraufhin Mitgliedsausweise und konnten so im Falle einer Durchsuchung zumindest auf ihre Gemeinde verweisen, wo sie auch ein Anwalt rechtlich begleitet hat. Das ist eine Art des Rechtenehmens. Aber dazu gehört auch die Schulbeteiligung von Eltern oder das Benennen von Rassismuserfahrung durch Schüler:innen.

Was sind deine Handlungsempfehlungen und Visionen?

Ich wünsche mir, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, Hamburg mitzugestalten: Während des gesamten Forschungszeitraumes berichteten die Gesprächspartner:innen von Visionen, Wünschen und Träumen über und von ihrer Stadt. Das muss unbedingt auch auf politischer Ebene gehört werden. Und natürlich eine Verbesserung der Lebenslagen von Schwarzen Menschen generell.

Schwarze Muslim:innen werden im Alltag noch mal anders konfrontiert. Laut der UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft, welche Hamburg anerkannt hat, muss das Leben bestimmter vulnerabler Gruppen geschützt werden, weil sie eine spezifische Form von Diskriminierung erfahren. Die Umsetzung der Dekade ist wichtig. Dafür muss sich auch strukturell etwas ändern.

Zu diesem Zweck ist es auch wichtig, dass Moscheegemeinden für die Soziale Arbeit, die sie leisten, als selbstverständlicher Träger anerkannt werden und idealerweise dafür entlohnt werden. Wenn sie diese Rechtsform hätten, würden sie auch mehr Geld bekommen oder könnten sich auf Regelförderung bewerben. Diese Ressourcenfrage von finanzieller Unterstützung ist bisher sehr ungleich verteilt.

 

 

 

 

 

Nach ihrem Studium in Religionswissenschaft und Philosophie hat Nora ihren Master in professionellem Schreiben absolviert. Sie beschäftigt sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen.
Redigiert von Lotta Stokke, Diana Geier, Henriette Raddatz