08.07.2022
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Ägyptens Präsident schließt mit Siemens den größten Auftrag der Konzerngeschichte, während ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben muss. Grafik: Zaide Kutay
Ägyptens Präsident schließt mit Siemens den größten Auftrag der Konzerngeschichte, während ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben muss. Grafik: Zaide Kutay

Ägypten steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Nun investiert es in eines der größten Schienennetze der Welt. Mit dem Schnellzug durchs Land zu reisen ist zwar verlockend, trotzdem ist der Milliarden-Deal keine gute Idee, findet Hannah El-Hitami.

Dieser Text ist Teil der dis:orient-Kolumne des:orientierungen, die jeden zweiten Freitag erscheint.

Zugegeben, der Gedanke gefällt mir schon: in wenigen Stunden mit dem Schnellzug von Kairo nach Luxor oder Hurghada, ohne Stau, Hupen und lebensmüde Microbus-Fahrer. Gerne würde ich mit 230 km/h durchs Nildelta brettern, im Bordbistro arabischen Kaffee trinkend, während draußen die wunderbar grüne Landschaft oder die Wüste vorbeizieht. Das heißt aber noch lange nicht, dass es eine gute Idee ist, wenn der ägyptische Staat mehrere Milliarden Euro in „das modernste Hochgeschwindigkeitsbahnnetz der Welt“ investiert.

Ende Mai gab der deutsche Konzern Siemens den Deal bekannt: 2000 Kilometer Schienennetz, mehrere Bahnhöfe und fast 180 Züge für insgesamt acht Milliarden Euro hat er an Ägypten verkauft – der größte Auftrag in der 175-jährigen Konzern-Geschichte. Auftraggeber ist ein Staat, der seit Jahren tief in einer Wirtschaftskrise steckt und noch dazu von einem Militärregime regiert wird, das es geschafft hat, jegliche Opposition mundtot zu machen oder wegzusperren.

Seit Ex-General Abdel Fattah al-Sisi 2013 den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi aus dem Amt putschte, hat das Militär immer mehr Einfluss über die Wirtschaft des Landes gewonnen. Seit Jahren wird ein Luxusprojekt nach dem anderen verkündet: am bekanntesten wohl die neue Hauptstadt, und der „neue“, beziehungsweise erweiterte, Suez-Kanal. Ein:e durchschnittliche:r Ägypter:in hat davon wenig und kann sich angesichts steigender Lebensmittelpreise und massiver Inflation vermutlich sinnvollere Investitionen vorstellen. Als Argument für Projekte wie dieses werden oft die Schaffung von Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Aufschwung genannt. Aber warum das Geld nicht in Projekte investieren, die gleichzeitig viel mehr Menschen zugutekommen?

Züge für Urlauber:innen

Ja, das ägyptische Zugnetz braucht dringend eine Modernisierung. Sehr häufig passieren dort dramatische Unfälle, der schwerste im Jahr 2002 mit 360 Toten. Doch wer soll die neuen Zugstrecken nutzen? Die erste soll von der Hafenstadt Alexandria in den Urlaubsort Ain el-Sokhna führen, obwohl sich einen Aufenthalt dort nur ganz wenige privilegierte der 100 Millionen Einwohner:innen Ägyptens leisten können.

Zwar sollen die neuen Züge auch nach Oberägypten, also in den Süden, fahren, wo viele der Arbeiter:innen in Kairo herkommen.  Doch auch diese Strecke ist vermutlich eher für Tourist:innen gedacht, die die historischen Stätten von Luxor und Aswan besuchen wollen. Denn die durchschnittlichen Ägypter:innen werden so eine ICE-Fahrt wohl kaum bezahlen können – das können ja selbst in Deutschland sehr viele Menschen nicht. Zugfahren ist und bleibt in den meisten Ländern ein teures Vergnügen, insbesondere wenn es um Schnellzüge geht. Viel dringlicher wäre es doch, den Straßenverkehr in Metropolregionen wie Kairo zu entlasten und eine funktionierende Infrastruktur für die Berufspendler:innen aus den rasant wachsenden Vororten zu schaffen.

