28.12.2011
Winter in Damaskus - Eindrücke aus Gesprächen mit Syrern
Abū Ḥasan (Pseudonym) schickt uns einen neuen Bericht über Meinungen von Syrerinnen und Syrern zur politischen Situation. Der Artikel ist eine Fortsetzung des Beitrags "Herbst in Damaskus".
Als ich nach Syrien wieder einreiste, war ich - vom Zeitpunkt an, wo das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hatte -innerhalb von 20 min außerhalb des Terminalgebäudes mit Gepäck und einem neuen Einreisestempel. Die Einreise war unkompliziert. Wohl auch, weil ich inzwischen mit Adresse und allem gespeichert bin. Ich reichte ihm auch die blaue Einreisepappkarte hin, die ich in Ermangelung eines bequem erreichbaren Stiftes gar nicht erst ausgefüllt hatte - er stempelte sie trotzdem ab und sah dann erst, dass sie völlig leer war.

Etwas nörgelnd darüber, ließ er mich mit dieser Blanko-Einreise-Karte weiterziehen; auch der nächste Kontrolleur meines Passes wunderte sich nur etwas, aber es war ihm auch egal, dass die Karte gar nicht ausgefüllt war.

Dass ich so schnell vor dem Terminalgebäude stand, lag wohl auch daran, dass ich auf dem ganzen Flughafen nur drei Flugzeuge gesehen habe - allesamt von Syrian Arab Airlines. Etwas unheimlich die Stimmung. Der Flugverkehr ist größtenteils eingestellt. Das müssen u. a. große finanzielle Ausfälle sein.
In der Stadt angekommen, stieg ich in ein Taxi und sagte ihm, wohin ich will. Die nächste Frage von ihm war dann schon, woher ich komme. Die Frage direkt, aber sofort und direkt danach war: "Und hältst du von den Vorfällen in Syrien?" Schönen Gruß aus der syrischen Realität - der Taxifahrer. Was für ein Willkommensgruß innerhalb der ersten Stunde in Syrien.
In unserer 6-7-WG sind alle wichtigen Religionsgruppen Syriens vertreten: Sunniten, Alawiten, Schiiten, Ismaeliten (7-Schi'a), Katholiken, Orthodoxe. Wir haben kein Gas zum Kochen mehr. Masot (zum Heizen) gibt es auch keines mehr. Nachdem es zwischenzeitlich wohl mit langem Anstehen welches zu kaufen gab, gibt es wohl jetzt wieder keins. Seit einem Monat haben wir kein Gas mehr zu Hause und essen dementsprechend eher kalt und wenn, dann wird auch einer Elektrospirale geheizt: Tütensuppen oder so etwas. Wir heizen zum Glück nicht mit Masot, dafür alles mit Strom. Der Strom fällt fast täglich aus oder zumindest ca. 4-5 mal die Woche, jeweils für 30 min - 1,5 h. Es ist alles erträglich und nicht gar zu tragisch. Die Qualität der zu kaufenden elektrischen (Verlängerungs-) Kabel und Mehrfachstecker und der Steckdosen ist nicht sehr hoch und öfters muss man mal ein Kabel reparieren und Stecker austauschen, da sie einigermaßen regelmäßig durchschmoren. Manchmal stecken wir die Elektrikdrähte auch einfach nur (ohne Stecker) direkt in die Steckdose.
Heute traf ich mich mit einem hohen christlichen Kleriker. Er schilderte mir von seinen Vorbehalten gegenüber einem Regimewechsel - und darf dabei durchaus als voca pro toto gelten, also die allgemeine Stimmung der christlichen Kleriker. Sie haben Angst vor dem, was nach al-Assad kommt. Die Muslim-Brüder sind das Gespenst. "Sieh doch, was in Tunesien passiert ist, was in Ägypten und in Marokko passiert. Überall die Muslim-Brüder. Wir haben Angst, dass wir unsere Religion nicht mehr frei ausüben können." "Ich sage nicht", so er weiter, "dass die Armee ohne Fehler ist. Eine Armee an sich ist etwas Schlechtes. Aber die Demonstrationen waren von Anfang an nicht nur friedlich", so meinte er. Wir sehen hier, die Angst vor einem Namen: Muslim-Brüder. Dass diese sich durchaus ändern können und dies sicherlich auch in ihrer Haltung gegenüber Andersgläubigen in den letzten Jahren gewandelt haben könnte und dass es fraglich ist, ob wirklich eine muslimisch geprägte Regierung die Glaubenspraktizierung der Minderheiten beeinträchtigt, darf man erfragen.
