18.10.2026
Die Propaganda der „Achse Berlin-Rom“ in WANA
Amin al-Husseini vor einem italienischen Radiomikrofon in Rom, in: Mondo Arabo 2 (1941), H. 14, 15.7.1941, S. 20.
Amin al-Husseini vor einem italienischen Radiomikrofon in Rom, in: Mondo Arabo 2 (1941), H. 14, 15.7.1941, S. 20.

Zwischen 1934 und 1945 sendeten das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland arabischsprachige Rundfunkprogramme nach WANA. Die Bewertung der Wirksamkeit darf jedoch nicht zu vereinfachten Schlussfolgerungen führen.  

Nach der deutschen Kapitulation wurde der Victory Day am 8./9. Mai 1945 auch in der WANA-Region gefeiert. Dabei kam es zu einem bemerkenswerten Vorfall in den Straßen von Beirut: Palästinensischen Soldaten, die in den alliierten Armeen gekämpft hatten zogen durch die Straßen. Doch statt des Union Jack oder der französischen Trikolore, trugen sie Hakenkreuzflaggen durch die Straßen. Wie BBC damals berichtete:

„Die ‚einstimmige und brüderliche Freude‘ sei durch Gruppen palästinensischer Soldaten in britischer Uniform gestört worden, die begannen, Gegendemonstrationen abzuhalten – im Namen Hitlers […] und im Namen des ‚Großmuftis von Jerusalem‘.“

Waren die arabischen Soldaten in britischen Uniformen, die am Tag des Sieges über Deutschland Hakenkreuzflaggen schwenkten, und ihre Verehrung des Muftis von Jerusalem, Amin al-Husseini, als Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu verstehen? Spiegelten sie die Auswirkungen jahrelanger Propaganda aus dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland wider?

Mussolini und Hitler auf dem Titelblatt der ägyptischen Satirezeitschrift Akhir saʿah, Nr. 383, 1. Februar 1942. https://digitalcollections.aucegypt.edu/digital/collection/p15795coll32/id/27875/rec/302.    

Während des Zweiten Weltkrieges betrieben die Achsenmächte Italien und Deutschland großflächig Auslandspropaganda über den Rundfunk. Ein besonderer Fokus lag auf der arabischen Welt. Italien hatte bereits 1934 mit der Etablierung des Kurzwellensenders Radio Bari den Anfang gemacht.

Kampf um das Mittelmeer

Das faschistische Regime in Italien verfolgte eine ideologisierte Expansionspolitik, auch als Politik des mare nostrum bekannt. Sie berief sich auf das ehemalige Herrschaftsgebiet des Römischen Reiches und strebte nach einer Hegemonie Italiens über das gesamte Mittelmeer. Ab Mitte der 1920er Jahre führte dies zu Konflikten mit den geopolitischen Interessen Großbritanniens. Für die Briten war die Passage durch das Mittelmeer und den Suezkanal nach Indien zur Aufrechterhaltung des britischen Weltreiches von zentraler Bedeutung.

Die arabischsprachigen Rundfunksendungen hatten deshalb vor allem den Zweck, die arabische Bevölkerung gegen die Briten und Franzosen aufzustacheln und damit deren Position im östlichen Mittelmeer zu destabilisieren. Durch die italienische Propaganda sah sich Großbritannien Anfang 1938 dazu gedrängt, seinerseits einen arabischsprachigen Sender, den BBC Arabic Service, einzurichten, um den aggressiven italienischen Sendungen entgegenzutreten.

Expansion im Äther

Um Großbritannien zu schwächen und Italien zu unterstützen, begann auch das NS-Regime im April 1939 arabischsprachige Radiosendungen aus Berlin zu senden. Mit dem Kriegsverlauf gewann die WANA-Region an zusätzlicher strategischer Bedeutung: Seit Februar 1941 kämpfte das Deutsche Afrikakorps in Nordafrika, während das Scheitern Italiens gegen Griechenland im April 1941 das deutsche Eingreifen auf dem Balkan erforderlich machte.

Titelblatt der deutschen arabischsprachigen Radioprogrammzeitschrift al-Dschahir, Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, RAV 204-1/1204.

Im Zuge des Kriegseintritts deutscher nationalsozialistischer Truppen in Südosteuropa und Nordafrika weitete das NS-Regime seine Propagandaoffensive aus: Wehrmacht und Auswärtiges Amt errichteten neue Rundfunksender, sendeten verstärkt Programme auf Arabisch und im maghrebinischen Dialekt und verbreiteten über deutsche Vertretungen in WANA die Programmzeitschrift al-Dschahir mit Sendeplänen und politischen Beiträgen.

Faschismus als Alternative

Nach dem Untergang des Osmanischen Reiches befand sich die arabische Welt in den 1920er und 1930er Jahren in einem Prozess der Selbstverortung. Dem säkular-prowestlichen Lager standen arabisch-nationalistische und religiös-fundamentalistische Kräfte gegenüber, die westliche und koloniale Einflüsse zurückwiesen. Bekannte Vertreter fundamentalistischer Strömungen waren etwa die 1928 in Ägypten von Hasan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft sowie die arabischen Nationalist:innen unter dem Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, im Mandatsgebiet Palästina.

