05.08.2026
Rückkehr: Eine rassistische Idee in Zeiten wirtschaftlicher Krise
Die neoliberale Stoßrichtung des Wiederaufbaus verschärft soziale Konflikte. Grafik: Dominik Winkler
Die neoliberale Stoßrichtung des Wiederaufbaus verschärft soziale Konflikte. Grafik: Dominik Winkler

Rückkehrende Syrer:innen finden eine dramatische wirtschaftliche Lage vor. Erzwungene Rückführungen würden bestehende Konflikte um Arbeit und Wohnraum vor Ort weiter verschärfen.

Dieser Artikel ist Teil eines Dossiers zu Migration und Bewegungsfreiheit zwischen Syrien und Deutschland, das dis:orient in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung-Beirut veröffentlicht. Alle Beiträge erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Read this article in English: Returning to Syria - Racist narratives meet economic reality

Während des ersten offiziellen Besuchs des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Deutschland Ende März 2026 erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz, dass etwa 80 Prozent der derzeit in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer innerhalb der kommenden drei Jahre in ihre Heimat zurückkehren sollten, das entspräche mehr als 720.000 Menschen.

Nach umfassender Kritik stellte Merz klar, bei der Aussage handle es sich um den Wunsch des syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa. Zugleich betonte er, diejenigen, die in Deutschland bleiben möchten und gut integriert sind, könnten durchaus bleiben. Al-Scharaa wies die Darstellung von Merz zurück und bezeichnete sie als übertrieben. Er betonte, dass die Rückkehr vom wirtschaftlichen Wiederaufbau und der Verbesserung der Lebensbedingungen in Syrien abhänge. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul stellte sich wiederum hinter die Aussage des Bundeskanzlers.

Unabhängig von diesen „Klarstellungen“ und der fehlenden Umsetzbarkeit eines solchen Vorhabens spiegeln die Äußerungen einen politischen Trend wider, der auf die Rückkehr beziehungsweise Abschiebung syrischer Geflüchteter zielt. Die Zustimmung des Europäischen Parlaments zur Rückführungsverordnung 2026 verdeutlicht den anhaltenden Angriff auf Migrant:innen und belegt die Zusammenarbeit konservativer und rechtsextremer Kräfte.

Gleichzeitig verschärft sich die rassistische und islamfeindliche Stimmung in Europa. Die Pläne für massenhafte Rückführungen sind aber nicht nur wegen ihres rassistischen Charakters abzulehnen. Sie richten sich ebenso gegen die Interessen der syrischen Arbeiter:innenklasse – sowohl in Deutschland als auch in Syrien.

Rückkehr nach Syrien?

Die überwiegende Mehrheit der Syrer:innen in Deutschland und Europa möchte unter den aktuellen Umständen nicht nach Syrien zurückkehren. Zerstörung durch den Krieg, politische Instabilität, Wirtschaftskrise und anhaltende Menschenrechtsverletzungen machen eine sichere Rückkehr unmöglich.

Der syrische Arbeitsmarkt befindet sich weiterhin in einer schweren Krise und insbesondere unter jungen Menschen ist die Arbeitslosigkeit hoch. Es fehlen belastbare Erhebungen, aber Schätzungen für 2025 gehen von einer Jugendarbeitslosigkeit zwischen 14 und 69 Prozent aus. Hinzu kommt, dass rund 83 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse dem informellen Sektor zugerechnet werden. Damit fehlt den meisten Beschäftigten eine soziale Absicherung und rechtlicher Schutz, Millionen Arbeiter:innen sind von Ausbeutung oder einem plötzlichen Einkommensverlust bedroht.

Die Rückkehr von schätzungsweise 1,6 Millionen Syrer:innen seit Dezember 2024 belastet den Arbeitsmarkt zusätzlich. Die meisten von ihnen hatten in den Nachbarstaaten, insbesondere in der Türkei, im Libanon und in Jordanien Schutz gesucht. Zusätzlich kehrten rund 1,9 Millionen Binnenvertriebene in ihre Herkunftsregionen zurück, es sind jedoch weiterhin etwa 5,54 Millionen Menschen innerhalb Syriens vertrieben. Zählt man die noch im Ausland lebenden Syrer:innen hinzu, bleibt mehr als die Hälfte der Bevölkerung vertrieben.