Aufräumen und polieren

Es scheint dem Sisi-Regime allerdings weniger um praktikable Lösungen für die Massen zu gehen, und mehr darum ein Bild von Modernität, Fortschritt und Entwicklung zu vermitteln. Das Streben nach diesen Idealen führt dazu, dass ganze Nachbarschaften abgerissen und durch seelenlose Hochhäuser ersetzt werden, oder dass traditionsreiche Hausboote weichen müssen, um eine konsumorientierte Flaniermeile zu schaffen. Es ermöglicht, dass neue Autobahnen UNESCO-Weltkulturerbe durchschneiden und eben, dass hochmoderne Schnellzüge durch ein Land rasen sollen, das aktuell wirklich dringendere Probleme hat. Jede:r dritte Ägypter:in lebt inzwischen unter der Armutsgrenze und durch den Krieg in der Ukraine ist die Lebensmittelsicherheit im Land akut bedroht.

Anstatt die vielen wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes ernsthaft anzugehen, versucht Sisi den Nationalstolz der Ägypter:innen zu boosten: durch extravagante pharaonische Paraden, wirtschaftliche Prestige-Projekte und städtebaulichen Glamour. Damit lenkt er zumindest temporär von existentieller Not ab. Teilweise scheint das zu funktionieren. Oft höre ich von Ägypter:innen, dass alles immer teurer wird und sie sich ihren Lebensstandard nicht mehr leisten können. Trotzdem finden viele Sisi ganz gut, weil er ihr Land aufräumt und aufpoliert. Lange kann diese Strategie aber nicht gut gehen. Schon jetzt fordern selbst regimenahe Politiker:innen, dass einige der millionenschweren Bauprojekte eingestellt werden. Das Geld ist einfach nicht da. Und auch die Frage, wie das neue Schienennetz finanziert werden soll, hat bisher niemand öffentlich beantwortet.

Hauptsache, die deutsche Industrie profitiert

So viel zu Ägyptens fehlgeleiteter Wirtschaftspolitik... aber welche Rolle spielt hier eigentlich Deutschland? Dass die deutsche Industrie sich in Ägypten ohne Rücksicht auf Verluste bereichert, ist nichts Neues. Am schwersten wiegen dabei wohl die Waffen, die deutsche Konzerne Jahr für Jahr nach Ägypten schiffen. Ägypten war 2021 das mit Abstand größte Abnehmerland deutscher Rüstungsgüter und steht schon seit Jahren ganz oben auf der Liste der besten Kunden. Die deutsche Regierung genehmigte diese Exporte jahrelang ungeachtet der menschenrechtlichen Lage im Land mit etwa 60.000 politischen Gefangenen.

Aber problematisch ist auch, wenn deutsche Konzerne Ägyptens Investitionen in fragwürdige Projekte fördern, die den verschuldeten Staat ein Vermögen kosten. Zum Beispiel, als Siemens ab 2015 in Ägypten mehrere umweltschädliche Gaskraftwerke baute, die es wegen der Energiewende in Europa nicht mehr loswurde – der Deal war damals übrigens auch schon der bis dato größte in der Geschichte des Konzerns. Ironischerweise behauptet das Unternehmen jetzt im Zuge des Zug-Deals: „Wir müssen ein Interesse daran haben, mit Ländern zusammenzuarbeiten, die auf grüne und saubere Technologien setzen."

Die deutsche Regierung begrüßt diese Deals und unterstützt sie mit Krediten. „Einen stabilen, verlässlichen Partner in der Region“ wollen die EU-Staaten in Präsident Sisi sehen, und pflegen mal wieder sorgsam ihre Beziehungen zu einem diktatorischen Regime. Oft steckt dahinter neben finanziellen Interessen der politische Plan, einen Verbündeten im Kampf gegen Migration zu haben. Länder wie Ägypten sollen Geflüchtete aufhalten, bevor sie überhaupt nach Europa kommen. Der deutschen Industrie kommt das gelegen, genauso wie Sisi, der sein Image als Macher und Freund des Fortschritts vorantreibt. Verlierer:innen sind indes die ganz normalen Ägypter:innen, die den Glanz der neuen Projekte wohl nur in den ewig unkritischen Nachrichten im Fernsehen erleben werden.

 

Mehr Arbeiten der Illustratorin Zaide Kutay finden sich auf ihrem Instagram-Account.

 

 

 

 

Hannah El-Hitami, Jahrgang 1991, ist freie Journalistin in Berlin und schreibt vor allem über arabische Länder, Migration und koloniales Unrecht. Sie studierte Arabische Literatur und Kultur in Marburg und war Volontärin des Amnesty Journals. www.hannahelhitami.com/  
Redigiert von Johanna Luther, Sophie Romy