20.01.2023
Marokko zwischen Palästina-Solidarität und Besatzung der Westsahara
Die Reaktionen auf die Palästina-Solidarität der marokkanischen Mannschaft bei der Fußball-WM in Katar sind kontrovers. Illustration: Claire DT/KI
Die Reaktionen auf die Palästina-Solidarität der marokkanischen Mannschaft bei der Fußball-WM in Katar sind kontrovers. Illustration: Claire DT/KI

Die Reaktionen auf die Palästina-Solidarität der marokkanischen Mannschaft bei der Fußball-WM in Katar sind kontrovers. Angesichts der Lage in der Westsahara stellt sich die Frage, ob Solidarität mit Menschen unter Besatzung teilbar ist.

Fußballfans auf der ganzen Welt haben den Einzug der marokkanischen Nationalmannschaft in das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 mit Jubel begrüßt. Der erste Einzug einer arabischen Mannschaft in die Runde der letzten vier während der „Heim“-Weltmeisterschaft in Katar wurde in vielen Regionen Westasiens und Nordafrikas als Freudenfest gefeiert. König Muhammad VI. zeigte sich im Nationaltrikot und marokkanischer Freudentaumel führte auch in deutschen Städten wie Frankfurt und Düsseldorf zu ausgelassenen Feiern.

 

Da es gleichzeitig der erste Einzug einer afrikanischen Mannschaft in ein WM-Halbfinale war, sahen viele hier einen wichtigen postkolonialen Moment. Die Freude trug jedoch ambivalente Züge: Nachdem der marokkanische Spieler Soufiane Boufal nach dem Sieg im Achtelfinale gegen Spanien den „Marokkanern, Arabern und Muslimen“ für die Unterstützung dankte, präzisierte Trainer Walid Regragui: „Marokko ist hier, um Afrika zu repräsentieren (…) wir wollen hier die Flagge Afrikas hochhalten“.

In den Sozialen Medien Afrikas waren die Meinungen gespalten. Zwar überwog die Begeisterung: Ein Tweet mit dem Inhalt „The Whole of Africa is Morocco Today“ erreichte fast 150.000 Likes. Aber es mischten sich auch kritische Stimmen ein. Ein südafrikanischer Tweet namens „Morocco is not one of us“ erhielt 10.000 Likes. Die Kritik richtete sich dabei gegen eine wahrgenommene, rassifizierte Grenzziehung seitens des Maghreb gegenüber dem sub-saharischen Afrika.

Doch es wurde noch kontroverser: Entgegen der FIFA-Richtlinie, politische Botschaften zu vermeiden, posierten Spieler der marokkanischen Mannschaft nach dem sensationellen Achtelfinal-Sieg gegen Spanien mit der palästinensischen Flagge. Nach dem Viertelfinale gegen Portugal wiederholten sie die Pose. In arabischsprachigen Regionen Westasiens und Nordafrikas sorgte das für Begeisterung. Die marokkanischen Siege, die sowieso schon auslassend gefeiert wurden, verwandelten sich in symbolische Momente arabischer Einheit. In Palästina machten Jubelnde die Nacht zum Tag. Andere Aktivist:innen aber nutzten die Aufmerksamkeit, um Themen wie berberische Identität oder die Besatzung der Westsahara anzusprechen. Vereinzelt fragten auch palästinensische Aktivist:innen, ob der Fokus auf Palästina angesichts solcher lokaler Probleme überhaupt angemessen sei.

 

Während die Öffentlichkeit in den meisten europäischen Ländern zurückhaltend reagierte, gab es in Teilen der deutschen Öffentlichkeit einen Backlash: Journalist:innen wollten in den Palästina-Flaggen Antisemitismus erkennen. Bei WELT TV  wurden die Spieler gar wegen einer Handgeste mit dem sogenannten „Islamischen Staat“ in Verbindung gebracht, bevor einen Tag später eine fadenscheinige Entschuldigung folgte. Statt die Widersprüche des Königreichs Marokko und auch des Palästinabildes in WANA ernsthaft zu diskutieren, fand sich in Deutschland eher ressentimentgeladene Ablehnung. Augenscheinlicher Neid über das gute Abschneiden der marokkanischen Mannschaft oder bloßes Ressentiment gegen Araber:innen waren häufiger zu sehen als nuancierte Kritik.