Nach Angaben des UNHCR setzt die Rückkehr bereits ohnehin überlastete öffentliche Infrastruktur und die sozialen Dienstleistungen unter zusätzlichen Druck – insbesondere in Regionen mit vielen Binnenvertriebenen und Rückkehrer:innen. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist lediglich etwas mehr als die Hälfte der öffentlichen Krankenhäuser voll funktionsfähig, und nur etwa ein Drittel der Gesundheitszentren arbeitet im Normalbetrieb.

Gleichzeitig ist mehr als ein Drittel aller Schulen beschädigt oder zerstört. Auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) betonte im Mai 2025, dass fehlende wirtschaftliche Perspektiven und mangelhafte Dienstleistungen die größte Herausforderung für rückkehrende Syrer:innen darstellen.

Der Bedarf für den Wiederaufbau Syriens ist enorm. Die Weltbank geht von Kosten in Höhe von 216 Milliarden US-Dollar aus, was circa dem zehnfachen des gegenwärtig geschätzten Bruttoinlandsprodukts des Landes entspricht. Neun von zehn Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, fast 17 Millionen sind auf unmittelbare humanitäre Hilfe angewiesen und mehr als neun Millionen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit.

Im Juli 2025 erhöhten die syrischen Behörden die Gehälter im öffentlichen Dienst um 200 Prozent, im März 2026 noch einmal um die Hälfte. Dennoch reichen die Einkommen weder im öffentlichen noch im privaten Sektor aus, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Dasselbe gilt für den gesetzlichen monatlichen Mindestlohn, der nach einer drastischen Erhöhung mit 1,256 Millionen syrischen Pfund (entsprach Mitte Juni 2026 etwa 94 US-Dollar) weiterhin weit unter dem Existenzminimum liegt.

Eine massenhafte Rückkehr syrischer Geflüchteter würde also eine ohnehin angespannte Wirtschaft zusätzlich belasten. Gleichzeitig gingen die Rücküberweisungen aus dem Ausland in einem solchen Fall stark zurück.

Überweisungen zum Überleben

Die meisten Syrer:innen sind auf finanzielle Unterstützung durch Angehörige im Ausland angewiesen. Nach Schätzungen belaufen sich die Rücküberweisungen auf rund vier Milliarden US-Dollar jährlich und kommen seit 2011 primär aus Europa und den Golfstaaten. Mit jährlich zwischen 300 und 400 Millionen Euro sind Überweisungen aus Deutschland die wichtigste europäische Quelle, was sich auf die fortschreitende Integration syrischer Geflüchteter in den deutschen Arbeitsmarkt zurückführen lässt.

Nach 2011 waren die Rücküberweisungen lediglich eine Ergänzung der Einkommen, mit der Zeit aber wurden sie immer wichtiger. Mit der fortschreitenden Entwertung der syrischen Währung und anhaltend hoher Inflation sind sie für viele Familien mittlerweile die wichtigste oder sogar einzige Einkommensquelle zur Sicherung des Lebensunterhalts.

Seit dem Sturz des Assad-Regimes werden Überweisungen auch für den Wiederaufbau zerstörter Häuser genutzt. In manchen Regionen haben sich gemeinschaftliche Initiativen gebildet, die mit Geldern aus der syrischen Diaspora Gebäude und lokale Infrastruktur reparieren.

Immobilienprojekte in einer Wohnraumkrise

Auch 2026 leidet Syrien weiter unter einem massiven Mangel an Wohnraum und einer weitgehend zerstörten Infrastruktur. Nach dem Humanitarian Needs and Response Plan (HNRP) für das Jahr 2025 ist rund ein Drittel der Wohnungen beschädigt oder vollständig zerstört. Wichtige Infrastruktur wie Straßen, Wasser- und Stromnetze oder die Abwasserversorgung sind in weiten Teilen des Landes nicht funktionsfähig.

