06.03.2026
Von Irak bis nach Syrien: Dschihad gegen Queerness unter al-Julani
Präsident Ahmed al-Sharaa traf sich im Januar 2026 mit der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und dem Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa. Foto: Europäische Union, 1998-2026
Präsident Ahmed al-Sharaa traf sich im Januar 2026 mit der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und dem Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa. Foto: Europäische Union, 1998-2026

Syriens Interimspräsident al-Julani versucht, sich ein neues weltoffenes Image zu geben. Was bedeutet das für LGBTQ+-Menschen in Syrien? Ein genauer Blick auf queeres Leben unter seiner Herrschaft – von der Vergangenheit bis zur Gegenwart. 

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[Content-Warnung:  Dieser Artikel enthält Beschreibungen von Gewalt sowie Hassrede.]

Während der islamischen Mamluken-Herrschaft von 1250 bis 1517 in Ägypten und der Levante, verbreitete sich islamischer Sufismus weitläufig. Er betrachtete gleichgeschlechtliche Liebe und Crossdressing als eine Form der Verehrung Gottes und als Mittel, ihm näher zu kommen. Zur gleichen Zeit entstand jedoch auch eine strenge salafistische islamische Doktrin, die wichtige Teile ihrer Identität in der Feindseligkeit gegenüber gleichgeschlechtlichen Praktiken und all jener, die sich daran beteiligen, der, begründete. Ein Beispiel findet sich in der Schrift des salafistischen Historikers Ibn Al-Jawzi, der die islamische Sufi-Ehe zwischen zwei Männern attackiert, die seiner Meinung nach zur damaligen Zeit sehr weit verbreitet war.

Im Laufe der Geschichte blieb die salafistische Doktrin eine Minderheitsströmung mit geringem Einfluss auf die islamischen Gesellschaften. Nachdem sie jedoch in der Moderne al-Qaida, ISIS und andere Organisationen wieder hervorgebracht hatten, faßte sie nach der syrischen Revolution in Syrien Fuß. Mit der derzeitamtierenden Übergangsregierung von al-Julani scheint sie sich fortzusetzen.

Eine Bedrohung für queere Menschen im Irak: Die Ära von al-Qaida

Abu Mohammad al-Julani, der heute wieder seinen Geburtsnamen Ahmed al-Scharaa nutzt, wurde 1982 in Saudi-Arabien geboren und zog im Alter von sieben Jahren nach Syrien. Nach einem zweijährigen Medienstudium brach er die Universität ab und reiste in den Irak, wo er sich 2003 al-Qaida anschloss. Während dieser Zeit nahm al-Qaida systematisch LGBTQ+-Personen im Irak ins Visier. In ihrer Rhetorik scheuten sie sich nie, ihren WunschLGBTQ+-Personen, nicht nur in Ländern mit muslimischer Mehrheit, sondern auch weltweit umzubringen, zum Ausdruck zu bringen. In der dritten Ausgabe von Inspire vom November 2010, dem offiziellen Magazin von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, wurde eine Synagoge für LGBTQ+-Personen als Ziel eines geplanten Bombenanschlags mit einem Frachtflugzeug verkündet. Glücklicherweise wurden die Bomben rechtzeitig entdeckt.

Auch existieren Augenzeugenberichte über homophobe Mordkampagnen, angeführt von extremistischen Gruppen wie al-Qaida. Im Jahr 2009 veröffentlichte Human Rights Watch den Bericht „They Want Us Exterminated”. Ein Zeuge, Wahid, ein Sunnit aus Baghdad, berichtet, wie sein Freund 2004, während einer „allgemeinen Säuberungsaktion von Menschen, die sie für unmoralisch hielten” von al-Qaida getötet wurde. Ledigleich das Zupfen von Augenbrauen oder die Gesichtsbehaarentfernung beim Friseur konnte dazu führen, dass eine Personzur Zielscheibe dieser „Säuberungskampagnen” wurde. Die Doktrin von al-Qaida betrachtete das Zupfen von Haaren als haram (dt.: verboten), da es als „Nachahmung von Frauen” angesehen wurde.

Wahid beschreibt die Ereignisse im Bericht: „Eine Gruppe bärtiger Männer umzingelte meinen Freund, fragte ihn nach den Namen seiner homosexuellen Freunde, erschoss ihn und fuhr dann davon.” Munir, ein weiterer Zeugefügt hinzu, dass im Zuge der Mordkampagnen 2004 zwei seiner schwulen Freunde in von al-Qaida kontrollierten Gebieten ermordet wurden. 

Wachsender Einfluss in Syrien: Die Ära der al-Nusra-Front

Als 2011 die syrische Revolution gegen Bashar al-Assad begann, kehrte al-Julani nach Syrien zurück, wo er die Jabhat al-Nusra (dt.: al-Nusra-Front) gründete. Im Jahr 2015 richtete Jabhat al-Nusra neun homosexuelle Menschen in ländlichen Gebieten von Homs und Aleppo hin. Nach Aussage eines Einwohners gegenüber Amnesty International war eine Hinrichtung besonders grausam – nicht nur, weil der Junge noch nicht einmal 18 Jahre alt war: „Als ich mich der Menschenmenge näherte, sah ich den Körper des Jungen, auf den zweimal geschossen worden war. Seine Mutter weinte. Er sah jung aus. Ein Mann, der dort stand, erzählte mir, dass er erschossen wurde, weil er schwul war. Ich erinnerte mich, dass er vor einem Jahr  von al-Nusra festgenommen wurde, nachdem er berichtet hatte, dass er von einer Gruppe von Männern sexuell missbraucht worden war. Statt (ihm zu helfen), nahmen die al-Nusra-Kräfte ihn und diejenigen, die ihn angeblich missbraucht hatten, fest.”