Sport und Politik

Sportereignisse wie die WM sind wie ein Vergrößerungsglas. Sie bündeln globale Aufmerksamkeit auf lokale Verhältnisse wie sonst nur Kriege und Katastrophen. Den Glanz einer erfolgreichen Fußball-WM zu ernten ist  Erfolg für ein politisches System. Der neofeudalen Monarchie Katar ist dies 2022 glücklicherweise nicht vollständig gelungen. Die WM wird aber zumindest organisatorisch und sportlich als gelungenes Ereignis in Erinnerung bleiben. Ein solches Großereignis unter den Augen der internationalen Öffentlichkeit hatte zuvor noch kein arabisches Land durchgeführt. Trotz der hohen Kosten von circa 220 Milliarden Dollar und beträchtlicher negativer Aufmerksamkeit ist die WM daher ein erfolgreiches Beispiel für „Sport-Diplomatie“.

Auch Marokko ist einer der Gewinner der WM. In Deutschland wird es als eines der „stabileren“ Länder der Region und als Urlaubsziel geschätzt. Allenfalls wegen Gewalt an den Grenzzäunen der spanischen Exklaven oder weil sogenannte Nafris mit Verbrechen in Verbindung gebracht werden, schafft es Marokko in die Schlagzeilen. Dieses Desinteresse ist typisch für einen eurozentrischen Blick, für den in WANA Stabilität über allem anderen steht. Durch Marokkos Geschichte ziehen sich jedoch historische Furchen, die einen kritischen Blick wert sind – manche davon stehen in direkter Verbindung mit der Fußball-WM 2022. 

Marokko: Ein postkoloniales Imperium

Das moderne Marokko gibt es seit 1956, mit dem Ende des seit 1912 andauernden französischen Protektorats. Die Unabhängigkeit wurde durch eine „Dekolonisierung von oben“ unter Führung der seit dem 17. Jahrhundert regierenden Dynastie der Alawiden erreicht. Deren Monarchen sehen sich als amir al-muminin, „Führer der Gläubigen“, und berufen sich auf eine Abstammung vom Propheten Muhammad. Diese Entstehungsgeschichte prägt die politischen Geschicke des Landes bis heute. Insbesondere in den 1960er-Jahren war das Land geprägt durch die vom nationalistischen Politiker Allal el-Fassi entworfene Landkarte eines imaginierten „Großmarokko“. Dekolonisierung war in diesem Kontext ein Schritt zur Rückerlangung imperialer Größe.

Diese Vorstellungen führten zum treffend betitelten „Sandkrieg“ gegen den arabisch-sozialistischen Nachbarn Algerien von 1963 und zur völkerrechtswidrigen Annexion der Westsahara, einem rohstoffreichen Gebiet. Dieses riss sich die Monarchie nach dem chaotischen Abzug der spät-franquistischen Kolonialmacht Spanien gegen den Widerstand seiner wenigen Bewohner:innen unter den Nagel und baute es mit Siedler:innen und potemkinschen Infrastrukturprojekten zu. Mittlerweile ist der Konflikt weitgehend eingefroren. Durch militärische Stärke und den Bau eines Erdwalls, der die Westsahara in zwei Teile spaltet, hat Marokko die Polisario-Milizen der Sahrawis weitgehend unschädlich gemacht. Heute fristen die indigenen Sahrawis ihr Leben als Bürger zweiter Klasse in der Hauptstadt El Aaiún oder in den Flüchtlingslagern in Algerien, wo die dortige Regierung sie weiterhin als Faustpfand gebrauchen kann. Das laut Völkerrecht nötige Referendum des Volkes von Westsahara lehnt Marokko weiterhin ab.

Status quo – geteilte Westsahara, Quelle: Enyavar

Nationalistische Siegeslieder

Nach dem Sieg gegen Portugal filmten marokkanische Spieler sich beim Singen eines nationalistischen Liedes: „Die Sahara gehört uns, ihre Flüsse und ihr Land gehören uns“. Die illegale Annexion der Westsahara zu legitimieren ist bis heute der Kern der Außenpolitik und das Zentrum des Nationalismus von Marokko. Der Jahrestag des „grünen Marsches“, einer symbolischen Überschreitung der Grenze zur Westsahara 1975 durch hunderttausende Marokkaner:innen unter dem Banner von König und Koran, kurz vor der militärischen Besatzung des Landes, ist einer von mehreren auf die Westsahara bezogenen staatlichen Feiertagen.