Ein umfassender Wiederaufbauplan fehlt und so entstanden in mehreren Städten lokale Proteste gegen Immobilienprojekte, die mehr Profit erzielen als den dringend benötigten Wohnraum schaffen sollen. In Homs setzte die Bevölkerung des Stadtteils Qarabis das kuwaitische Unternehmen Al-Omran Real Estate Development Company unter Druck, Teile seines Projekts „Boulevard of Victory“ aufzugeben, das viele Bewohner:innen aus ihren Häusern verdrängt hätte.

Auch in Damaskus konnte die Bevölkerung ein Bauvorhaben verhindern, das den al-Jahiz-Park – eine der letzten verbliebenen öffentlichen Grünflächen der Stadt – in ein kommerzielles Areal mit Cafés und Parkplätzen verwandeln sollte. Anfang Mai 2026 demonstrierten Bewohner:innen der Stadtteile Mezzeh, Kfar Souseh und Basateen al-Razi gegen die Anwendung des Dekrets 66. Dieses wurde 2012 verabschiedet und ermöglicht die Modernisierung „informeller oder illegalisierter Wohnanlagen“ durch Immobilienprojekte.

Neben der sinkenden Kaufkraft und den sich verschlechternden Lebensbedingungen leidet ein Großteil der Bevölkerung unter extrem hohen Mieten und Immobilienpreisen. Anstatt bezahlbaren Wohnraum und öffentliche Infrastruktur für die breite Bevölkerung zu schaffen, dienen die geplanten Immobilienprojekte vor allem einer wohlhabenden Elite.

Diese Wohnungspolitik ist Teil einer umfassenderen politökonomischen Strategie. Al-Scharaas Regierung reagiert auf die anhaltende Wirtschaftskrise mit Austeritätspolitik und marktorientierten Entwicklungsmodellen.

Austerität als Antwort auf die wirtschaftliche Krise

Bereits unter dem Assad-Regime wurden Sozialleistungen kontinuierlich abgebaut. Der Anteil der staatlichen Ausgaben für Subventionen und andere Unterstützungsprogramme sank von 15,5 Prozent des Staatshaushalts im Jahr 2010 auf 5,6 Prozent 2024. Gleichzeitig verringerte die anhaltend hohe Inflation die Kaufkraft großer Teile der Bevölkerung immer weiter.

Die Wirtschaftspolitik der neuen syrischen Führung stellt in dieser Hinsicht keinen Bruch dar. Im Gegenteil, nach Ankündigungen von Kürzungen der Staatsausgaben verkündeten die neuen Machthaber, bis zu einem Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst entlassen zu wollen.

Bereits im Dezember 2024 wurde außerdem der Preis für subventioniertes Brot von 400 syrischen Pfund (für 1.500 Gramm) auf 4.000 syrische Pfund (zunächst für 1.200 Gramm, seit Mai 2026 für 1.050 Gramm) erhöht. Das entspricht einer Preissteigerung von rund 1.365 Prozent und verschärfte insbesondere die Ernährungsunsicherheit der ärmsten Bevölkerungsschichten.

Gleichzeitig hob die Regierung die Subventionen für Treibstoffe und Erdölprodukte auf, wodurch die Produktionskosten sowohl in der Landwirtschaft als auch im verarbeitenden Gewerbe erheblich anstiegen. Im Oktober 2025 kündigte die syrische Regierung außerdem eine drastische Erhöhung der Strompreise an, im Januar 2026 stiegen die monatlichen Stromrechnungen dann von zuvor durchschnittlich 0,85 bis 4 US-Dollar auf Beträge zwischen 50 und 169 US-Dollar.

Damit führt die neue Regierung die politökonomische Ausrichtung der vorausgehenden Regierung eher fort als sie zu überwinden. Syrien steht weiterhin vor tiefgreifenden strukturellen Problemen: unter anderem eine instabile Währung, ein geschwächtes Finanzsystem, zerstörte Infrastruktur, geringe Kaufkraft, hohe Produktionskosten und ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Dennoch verfolgt die Regierung ein Wirtschaftsmodell, das auf kurzfristige Gewinne und vor allem auf den Dienstleistungssektor abzielt – zulasten der produktiven Bereiche der Wirtschaft und einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. Gleichzeitig fehlt ein wirksamer Schutz der heimischen Produktion gegenüber ausländischer Konkurrenz, insbesondere in Industrie und Landwirtschaft.