Der Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus übte auf viele junge arabische Nationalist:innen eine erhebliche Anziehungskraft aus. Sie sahen darin eine dynamische Bewegung und Alternative zur Herrschaft der europäischen Kolonialmächte, nicht jedoch primär die rassistische Ideologie und den Antisemitismus.

Gleichzeitig gab es eine starke antifaschistische Bewegung, die erkannte, welche Gefahren von einem Sieg der Achsenmächte für die Region ausgehen würden. Dies hätte nicht nur die Ausweitung der Judenvernichtung auf die jüdische Gemeinschaft in Palästina bedeutet, sondern auch das Eintauschen der britischen und französischen Kolonialherrschaft gegen eine deutsche und italienische.

Transfer von Antisemitismus

In Europa trat nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 der Völkermord an den Juden:Jüdinnen in seine Hochphase ein. Dies spiegelte sich auch in den fortan sehr präsenten antisemitischen Hetzkampagnen der arabischsprachigen Radioprogramme aus Berlin wider. Sowohl im Maghreb als auch in Westasien (inklusive Iran) war eine hohe Anschlussfähigkeit für antisemitische Narrative erkannt worden. Diese speiste sich einerseits aus antijüdischen Ressentiments einiger islamischer Traditionen, andererseits aus modernem europäischem Rassenantisemitismus, der über die koloniale Präsenz und die Rezeption vor allem französischer Diskurse in die Region gelangt war.

Die Propaganda nutzte diese Kombination gezielt aus. Im Territorialkonflikt in Palästina und der einsetzenden zionistischen Bewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts fand der Antisemitismus einen bis in die Gegenwart fortwirkenden Ankerpunkt. Auch wenn die antisemitische Hetze der italienischen und deutschen Rundfunkprogramme während des Zweiten Weltkrieges Teil dieses Prozesses war und ihn befeuerte, war sie nicht die Ursache für die Herausbildung eines Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften der Region.

Wie wurde die Propaganda aufgenommen?

Bekannte Galionsfiguren der Achsenpropaganda waren Amin al-Husseini und der ehemalige und antibritisch eingestellte irakische Ministerpräsident Raschid Ali al-Gailani. Ihr Hass auf Juden:Jüdinnen und die westlichen Kolonialmächte darf aber nicht als Stimme einer generellen arabischen Positionierung interpretiert werden.

Aus den zeitgenössischen Berichten über die eigenen und gegnerischen Sendungen aus Deutschland, Italien und Großbritannien ließen sich keine eindeutigen Schlüsse ziehen. So hieß es in einem Bericht an das Auswärtige Amt: „Unsere Sendungen in arabischer Sprache werden in allen arabischen Ländern […] und maghrebinischen Gebieten gehört.“ Besonders „der Kampf gegen den Zionismus und damit gegen das Judentum“, so ein weiterer Bericht über die „Politische Lage in Arabien“, werde „von jedem Araber gebilligt.“

„Arabische Würdenträger berichten aus der Zeit, da die Engländer sie noch unterdrückten. Heute sind sie durch den siegreichen Vormarsch der Soldaten des Generalfeldmarschalls Rommel vom britischen Joch befreit.“ Die Propagandakompanie des Afrikakorps lieferte Berichte direkt aus Nordafrika für die deutschen Rundfunksender, in: Welt-Rundfunk 5 (1941) H. 4.

Den deutschen Berichten standen britische Analysen gegenüber, die den Erfolg der Achsenpropaganda in der arabischen Welt deutlich geringer bewerteten. So sei die deutschfreundliche Stimmung zweifellos vorhanden, beschränke sich aber auf eine kleine Gruppe. „Die Behauptung, die Mehrheit sei für Deutschland, ist lächerlich.“

Der von NS-deutscher Seite vermittelte Eindruck, „die Araber“ seien „sehr deutschfreundlich“, sei „entschieden nicht der Fall“. Die gebildete arabische Hörerschaft verglich die Meldungen der Sender miteinander und begegnete der Propaganda kritisch und misstrauisch.

Die Provokation vom Victory Day 1945 in Beirut diente als Bekräftigung der Forderungen nach Unabhängigkeit von fremden Kolonialmächten, nicht als Bekenntnis zur Achse. Damit fielen, wie es der Historiker Dan Diner formulierte, „das Ende des Zweiten Weltkrieges und der Beginn der Dekolonisation […] auf ein und dasselbe Datum“.

 

 

 

 

      

Philipp Henning studierte Geschichtswissenschaften und Nah- und Mitteloststudien. Er wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über die Orientalismen der „Achse Berlin-Rom“ und die arabischsprachige Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg promoviert.
Redigiert von Sören Lembke, Diana Geier, Vincent Metzger