Zu diesem Anlass reisen bis heute regelmäßig (frühere) Sportstars aus aller Welt nach Marokko. 2019 beispielsweise waren Luis Figo aus Portugal und Rivaldo aus Brasilien zu Gast. Zentral für dieses Sportswashing, der Werbung für Monarchie und Annexion mithilfe von Sportler:innen, sind die Brüder Ottman und Abu Azaitar aus Köln. Sie stehen bei der UFC („Ultimate Fighting Championship“) unter Vertrag, der erfolgreichsten Kampfsportpromotion der Gegenwart. Nach den Recherchen des Journalisten Karim Zidan ist Abu Azaitar ein mehrfach vorbestrafter Gewalttäter und gleichzeitig Vorsitzender des Komitees zum Gedenktag an den „grünen Marsch“. Neben Marokko sind auch die Emirate, Donald Trump und der tschetschenische Gewaltherrscher Ramazan Kadyrow mit der UFC verbunden. 

Palästina als Symbol pan-arabischer Identität

Angesichts dieser Zustände wirkt es doch erstaunlich, dass die marokkanischen Spieler mit einer palästinensischen Flagge Solidarität mit den Unterdrückten symbolisieren wollten. Wäre eine Flagge der Westsahara, die übrigens der Flagge Palästinas entlehnt ist, nicht besser gewesen? Gerade, weil Marokko 2020 als Teil der „Abraham-Abkommen“ die Beziehungen zu Israel „normalisiert“ hat. Im Gegenzug erhielt Marokko eine Anerkennung ihrer annektierten Gebiete seitens der USA, ein Hinterzimmer-Deal ohne diplomatische Involvierung der Sahrawis. 

Der Abraham Act macht’s möglich: „Willkommen in EUREM Land“ - marokkanische Werbung für israelische Tourist:innen, Jerusalem 2022, Foto: Tom Würdemann

Tatsächlich gibt es aber auch über den Kuhhandel zwischen den USA, Marokko und Israel hinaus Parallelen zwischen der Westsahara und den palästinensischen Gebieten. Der Politikwissenschaftler Johannes Becke von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg hat gezeigt, inwiefern sich die beiden Fälle ähneln: In beiden Fällen betreibt ein postkolonial entstandener Staat seit Jahrzehnten ein Kolonisierungsprojekt in einem Gebiet, das durch ein ebenfalls postkolonial entstandenes Machtvakuum besetzbar wurde, aber bis heute schwer zu kontrollieren ist. Beide Staaten haben das Expansionsprojekt in die nationale Identität aufgenommen, und nehmen dafür ein Maß an internationaler Isolation in Kauf. 

In beiden Fällen begründen Ideolog:innen die Expansion damit, dass der Befreiungsgedanke der Staatsgründung erst mit der „Wiederherstellung“ einer größeren Vision der Nation abgeschlossen sei. Die dagegen kämpfenden Nationalbewegungen der Palästinenser:innen und Sahrawis haben mit der Zeit an politischer Bedeutung verloren. Doch während die Sahrawis weitgehend vergessen sind, beschäftigt der israelisch-palästinensische Konflikt weiterhin die Köpfe. Das hat auch damit zu tun, dass es bei der demonstrativen Solidarität mit Palästina um mehr geht als nur die Rechte der Palästinenser:innen. 

Mit Ausnahme iranischer Marionetten wie Hisbollah oder der Huthi-Miliz (auf deren Flagge „ein Fluch auf die Juden“ steht), will die Politik der arabischen Staaten vom israelisch-palästinensischen Konflikt nichts mehr wissen. Die Sympathie der Bevölkerung in den meisten arabischsprachigen, muslimischen Ländern dagegen hat sich nicht verschoben – aber zunehmend nimmt „Palästina“, in Abwesenheit jeglicher politischen Bewegung, die Form eines abstrakten Symbols arabischer Solidarität ein. Konkret geschieht nichts, deshalb ist die Verschiebung ins zeichenhafte nur folgerichtig. Die Gefühlsebene – Palästina als Symbol pan-arabischer Identität – ist nachvollziehbar. 

Dennoch zeigt das Beispiel marokkanischer Spieler, die die Annexion der Westsahara feiern und der Besatzung in Palästina gedenken, wie sehr Palästina für arabische Autokratien weiterhin als politischer Blitzableiter dient, um von den eigenen Fehlern und Problemen abzulenken.
 

 

 

Tom  ist Nahostwissenschaftler und arbeitet in zwei Forschungsgruppen am Heidelberg Center for Transcultural Studies. Er ist ebenfalls in der pädagogischen Arbeit um die Themen Rassismus und Antisemitismus beheimatet.
Redigiert von Regina Gennrich, Pauline Jäckels, Claire DT