Die beschleunigte wirtschaftliche Liberalisierung verschärft diese Entwicklung. Ende Januar 2025 senkte Damaskus die Zölle auf mehr als 260 türkische Produkte, dabei hatte das syrische Handelsdefizit gegenüber der Türkei mit 3,26 Milliarden US-Dollar 2025 bereits einen historischen Höchststand erreicht.

Anhaltende Arbeits- und sozialpolitische Kämpfe

Die wachsende Unzufriedenheit von Arbeiter:innen im öffentlichen, privaten und informellen Sektor mündet seit Beginn des Jahres in eine Reihe von Protesten und Streiks. Im Regierungsbezirk Idlib und im ländlichen Aleppo traten Lehrkräfte Ende Januar 2026 in einen groß angelegten Streik, mehr als 1.700 Schulen blieben geschlossen. Die Protestierenden forderten unbefristete Arbeitsverträge, die Wiedereinstellung entlassener Kolleg:innen sowie Lohnerhöhungen.

Auch Beschäftigte anderer Bereiche gingen auf die Straße – darunter Transport- und Industriearbeiter:innen, Studierende, Rechtsanwält:innen und Bäcker:innen. Ihre Proteste zeigen die zunehmende Unzufriedenheit angesichts des anhaltenden Kaufkraftverlusts und des fortschreitenden Verfalls der öffentlichen Dienstleistungen. Zugleich richten sie sich gegen Korruption, Vetternwirtschaft sowie mangelnde Transparenz und fehlende politische Mitbestimmung.

Mitte Mai kam es zunächst in Raqqa, Deir ez-Zor und Daraa zu erneuten Protesten, die sich später auf andere Regionen ausweiteten. Auslöser war die Entscheidung des syrischen Ministeriums für Wirtschaft und Industrie, einen Ankaufspreis für Weizen festzulegen, der unter den Produktionskosten liegt.

Bleiberecht und ein inklusiver Wiederaufbauprozess

Ohne einen wirtschaftlichen Aufschwung und den Wiederaufbau der zentralen staatlichen Infrastruktur würde eine massenhafte Rückkehr syrischer Geflüchteter die ohnehin prekäre sozioökonomische Lage im Land weiter verschärfen.

Die Rücküberweisungen der syrischen Diaspora bleiben unverzichtbar, um den Zugang zu grundlegenden Gütern und Dienstleistungen zu ermöglichen. Geldüberweisungen fördern jedoch in erster Linie den Konsum und sind keine produktiven Investitionen in die nationale Wirtschaft. Sie sind ein Instrument des Überlebens, aber keine Basis für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.

Anstatt mit der Rückführung syrischer Geflüchteter zu drohen, sollten Deutschland und die Europäische Union den Aufenthalt syrischer Flüchtlinge rechtlich dauerhaft absichern. Mit dieser Stabilität könnten Syrer:innen sich frei zwischen ihrem Aufnahmeland und Syrien bewegen und eine aktivere Rolle beim Wiederaufbau Syriens spielen.

Statt unrealistische massenhafte Rückführungen anzukündigen, sollten deutsche und europäische Entscheidungsträger:innen einen inklusiven Wiederaufbauprozess sowie eine breitere demokratische Beteiligung innerhalb Syriens fördern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich autoritäre Entwicklungen weiter verfestigen und politische wie wirtschaftliche Ausgrenzung zunimmt. Das würde neue Anreize schaffen, Syrien zu verlassen und anderswo nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu suchen.

 

 

 

Joseph Daher ist ein schweizerisch-syrischer sozialistischer Aktivist, Akademiker und Gründer des Blogs Syria Freedom Forever. Er ist Teil des Projekts „Wartime and Post-Conflict in Syria“ am European University Institute in Florenz (Italien). Er ist Autor von „Hisbollah: Political Economy of the Party of God“ (Pluto Press, 2016) und „Syria after...
Redigiert von Clara Taxis, Dominik Winkler
Übersetzt von Dominik Winkler