Aufgrund solcher Verstöße beschloss der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 2015, eine Anhörung zum Thema LGBTQ+-Rechte abzuhalten. Subhi Nahas, ein schwuler Flüchtling aus der syrischen Stadt Idlib, berichtete dem Rat von seinen persönlichen Erfahrungen. Er erinnerte daran, wie die Militanten von Jabhat al-Nusra nach der Machtübernahme in Idlib im Jahr 2012 schworen, „die Stadt von denen zu säubern, die sich der Sodomie hingeben“. Es folgten Verhaftungen und Hinrichtungen von Menschen, die der Homosexualität beschuldigt wurden. 

Alte Ideologie unter neuem Namen? Die Post-Befreiungs-Ära 

2016 änderte al-Julani den Namen von Jabhat al-Nusra zu Hayat Tahrir al-Sham (HTS) und versuchte damit, die Organisation von ihren früheren Verbindungen zu al-Qaida zu distanzieren und sie somit innerhalb des Syrienkonflikts neu zu positionieren. In den folgenden acht Jahren, der sich ständig verschiebenden Allianzen und regionalen Dynamiken, stieg al-Julani nach dem Sturz von al-Assad 2024 zum Interimspräsidenten Syriens auf.

Als The Telegraph im Dezember 2024 einen Artikel über die Beziehung zwischen dem neuen syrischen Präsidenten und LGBTQ+-Personen veröffentlichte, kommentierte der syrisch-armenische Politologe Kevork Almassian sarkastisch: „Abu Mohammad al-Julani wurde bisher als ‚Rebell‘, ‚diversitätsfreundlich‘ und ‚progressiv‘ beschrieben. Wird er bald der Anführer der LGBTQ+-Allianz sein?” Dennoch feierten viele westliche Regierungen al-Julani, hoben die Wirtschaftssanktionen gegen ihn auf, strichen ihn von der Terroristenliste und begannen, Syriens Normalisierung mit Israel zu planen.

Unterdessen bezeichnet ein Mitte 2025 veröffentlichter Artikel des Media Diversity Institute al-Julanis Politik als „Razzia” gegen LGBTQ+-Personen in Syrien. Ein Anfang letzten Jahres durchgesickertes Video zeigt ein eklatantes Beispiel: Eine junge syrische Transfrau sitzt auf dem Rücksitz eines Polizeiautos, flankiert von zwei Polizisten. Einer von ihnen trägt eine Uniform mit dem Emblem von Jabhat al-Nusra. Die Polizisten beleidigen und greifen sie mit einem Messer an, während sie von ihr verlangen, ihre Genitalien zu zeigen und drohen, „sie abzuschneiden”.

Als Reaktion auf solche Drohungen hat die syrische Bewegung „Guardians of Equality” einen Sicherheitsleitfaden für LGBTQ+-Personen herausgegeben. Eine der Anweisungen lautet: „Löschen Sie alle Informationen, die Ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität offenbaren könnten, für den Fall von Razzien oder Kontrollen in Wohnungen oder an Sicherheitskontrollpunkten.” Außerdem rät der Leitfaden „sichtbaren Personen” aus Gebieten, die möglicherweise durchdiese Gruppen kontrolliert sind, wegzuziehen.

Die Zukunft: Eine Ära der Unsicherheit 

Eine queere syrische Person, die zwischen Syrien und Europa pendelt und aktivistisch tätig ist, jedoch aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, sagte mir: „Nicht nur Queers – auch Alawit:innen, Drus:innen und Kurd:innen werden in Syrien von den neuen Sicherheitskräften Gewalt angetan. Sie versuchen, durch Gewalt gegen alle Minderheiten, ihre Kontrolle über den öffentlichen Raum durchzusetzen.” Dies wird in aktuellen Aufnahmen deutlich, in denen Sicherheitsbeamte einem drusischen Ältesten gewaltsam den Schnurrbart abrasieren, um ihn zu demütigen, und einer kurdischen Kämpferin den Pferdeschwanz abschneiden

Öffentliche Hinrichtungen, Verhaftungen, Demütigungen und der Vorwurf der „Unmoral“ dienen nicht nur als Strafe, sondern auch als Mittel zur Herrschaft durch Angst. Jüngste Berichte und durchgesickerte Aufnahmen deuten darauf hin, dass trotz al-Julanis Versuchen, sich ein neues Image zu geben, Elemente dieser zwanghaften moralischen Überwachung fortbestehen. Gleichzeitig zeigt das Muster der Gewalt gegen Minderheiten, dass die Unterdrückung nicht nur auf die Sexualität beschränkt ist. Vielmehr spiegelt es einen anhaltenden Kampf um Identität, Souveränität und soziale Kontrolle im Syrien nach Assad wider.

 

 

 

 

 

 

Musa Shadeedi ist eine:r irakische:r Schriftstelle:r und Forscher:in, die/der einen islamischen, antikolonialen Ansatz bei der Untersuchung des sexuellen Begehrens in der Geschichte und Politik des Westasiens verfolgt. Musa hat vier Bücher veröffentlicht: „The day we never had a father" (2016), „Non-normative sexuality in Arabic cinema" (2018), „...
Redigiert von Martje Abelmann, Regina Gennrich
Übersetzt von Alexander Waiblinger