Später traf ich mich mit einer Freundin. Sunnitin. Aus Homs. Ihre Familie ist noch in der Stadt. Sie zu Studienzwecken derzeit in Damaskus. Eine Musterunterstützerin des Regimes. Eine äußerst überzeugte Vaterlandsliebende! Sie liebt den Präsidenten Bašār al-Assad. "Wir lieben ihn, das Volk!" Die Bewaffneten in Homs seien Syrer: "Entweder Religionskrieger, Salafisten, oder Dumme, Ungebildete", die bezahlt werden, oder geflohene Verbrecher, die deswegen öffentliche Gebäude wie Gerichte etc. anzünden, damit deren Straftatbestände verbrannt werden, es gäbe eine Verschwörung gegen Syrien, das Geld käme vom Ausland: "Du weißt, von den üblichen Staaten: Türkei [an erster Stelle nannte sie sie!], Qatar [al-Jazeera ist ein Sender aus Qatar!!!, deswegen wurde es in den letzten Monaten in Syrien zum Schimpfwort, aus Qatar zu stammen], Israel, Amerika", später nannte sie noch Saudi-Arabien. Sie hätte eine Radikalniederschlagung seitens des Präsidenten befürwortet. Aber der Präsident, Augenarzt, geht die Sache mit Bedacht an, wie ein Chirurg und geht deswegen nicht mit aller Gewalt gegen die Protesthochburgen vor - wo sie Recht hat, hat sie Recht, die Niederschlagung könnte auch anders aussehen.
Mein ehemaliger Mitbewohner letztes Jahr aus Homs erzählte mir im September, dass ganz Homs gegen das Regime auf die Straße gegangen sei: Sunniten, teils auch Alawiten und Christen. Die soeben beschriebene Freundin ist also Sunnitin aus Homs - und unterstützt die Regierung. Sie scheint mir, als hätte sie heute bei unserem Treffen öfter religiöse Wendungen benutzt.
Eine meiner Mitbewohnerinnen ist Alawitin. Sie hasst den Präsidenten. Dazu muss man sagen, ihr Vater ist Kommunist. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht gegen das Regime schmipft. Andere Freunde wiederum, auch Alawiten, sagen zwar nicht offen, dass die den Präsidenten lieben oder unterstützen, aber sie sind auch nicht dagegen. Sie sagen: Wir sind gegen das Töten! Ganz klar spricht aus ihrer Haltung eine Ratlosigkeit. Natürlich wollen sie kein Töten; aber sie wollen wohl auch keinen überstürzten Sturz des Regimes. Ein anderer Freund aus diesem selben Freundeskreis (alles Alawiten) ist da schon etwas deutlicher: Er hasst nun die Türkei wie eh und je und noch mehr. Auch ein deutlicher Hinweis auf seine Einstellung. In jenem Zimmer hängt auch eine syrische Flagge - das Zeichen der Unterstützung des Vaterlandes, was ja der Slogan des Regimes ist. Sein Cousin sagte heute in der Runde zu einer Mitanwesenden: "Die Tage werden noch kommen, wenn du Bashar al-Assad lieben wirst", und meinte wohl dann, wenn er gestürzt werden sollte, wenn ich das richtig verstanden und interpretiert habe.
Der Druse zu Hause scheint das Regime auch nicht so zu lieben - sonst hätten sie ihn wohl nicht als Mitbewohner aufgenommen. Wiederum der Druse in der islamischen Theologie-Vorlesung heute in der Uni hat den Präsidenten und diese Regierung über alles unterstützt, da sie von einer Minderheit gestellt sind und deswegen die Minderheiten unterstützen. Demokratie dürfe nicht, so er, von der Mehrheit ausgeführt werden, sondern von der Minderheit, um die Rechte der Minderheiten zu garantieren, erklärte er mir vor einigen Wochen.
Die Christen hassen in der Regel den Islam, ohne nachzudenken. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Gläubigen. Da habe ich noch keine Ausnahme kennengelernt, außer die wenigen nicht praktizierenden christlichen Freunde. Die sehen das Verhältnis zum Islam entspannt, jedoch kritisch. Die jungen Leute bei mir zu Hause wollen einfach eine Zukunft und eine Chance, ihre Ambitionen und Träume zu verwirklichen. Eine sunnitische Freundin in einem Vorort von Damaskus unterstützt auch nicht mehr das Regime und will es fallen sehen: Sie töten, deswegen will sie es nicht mehr. Sie hat Angst vor der Zukunft des Landes. Ihr Vater ist da etwas reservierter - er spricht nicht viel bzw. nur sehr ausweichend. Er lehrt an der Universität Mathematik.
Christoph ist studierter Islam-, Politik- und Geschichtswissenschaftler mit Fokus auf Westasien. Der Mitgründer von Alsharq - heute dis:orient - war zwischen 2011 und 2014 bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Willy-Brandt-Zentrum in Jerusalem tätig. In Berlin arbeitet er als Geschäftsführer für Alsharq REISE. Christoph hält regelmäßig...