16.03.2012
Jaffa - was dem Besucher verborgen bleibt
Liebe Leserinnen und Leser,
auf der letzten Alsharq-Reise nach Israel und Palästina führte uns der junge israelische Architekt Dan Marcus durch die Altstadt Jaffas. Dan's historisch-politische Touren versuchen sichtbar zu machen, was man nicht mehr sieht, warum Jaffa heute so aussieht und welche Botschaft Besuchern hierdurch vermittelt wird. Die Reiseteilnehmende Eva Mieslinger hat Dans Ausführungen zur Geschichte Jaffas und zur Macht von Archäologen sowie Touristenführern auf sehenswerte Weise filmisch dokumentiert. Das Video hat Sharqistin Amina Nolte durch einige einleitende Gedanken ergänzt, siehe weiter unten.
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Wer heutzutage Jaffa (hebr. Yafo, arab. Yafa) besuchen will, der startet seinen Spaziergang meist von Tel Aviv aus. Vom Zentrum der israelischen Metropole  sind es knapp 20 Minuten Fußweg nach Yafo, die sich idyllischer nicht gestalten könnten: Mit Blick auf das Mittelmeer geht es an der Strandpromenade entlang in Richtung Süden. Tel Aviv geht nahtlos in Jaffa über, oder Jaffa in Tel Aviv. Die Metropole und ihr pittoresker, mediterraner Vorort, eine Insel der Ruhe und des herrlichen Ausblicks auf die heimliche Hauptstadt Israels.


Nach Jaffa schlendert man, um verträumte Cafés zu besuchen, um Hochzeitsbilder vor einer malerischen Kulisse zu schießen und um auf dem Flohmarkt zu stöbern. Oder auch, um vom höchsten Punkt Jaffas Tel Aviv zu bestaunen.
Mit Jaffa verbindet man gemeinhin Geschichte, antike Geschichte. Jaffa ist alt - und das soll der geneigte Tourist auch sehen können. Überall weisen hebräische und englische Schilder und Tafeln auf die etwa 4000 Jahre alte Besiedlung und die antiken Wurzeln Jaffas hin: Pharaonen kämpften um den strategischen Ort am Mittelmeer, Jona wurde hier vom Wal verschlungen und als gottesfürchtiger Mann wieder ausgespuckt, und Alexander der Große ging hier an Land. Die Kreuzfahrer begannen von hier aus ihren Glaubenskrieg im „Heiligen Land“, Napoleon versuchte sein Glück gegen die Osmanen von Jaffa aus - und immer schon war diese kleine Stadt am Mittelmeer der Ankunfts- und Abfahrtsort für christliche, jüdische und muslimische Pilger aus aller Welt, die zum ersten Mal die „terra Sancta“ betraten.
Doch ab Mitte des 19. Jahrhunderts erreichten nicht mehr nur Gläubige über das Mittelmeer diese Stadt. Für Juden aus Europa begann mit der Ankunft in Jaffa ein neues Leben, es wurde zum Tor in eine neue Welt. Nach Flucht und Vertreibung aus Europa, antisemitischer Hetze und Verfolgung sollte im Mandatsgebiet „Palästina“ etwas ganz Neues entstehen: ein jüdischer Staat, eine Heimat für alle weltweit verfolgten Juden, ein „Judenstaat“ oder auch „Altneuland“(Theodor Herzl). Aus dem alten biblischen Land sollte eine neue Nation erwachsen. In Abgrenzung von Diaspora und dem orthodoxen Judentum sollte hier die Heimat eines „neuen Juden“ entstehen, eines wehrhaften Pioniers, unter dessen Hand das Land erblühen und durch dessen Hand es auch verteidigt werden sollte.
Neben Jaffa erblühte Tel Aviv, die „weiße Stadt“ am Mittelmeer, gebaut auf nichts, außer Sand und Idealen. Tel Aviv entstand, aus Geschichte wurde Gegenwart. Aus einer Idee wurde Wirklichkeit. Und aus Not wurde Notwendigkeit: Tel Aviv wuchs und die Stadtgrenzen erweiterten sich. Aus Jaffa wurde Tel-Aviv-Yafo. Aus einer einst lebendigen regionalen palästinensischen Metropole wurde ein Vorort der jüdischen Stadt Tel Aviv.
Aus dem einst belebten Stadtzentrum wurde ein Park, errichtet auf den Ruinen palästinensischer Häuser, auf den Spuren palästinensischen Lebens in Jaffa. Denn die Schilder und Tafeln erzählen nicht, dass Jaffa eine palästinensische Stadt am Mittelmeer war. Anfang des  20. Jahrhunderts war Jaffa Zentrum arabischen Lebens und Wirkens, Handelsmetropole, levantinisches Tor nach Europa und Heimait vieler arabischer Intellektueller und Künstler. In Jaffa entstanden zur Zeit des Osmanischen Reiches viele arabische Zeitungen, Parteien gründeten sich, hier bildete sich eine palästinensischen Identität heraus, auch, aber nicht nur im Zuge der arabischen Ablehnung der zionistischen Einwanderung in das Osmanische Reich und spätere Mandatsgebiet Palästina.
Während der Auseinandersetzungen um die Gründung des Staates Israel wird Jaffa zu einem der Hauptschauplätze des israelisch-arabischen Konfliktes. 
Heute gibt es viele verschiedene Auffassungen darüber, wie aus der palästinensischen Stadt Jaffa ein Vorort der jüdischen Stadt Tel Aviv werden konnte. Fest steht, dass viele Palästinenser Jaffa damals verlassen haben. Viele sind vor der jüdischen Untergrundarmee geflohen, viele sind vertrieben worden. Jaffa wurde von der jüdischen Hagana eingenommen. Vertriebene und fliehende Juden aus Europa fanden in Jaffa eine erste Anlaufstelle. Der Fluch der Vertreibung und Flucht der Palästinenser wurde zum Segen der jüdischen Flüchtlinge aus Europa.
In den 50er Jahren wurde aus Jaffa Tel Aviv-Yafo und der Stadtkern des palästinensischen Jaffas zerstört. Der Schutt wurde nicht abgetragen, auf ihm wurde ein Park errichtet. 
Auf den Ruinen palästinensischer Häuser staunt man heute über die Skyline Tel Avivs. Die Erinnerung an das Leben, das einst war, ummodelliert, zu Gunsten dessen, was heute ist.
Die palästinensische Geschichte Jaffas wird heute in Tel Aviv-Yafo nicht erzählt. Nicht auf Schildern, nicht in offiziellen Karten und Broschüren. Sie erzählt sich selbst. Denjenigen, die einen zweiten Blick wagen- z.B. mit der Hilfe von Menschen wie Dan Marcus.
Christoph ist studierter Islam-, Politik- und Geschichtswissenschaftler mit Fokus auf Westasien. Der Mitgründer von Alsharq - heute dis:orient - war zwischen 2011 und 2014 bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Willy-Brandt-Zentrum in Jerusalem tätig. In Berlin arbeitet er als Geschäftsführer für Alsharq REISE. Christoph hält regelmäßig...